Darum kann es sich lohnen, Dinge aufzuschieben

Mädchen auf der Couch

Prokrastination

Darum kann es sich lohnen, Dinge aufzuschieben

Wer Dinge vertagt und lieber morgen als heute erledigt, wird schnell als faul abgestempelt. Dabei kann Aufschieben durchaus sinnvoll sein – und sogar zu besseren Ergebnissen führen.

20. September 2019

Darum geht’s:

Wir schieben gerne Dinge auf

Aufschieben, oder auch Prokrastinieren, wie Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen es nennen, ist ein Klassiker. Bevor es an den Schreibtisch geht, noch eben den Wellensittich füttern und feucht durchwischen. Dann, ehe man sich versieht, ist der Tag vorbei und das Projekt wird verschoben.

Fast alle von uns schieben schon mal die Steuererklärung vor sich her oder wollten schon längst den Keller entrümpeln. Gründe, etwas nicht zu tun, sind schnell gefunden. Doch irgendwann, manche früher, andere später, erledigen wir die unliebsame Tätigkeit dann doch. Schwierig wird es, wenn Dinge so lange liegen bleiben, dass die „Aufschieber“ handfeste Probleme bekommen.

In der Psychologie geht man davon aus, dass weltweit mindestens 15 Prozent der Menschen zu den echten Prokrastinierern gehören. Das sind diejenigen, die wichtige Tätigkeiten nicht nur ab und zu, sondern immer wieder aufschieben, obwohl sie eigentlich genügend Zeit dafür hätten, sie zu erledigen, und dadurch auch ihre persönlichen Ziele gefährden. Sie verbringen viel Zeit damit, sich mit dem Aufschieben zu beschäftigen, und leiden auch darunter. Außerdem kommen bei ihnen häufig körperliche oder auch psychische Beschwerden dazu, wie Schlafstörungen oder innere Unruhe.

Unter den echten Prokrastinierern sind besonders häufig Studierende und Freiberufler. Denn sie können in der Regel selbst entscheiden, wann sie arbeiten. Doch es ist nicht allein der Arbeitsstatus, der beim Aufschieben eine Rolle spielt.

Prokrastinieren könnte vererbbar sein

Dass einige Menschen eher zum Prokrastinieren neigen als andere, könnte an der genetischen Veranlagung liegen, mehr Dopamin zu bilden. Das haben Forscher der Bochumer Ruhr-Universität und der TU Dresden festgestellt.

Der Botenstoff Dopamin sorgt unter anderem dafür, dass wir flexibler denken und Informationen leichter ins Arbeitsgedächtnis gelangen. Dort werden die Informationen und Lösungen bereitgehalten, die wir für die aktuelle Beschäftigung mit einer bestimmten Aufgabe brauchen. Mit der Menge an Input steigt aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns ablenken lassen.

Interessant ist, dass die Wissenschaftler diesen „Dopamin-Effekt“ nur bei Frauen festgestellt haben. Warum das so ist, wissen die Forscher noch nicht. Was aber nicht heißt, dass Männer weniger prokrastinieren – ganz im Gegenteil, sie neigen sogar etwas häufiger dazu. Nur wurden bei ihnen bislang keine Anhaltspunkte dafür gefunden, die etwas mit den Genen zu tun haben könnten. Die Gruppe, die besonders oft unangenehme Dinge aufschiebt, sind Männer zwischen 14 und 29 Jahren. Das hat eine Studie der Universität Mainz gezeigt.

Wer Ängste nicht im Griff hat, schiebt eher auf

Warum wir prokrastinieren, ist noch nicht abschließend geklärt. Es gibt jedoch viele Hinweise darauf, dass Abläufe im Gehirn und psychologische Faktoren dabei eine Rolle spielen.

Einiges deutet beispielsweise darauf hin, dass die Größe der Amygdala zumindest mitverantwortlich sein könnte. In diesem Teil des Gehirns, auch Mandelkern genannt, wird die Verarbeitung von Gefühlen gesteuert. Hier sitzt sozusagen der Angsthase im Gehirn und warnt uns vor negativen Konsequenzen.

Biopsychologen haben erforscht, dass bei Menschen, die zum Aufschieben neigen, die Verbindung mit einer anderen Region, dem anterioren cingulären Cortex (ACC) gestört ist. Diese Region ist, vereinfacht gesagt, der Gegenspieler der Amygdala und bestärkt uns eher, Ideen umzusetzen.

