Darum können manche Menschen mit ihren Gefühlen nichts anfangen

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Alexithymie

Darum können manche Menschen mit ihren Gefühlen nichts anfangen

Etwa zehn Prozent der Deutschen haben Alexithymie. Sie können ihre eigenen Gefühle weder erkennen noch aussprechen. Das hat zahlreiche Folgen für ihre Gesundheit und ihr soziales Umfeld.

14. Juli 2021

Was ist Alexithymie?

Alexithymie bedeutet übersetzt: keine Worte für Gefühle. Das heißt, Betroffene haben Probleme, ihre Emotionen differenziert wahrzunehmen oder in Worte zu fassen.

„Menschen mit Alexithymie spüren: Da geht irgendetwas in ihnen vor“, beschreibt Prof. Hans Jörgen Grabe von der Uniklinik Greifswald die Gefühlsblindheit. „Aber es ist nicht möglich, aus dieser Emotion ein konkretes Gefühl herauszuspüren.“ Stattdessen fehlinterpretieren Menschen Alexithymie ihre Gefühle als rein körperliche Vorgänge.

Das Problem: Sie können diese körperlichen Reaktionen dann gar nicht mit den stressigen Situationen in Verbindung bringen. Das raubt ihnen auch die Chance, den Stress zu verarbeiten – und zu lernen, damit umzugehen.

Keine Verbindung zwischen Schmerzen und Stress

Grabe gibt ein Beispiel: „Nehmen wir an, ein Angestellter hat ein schwieriges Gespräch mit seinem Chef.“ Vermutlich kennt jeder das Gefühl, dass einem solche Situationen auf den Magen schlagen können. Menschen, die ihre Gefühle differenzieren können, werden ihr Magengrummeln daher auch mit dem Gespräch in Verbindung bringen.

Jemand mit Alexithymie wird die Situation nicht so analysieren, erläutert Grabe. Sondern beispielsweise so: „Das Gespräch war gut. Aber irgendwie habe ich gerade totale Magenschmerzen.“ Die Person mit Gefühlsblindheit versteht also gar nicht, dass ihr Unwohlsein mit dem Gespräch zusammenhängt. Statt also Stresssituationen als stressig zu interpretieren, nehmen Alexithyme ihre emotionale Anspannung oder Belastung als rein körperliche Erscheinung wahr.

Wenn Worte für Gefühle fehlen

Der Begriff Alexithymie wurde in den 1970er Jahren geprägt. Er lässt sich aus dem Griechischen übersetzen mit „Fehlen der Worte für Gefühle“.

Gefühlsblindheit wird in der Forschung als Persönlichkeitsmerkmal oder -stil beschrieben. Allerdings bedeutet das nicht, dass Betroffene mit Alexithymie geboren werden. Forschende vermuten zwar, dass die Genetik eine Rolle spielt – die Ursachen für Alexithymie sind aber eher psychosozialer Natur. Häufig hatten Betroffene traumatische Erlebnisse oder wurden in ihrer Kindheit vernachlässigt.

Was bedeutet Alexithymie für den Alltag der Betroffenen?

Gefühlsblinde sind in ihrem Alltag dauerhaftem emotionalem Stress ausgesetzt. Denn auch wenn sie ihre Gefühle nicht ausreichend deuten können, wissen sie trotzdem, dass um sie herum etwas geschieht.

„Man kann sich das als grundsätzliches Lebensgefühl vorstellen, das besagt: Da draußen geht etwas Wichtiges vor sich, aber ich kriege nicht alles mit. Vielleicht sogar nur den allergeringsten Teil“, erläutert Matthias Franz, Professor für psychosomatische Medizin und Psychotherapie von der Uni Düsseldorf.

Befremdliches Verhalten

Hinzu kommt noch, dass Alexithyme entsprechend weniger Emotionen durch ihre Mimik ausdrücken. Ihr Verhalten wirkt auf andere befremdlich oder unsicher. Das löst Irritationen aus.

Gefühlsblinde ecken also in ihrem Umfeld häufig an. „Dieses Fremdheitsgefühl, was dann zwischenmenschlich entstehen kann, registrieren auch alexithyme Personen“, sagt Franz. Für sie ist das ein diffuser Stressor. Seine Ursache können sie aber nicht orten.

Kopieren von Emotionen …

Die Betroffenen versuchen dann, dieses Anecken bei anderen zu vermeiden, um nicht unangenehm aufzufallen. Daher entwickeln viele eine Pseudoemotionalität: Sie kopieren die emotionalen Reaktionen von anderen äußerlich – und lernen praktisch auswendig, wann es angebracht ist, zu lächeln, zu lachen oder zu weinen.

