Positive und negative Folgen von Videospielen

Mann spielt ein Videospiel Foto: Sean Do / Unsplash.com

Videospiele

Positive und negative Folgen von Videospielen

Einfach mal zocken – wie gut ist das Abtauchen in die virtuelle Welt?

6. Juli 2020

Welche positiven Effekte können Videospiele erzeugen?

Der Nerd, der in seinem dunklen Zimmer hockt und tagelang nicht von seinem Computerbildschirm aufschaut, weil er in der virtuellen Welt gefangen ist, – ist ein Klischee, das schon seit Längerem ausgedient hat. Videospiele werden längst von Jung und Alt gespielt, von Männern und Frauen, auf dem Computer, der Konsole oder dem Handy. Sie dominieren die Unterhaltungsbranche und E-Sport ist ein Massenphänomen.

Spieler und Spielerinnen können in die unterschiedlichsten Welten eintauchen und miteinander oder gegeneinander antreten. Dabei können sie vielfältig profitieren: Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsfähigkeit können sich durch Videospiele erhöhen und die räumliche Vorstellungskraft wird trainiert. Auch bieten Videospiele oft neue kognitive Herausforderungen und die Gelegenheit, Orte oder Objekte zu erforschen – damit ähneln sie traditionellen Spielen. Egal ob gemeinsam auf der Wohnzimmercouch mit Freunden oder allein vor dem Rechner mit Kopfhörern: Videospiele können entspannend wirken und die Sozialisierung mit Gleichaltrigen fördern. Viele Spiele sprechen auch die Kreativität und das visuell-räumliche Denken der Spieler an: So können die Spieler etwa bei Minecraft ihrer Fantasie freien Lauf lassen und Gebäude und Welten frei nach ihren Vorstellungen bauen und gestalten. Bei Spielen wie Drawful können Spieler ihre Mitspieler für besonders kreative Ideen sogar mit Bonuspunkten belohnen. Gewaltfreie Spiele, in denen Spieler sich gegenseitig helfen, können zudem zu einer Steigerung der Empathie führen, sodass sie anderen Menschen in einer Notsituation schneller helfen.

Sozialer und glücklicher durch das Videospiel

Kinder, die Videospiele spielen, haben eine höhere Lebenszufriedenheit und zeigen ein sozialeres Verhalten als Nichtspieler. Allerdings tritt dieser Effekt nur bei Kindern auf, die täglich weniger als eine Stunde spielen. Spielen sie mehr (unter drei Stunden täglich,) zeigen sich keine positiven Wirkungen mehr, und spielen sie sehr viel (mehr als drei Stunden täglich), überwiegen stattdessen negative Auswirkungen: sinkende Lebenszufriedenheit und ein geringeres prosoziales Verhalten als bei Nichtspielern. Ursächlich könnte sein, dass wegen der langen Videospielzeit andere bereichernde Beschäftigungen aus dem Alltag der Kinder wegfallen. Möglich ist auch, dass sich Kinder mit einer niedrigeren Lebenszufriedenheit mehr zu Videospielen hingezogen fühlen.

Doch nicht nur die Dauer des Spielens ist entscheidend, sondern auch das Genre und die Art und Weise, wie das Spiel gespielt wird. Der Inhalt eines Spiels kann maßgeblich sein, ob negative oder positive Auswirkungen auf das Sozialverhalten zu erwarten sind. So sind von einem Spiel, in dem es lediglich um rohe Gewalt ohne Sinn und Verstand geht, negativere Effekte zu erwarten als von einem Spiel, in dem zwar Gegner umgebracht werden, jedoch aus dem Grund, heroisch die Welt zu retten. Denn Spieler können sich mit ihren Spielcharakteren identifizieren – und das hat Folgen. So macht es einen Unterschied, ob sich Spieler mit Spielcharakteren identifizieren, die sich aus selbstsüchtigen Gründen risikofreudig verhalten, oder ob sich die Spieler beispielsweise mit Spider-Man identifizieren, der sich zwar auch risikofreudig verhält, aber aus dem Motiv, anderen zu helfen.

Welche negativen Auswirkungen gibt es?

Videospielen wird oft auch mit Videospielsucht assoziiert. Auch wenn nur ein kleiner Teil der Computerspielenden tatsächlich süchtig ist, so ist es wichtig, sich bewusst zu machen, ob das Spielen höher priorisiert wird als andere Aktivitäten im täglichen Leben. Gerade Personen, die dem Glücksspiel verfallen sind, sollten darauf achten, wie viel Zeit sie damit verbringen und wie sich das Spielen auf ihre physische und psychische Gesundheit und ihre Sozialkontakte im “Real Life” auswirkt.