Die These der Wissenschaftler: Ist die Amygdala verhältnismäßig groß, könnte das die Kommunikation mit dem anterioren cingulären Cortex stören, weil dann die Balance nicht mehr stimmt. Als Folge können negative Gefühle nicht mehr so gut reguliert werden. Wer seine Angst nicht im Griff hat, schiebt unangenehme Tätigkeiten dann eher auf als andere, weil er befürchtet, etwas falsch zu machen.

Ob man aufschiebt, hängt auch von der Erziehung ab

Letztlich sind das aber nur zwei weitere Teile eines großen Puzzles. So spielt zum Beispiel auch die Erziehung eine Rolle. Wenn Kinder früh lernen, auch mal unangenehme Aufgaben zu erfüllen, werden sie vermutlich als Erwachsene weniger aufschieben, sagt die Psychologin Margarita Engberding von der Prokrastinationsambulanz der Uni Münster. Und es ist auch eine Frage der Persönlichkeit und der Lebensumstände, ob jemand prokrastiniert.

Darum müssen wir drüber sprechen:

Aufschieben kann sinnvoll sein

„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“. Diesen Spruch kennt fast jeder. Doch wer immer alles sofort erledigt, kann dadurch sogar Nachteile haben.

Zum Beispiel dann, wenn man eine Rechnung bezahlt, obwohl eigentlich noch Zeit ist. Und dafür Zinsen fällig werden, weil man das eigene Konto überzieht. Oder wenn wir möglichst alle Einkaufstüten auf einmal ins Haus tragen. Und trotzdem zweimal laufen müssen, weil eine Tüte übrig bleibt, so wie es die Psychologin Lisa R. Fournier in einem Versuch beobachtet hat. Die Testpersonen gingen davon aus, dass sie auf diese Weise schneller zum Ziel kämen. Das war allerdings ein Trugschluss. Es dauerte länger und war noch dazu anstrengender, als die Tüten gleichmäßig aufzuteilen.

Prä- statt Prokrastination

Der Psychologieprofessor David Rosenbaum von der University of California hat sich intensiv mit dem Phänomen beschäftigt und fürs schnelle Erledigen den Begriff Präkrastination ins Spiel gebracht. Unter anderem könnte dahinter der Wunsch stecken, das eigene Gedächtnis zu entlasten. Und natürlich fühlt es sich grundsätzlich auch gut an, alles weggearbeitet zu haben. Das ist aber nur eine Seite der Medaille.

Aufschieben macht kreativ

Wer Dinge nicht sofort erledigt, sondern auch mal aufschiebt, hat die Chance, tiefer in die Materie einzudringen. Gerade wenn wir inhaltlich arbeiten, kann sich das auszahlen. Denn eine Studienarbeit und eine strategisch wichtige E-Mail an den Chef sollten gut durchdacht sein.

Nun könnte man natürlich sagen, dass man in dem Moment, in dem die gedankliche Auseinandersetzung mit einem Thema beginnt, ja schon nicht mehr aufschiebt. Da ist auch was dran, sagt Margarita Engberding von der Prokrastinationsambulanz der Uni Münster.

Aber wer einige Tage über ein Thema nachdenkt, beschäftigt sich in dieser Zeit natürlich auch mit anderen Dingen. Und wenn man in dieser Zeit abschweift und den nächsten Urlaub plant, prokrastiniert man eigentlich schon wieder. Die Grenzen sind also fließend. Trotzdem, sagt die Psychologin, kann es helfen, erst mal ganz ruhig die Gedanken schweifen zu lassen, also nicht zielgerichtet zu denken. Denn dann kommen häufig gute Einfälle dabei heraus.

Geschäftsideen sind nach Prokrastination besser

Dazu passt auch ein Experiment, das der amerikanische Psychologe Adam Grant in der New York Times beschrieben hat. In dem Test sollten Probanden Geschäftsideen entwickeln. Eine unabhängige Jury beurteilte dann, wie viel Kreativität in den Ideen steckte. Das Ergebnis war, dass die Einfälle origineller waren, wenn die Testpersonen vorher eine Runde Solitär oder Minesweeper gespielt hatten. Dabei ging es nicht darum, was die Probanden spielten, sondern dass zwischen dem Stellen und der Erfüllung der Aufgabe eine zeitliche Pause lag.

Das Fazit des Psychologen: Wenn wir direkt loslegen, verfolgen wir die erstbeste Idee. Aufschieben könnte dagegen das nichtlineare Denken fördern, also das Denken in alle Richtungen. Allerdings gibt es kaum andere Forschungsergebnisse, die diese These bestätigen. Deswegen ist auch noch unklar, welche gehirnphysiologischen Prozesse dahinterstecken könnten.