Das ist für Gefühlsblinde und ihr Umfeld unheimlich anstrengend. „Es ist so, als wenn man in einem fremden Land die Sprache nicht versteht, aber versucht, sie lautmalerisch nachzuahmen. Ohne zu wissen, was genau man eigentlich sagt.“

… um dabei zu sein

Franz betont, dass Alexithyme keine Pseudoemotionalität an den Tag legen, um zu betrügen – sondern um „mit dabei“ zu sein: „Das ist eine sehr tragische Situation. Gewissermaßen ein Fahren in den Nebel“, erläutert er.

„Mit der Gefahr, jederzeit irgendwo aufprallen zu können und missverstanden zu werden. Das ist das angespannte Lebensgefühl vieler Alexithymer.“

Welche gesundheitlichen Folgen hat Alexithymie?

Das angespannte Lebensgefühl und der ständige emotionale Stress haben gesundheitliche Folgen: Bei einer ganzen Reihe von Erkrankungen wurde ein Zusammenhang zur Alexithymie nachgewiesen.

Flucht in Abhängigkeiten

Gefühlsblinde leiden beispielsweise häufiger unter dem Borderline-Syndrom. Auch Süchte wie Essstörungen oder eine Drogenabhängigkeit treten bei ihnen öfter auf als bei der Durchschnittsbevölkerung.

Das liegt daran, dass die Betroffenen nicht die Möglichkeit haben, „emotionale Ausschläge konstruktiv einzufangen“, erklärt Hans Jörgen Grabe von der
Uniklinik Greifswald. Sie haben beispielsweise nicht die Möglichkeit, mit Konfliktsituationen umzugehen. Also flüchten sie sich in eine Abhängigkeit.

Generell haben Menschen mit Alexithymie einen ungesünderen Lebensstil, stellt Grabe fest. Das kann zu einer geringeren Lebenserwartung führen.

Alexithymie und Schmerzen

Alexithyme leiden zudem häufiger unter psychosomatischen Beschwerden. Sie haben beispielsweise Herzkrankheiten oder chronische Kopf-, Rücken oder Magenschmerzen. Die Krankheitsverläufe können bis zur Arbeitsunfähigkeit führen.

Alexithymie und Depressionen

Mehrere Studien wiesen zudem einen Zusammenhang zwischen Alexithymie und Angststörungen oder Depressionen nach.

Werden sie therapiert, ist der Behandlungserfolg bei gefühlsblinden Patienten und Patientinnen meist geringer. „Das Ausgangsniveau ist höher“, erklärt Grabe. Alexithyme starten mit einer höheren Last – und können meist nicht den gleichen Besserungsgrad durch eine Therapie erreichen wie Menschen ohne dieses Merkmal.

Hinzu kommt, dass sie es häufig nicht schaffen, ein entsprechendes Verhältnis zu ihrem Therapeuten oder ihrer Therapeutin aufzubauen.

Behandlung problematisch

Forschende vermuten, dass Alexithyme grundsätzlich im Gesundheitssystem auf Schwierigkeiten stoßen: Dass sie ihre Gefühle nicht beschreiben können, kann sich negativ auf das Arzt-Patienten-Verhältnis auswirken.

Hinzu kommt, dass psychosomatische Beschwerden schwieriger diagnostiziert werden können – schließlich beschreiben Gefühlsblinde rein körperliche Beschwerden. Sie laufen deshalb Gefahr, keine angemessene oder ausreichende Behandlung zu bekommen.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Verschiedene Untersuchungen haben festgestellt, dass zehn bis 13 Prozent der Bevölkerung alexithym sind. Matthias Franz hat etwa 2008 eine Studie hierzu in Deutschland durchgeführt. Demnach weisen etwa zehn Prozent der Deutschen eine ausgeprägte Alexithymie auf.

Verschiedene Abstufungen

Generell muss man aber sagen, dass niemand zu 100 Prozent alexithym ist – oder das komplette Gegenteil verkörpert und zu 100 Prozent empathisch ist. Es gibt Abstufungen: Manche Menschen haben besonders feine „Antennen“ und nehmen viele Stimmungen wahr, andere eben nicht.