Aber auch wer nicht süchtig ist, kann durch das Spielen beeinträchtigt werden. So kann Spielen die Selbsteinschätzung beeinflussen: Spieler, die in der virtuellen Welt Rennen fahren, halten sich für riskantere Fahrer und risikobereiter. Wer sich selbst als risikobereiter einschätzt, muss deshalb nicht zwangsläufig tatsächlich ein riskanterer Fahrer sein, aber es ist möglich, dass sich die erhöhte Risikobereitschaft auf den Fahrstil auswirkt.

Untersuchungen ergaben zudem, dass intensive Videospieler schlechter schlafen. Möglich ist, dass das Videospielen zu einer schlechteren Schlafqualität führt, aber auch, dass Menschen mit einem schlechteren Schlaf intensiver Videospiele spielen. Das blaue Bildschirmlicht blockiert auf alle Fälle die Freisetzung von Melatonin, einem wichtigen Einschlaf-Hormon. Kurz vor dem Schlafengehen kann sich Videospielen also auf alle Fälle negativ auswirken – das gilt aber auch fürs Fernsehen.

Wenn die negativen Aspekte von Videospielen untersucht werden, so liegt der Hauptfokus der Wissenschaft jedoch meist auf Aggressivität.

Machen Killerspiele aggressiver als andere Spiele?

Wer Killerspiele spielt, schlägt auch mal im Real Life mit der Faust oder gar einer Waffe um sich? Das lässt sich natürlich so generell nicht sagen. Aber mit der Frage, ob brutale Videospiele Spieler zu einem brutaleren Verhalten animieren, haben sich schon viele Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen beschäftigt.

Die Frage, ob Videospiele zu aggressivem Verhalten führen, stellt die Forschung vor ein Problem. Wie misst man aggressives Verhalten? Dass sich die Probanden im Labor gegenseitig angreifen, – wäre – auch in rechtlicher und ethischer Hinsicht – suboptimal. Stattdessen untersucht man beispielsweise, ob die Probanden Stifte und Schokolade aus dem Labor stehlen oder bereit sind, einen optionalen Fragebogen auszufüllen. Auch wenn das Gesetz missachtende oder gewalttätige Spiele in diesen Szenarien zu einem geringeren prosozialen Verhalten führen, so stellt sich die Frage, wie übertragbar die Ergebnisse sind.

Klar ist, gewaltvolle Spiele können ihre Spieler “abstumpfen”. Auf echte Gewaltbilder reagieren Spieler von brutalen Spielen mit einer geringeren physiologischen Erregung als Spieler, die gewaltfreie Spiele konsumieren.

Assoziationen = Aggressionen?

Eine Möglichkeit, um zu testen, ob ein Spieler nach einem brutalen Spiel tatsächlich auch “aggressiver” denkt, sind Wortergänzungsaufgaben. So werden den Probanden Wörter vorgelegt wie beispielsweise “explo_e”. Fügt der Spieler oder die Spielerin nun ein “r” für “explore” (englisch für erkunden) oder ein “d” für “explode” (englisch für explodieren) ein?

Tatsächlich kommen mehrere Forscher zu dem Ergebnis, dass das Spielen von gewalttätigen Spielen, “aggressive Assoziationen” wahrscheinlicher macht. Doch kann man die Art des Spiels nicht außer Acht lassen. Kooperatives Spielen führt zu weniger aggressiven Assoziationen als konkurrierendes oder solistisches Spielen.

Gefühlswirrwarr nach dem Spielen

Unabhängig davon sind “aggressive Assoziationen” nicht gleichzusetzen mit aggressiven Gefühlen. Ob sich Spieler und Spielerinnen nach einem Killerspiel schlechter, feindseliger oder aggressiver fühlen, ist umstritten. Einige Studien kommen zu diesem Ergebnis, andere hingegen nicht. Denkbar wäre, dass nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung anfällig für Gewalt in Videospielen ist, während die Mehrheit durch brutale Spiele keine feindseligen Gefühle entwickelt.

So oder so, weder aggressive Assoziationen noch negative oder feindselige Gefühle bedeuten, dass ein Spieler oder eine Spielerin aufgrund eines Videospiels tatsächlich gewalttätig handelt. Personen, die generell gewalttätig sind, können ihre Aggressionen nach oder während eines Videospiels zeigen, doch das bedeutet nicht, dass das Videospiel ursächlich für die zugrunde liegende Gewalt ist. Ebenso gut könnte ein anderer Stimulus für einen Ausbruch sorgen.

Generell ist die Forschung zu Videospielen inkonsistent und oft mit schwerwiegenden methodischen Einschränkungen behaftet. Allgemeine Aussagen sind daher schwierig. Aber die Motivation, aus der jemand spielt, die Bedeutung, die dieses Spiel für die Spieler hat, sowie der Inhalt und die Dauer des Spielens sind entscheidend, ob die positiven oder negativen Konsequenzen überwiegen.

Autorin: Verena Mengel

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