Ob nun ein ausgeprägter Grad von Gefühlsblindheit vorliegt, wird in der Regel mit Fragebogenverfahren ermittelt. Bekannt ist der TAS-20 (Toronto Alexithymiae Scale). Liegt der TAS-20-Wert bei 61 oder mehr, liegt eine starke Alexithymie vor.

Bestimmte Gruppe sind eher betroffen

Bestimmte Gruppen in der Bevölkerung sind häufiger von Alexithymie betroffen als andere. „Wir finden verstärkte Merkmale bei Menschen, die alleine leben, die getrennt leben, die Beziehungsprobleme haben“, erklärt Franz.

Studien haben zudem ergeben, dass eher Männer und eher Menschen mit niedrigem Bildungsniveau das Persönlichkeitsmerkmal aufweisen. Bei Letzterem ist bislang aber nicht geklärt, wie der Zusammenhang genau aussieht.

Was sind die Ursachen für Alexithymie?

Die Ursachen für Alexithymie sind bisher noch nicht vollständig geklärt.

„Es gibt eine genetische Komponente“, sagt Matthias Franz von der Uni Düsseldorf. Forschende haben Hinweise darauf gefunden, dass sie bei der Entwicklung von Gefühlsblindheit eine Rolle spielt. „Das Gen für Alexithymie wird aber wohl nicht gefunden werden.“

Eine größere Rolle spielen daher psychosoziale Faktoren. Man geht davon aus, dass Gefühlsblindheit durch traumatische Ereignisse ausgelöst werden kann. Vor allem stellen Forschende aber fest, dass viele Betroffene in der Kindheit emotional vernachlässigt wurden.

Denn werden Kinder vernachlässigt, kann sich ihre Affektwahrnehmung und -verarbeitung nicht ausreichend entwickeln.

Wenn Eltern liebevoll auf ihre Kinder reagieren …

Babys kommen mit fünf angeborenen Basisaffekten zur Welt: Angst, Ekel, Freude, Trauer und Wut. Damit teilen sie ihre existenziellen Bedürfnisse mit.

Werden die Affektsignale von den Eltern feinfühlig wahrgenommen und liebevoll beantwortet, lernen die Kinder mit der Zeit, die unterschiedlichen Zustände zu unterscheiden und als Gefühle zu kommunizieren.

… und wenn sie es nicht tun

Anders sieht es aus, wenn die Eltern die Botschaften ihrer Babys nicht wahrnehmen. Zum Beispiel, weil sie es selbst nicht können oder an einer Depression leiden.

Dann entwickeln sich die Affektsysteme der Kinder nicht weiter – zumindest nicht bis zu der Stufe, ab der sie ihre Affektzustände in Sprache überführen können. „Es gibt dann keine Worte für Gefühle“, resümiert Matthias Franz von der Uni Düsseldorf.

Die Emotionen äußern sich stattdessen weiterhin auf der rein körperlichen Ebene – also wie bei Babys und Kleinkindern. Bei Kindern, die zumindest einen liebevollen und emotional präsenten Elternteil haben, kommt Gefühlsblindheit seltener vor.

Auch die Gesellschaft trägt Verantwortung

Auch die Gesellschaft steht in der Verantwortung: Nehmen wir uns noch ausreichend Zeit für den anderen? Beispielsweise dafür, auf seine Mimik und Gestik zu achten?

„Wir organisieren unser ganzes Leben in einer Art und Weise, die immer mehr dazu führt, dass Affektsignalen – insbesondere von Kindern, von Schwächeren, von einsamen oder älteren Menschen – nicht ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt wird“, so Franz.

„Da die Wahrnehmung von Affektsignalen die Voraussetzung jeder Bindung ist, kann das auch Folgen für den sozialen Zusammenhalt einer ganzen Gesellschaft haben.“

Ist Alexithymie heilbar?

Heilbar ist Alexithymie bisher nicht – aber sie ist behandelbar. Als erfolgreich wird die Gruppentherapie angesehen. „Dort können die Patienten beispielsweise Nähe- und Distanzerfahrungen machen“ erklärt Hans Grabe von der Uni Greifswald.

„Oftmals bringen wir sie auch in Situationen, in denen Gefühle provoziert werden.“ Die Betroffenen sollen dann versuchen, diese Gefühle aktiv wahrzunehmen und zu beschreiben.

Wenn sie es schaffen, hier ihre Fähigkeiten zu verbessern, kann sich das auch positiv auf die medizinische Behandlung von den Erkrankungen auswirken, die mit der Alexithymie in Verbindung stehen.

Autorin: Claudia Wiggenbröker

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