Aber:

Wer immer alles liegen lässt, kann Stress bekommen

Die Studie hat allerdings auch gezeigt, dass man es mit dem Aufschieben nicht übertreiben sollte. So hatten einige der Testpersonen den Auftrag, erst kurz vor Ende der festgelegten Zeit ihre Ideen zu entwickeln, und diese Einfälle stellten sich als nicht besonders gut heraus. Denn vermutlich fühlten die Probanden sich durch den Zeitdruck gestresst.

Im Alltag kann Aufschieben im großen Stil ebenfalls zum Problem werden. Wer beispielsweise die Steuererklärung nicht fristgerecht fertig macht, wird früher oder später Ärger mit dem Finanzamt bekommen –und kann damit sogar seine Existenz gefährden. Wer aufschiebt, stresst sich aber auch noch auf eine andere Weise. Denn wir ärgern uns darüber, dass die Aufgabe noch nicht erledigt ist, und werden immer unzufriedener.

Dauerhaftes Aufschieben ist nicht mehr hilfreich

Verschieben beispielsweise Freiberufler immer wieder ihre Projekte oder liefern ständig alles auf den letzten Drücker ab, kann das zu Unzufriedenheit bei Kunden und langfristig weniger Aufträgen führen. Bei Studierenden ist es ähnlich: Wer hier dauerhaft aufschiebt, Lernen oder Abgaben vertagt, verzögert sein Studium und besteht Prüfungen schlecht oder womöglich gar nicht.

Psychologen an der Uni Münster haben den Zusammenhang zwischen Prokrastination und der Länge des Studiums untersucht. Das Ergebnis: Je mehr jemand zum Aufschieben neigt, desto länger dauert das Studium. Das Gleiche gilt für Studienabbrüche.

Wissenschaftler der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz haben sich außerdem die langfristigen Folgen von Prokrastination angeschaut und herausgefunden, dass Menschen, die unangenehme Aufgaben häufig aufschieben, öfter als Single leben, arbeitslos sind und weniger Einkommen haben.

Wer zu viel aufschiebt, kann sich helfen lassen

Einige Hochschulen bieten deshalb spezielle Programme gegen die „Aufschieberitis“ an. Die Universität Münster beispielsweise hat eine Prokrastinationssmbulanz für Studierende eingerichtet.

Dort können chronische Aufschieber ein Training absolvieren. Das geht über mehrere Wochen und beginnt damit, dass die Teilnehmer sich selbst beobachten. So sollen sie herauszufinden, warum sie aufschieben. Dann analysieren Psychologen die Muster und machen mit den Prokrastinierern bestimmte Übungen. Sie lernen zum Beispiel, realistisch zu planen und Störungen und Ablenkungen auszublenden.

Und jetzt?

Einfaches sofort erledigen, Kreatives liegen lassen

Im Grunde hängt es von der Art der Aufgabe und der eigenen Situation ab, ob es sinnvoll ist, Dinge liegen zu lassen oder sie sofort zu erledigen. Wer viel um die Ohren hat, kann durchaus davon profitieren, einfache Aufgaben schnell wegzuarbeiten. So entlasten wir unser Arbeitsgedächtnis. Außerdem kann es motivierend sein, von der persönlichen To-do-Liste möglichst zügig viel wegstreichen zu können. Und natürlich ist Aufschieben gar keine gute Idee, wenn Job oder Studium auf dem Spiel stehen.

Wer es allerdings partout nicht mag, unbezahlte Rechnungen auf dem Schreibtisch liegen zu haben und sie bezahlt, obwohl sie noch gar nicht fällig sind, sollte lieber abwarten. Denn möglicherweise wird’s dann teurer, weil Zinsen auf dem Girokonto anfallen, wenn man es überziehen muss, um die Rechnung zu begleichen. Dann kann Aufschieben durchaus sinnvoll sein.

Gute Ideen brauchen Zeit

Wer es außerdem aushalten kann, wichtige E-Mails nicht sofort zu bearbeiten oder den Aufsatz für die Uni noch ein paar Tage liegen zu lassen – vorausgesetzt, die Deadline läuft nicht ab – kann davon profitieren. Bei Projekten, die Kreativität erfordern, oder wenn wir gerne tief in die Materie einsteigen möchten, kann Aufschieben nämlich sinnvoll sein. Denn gute Ideen brauchen in der Regel Zeit.

Wer zu Ungeduld neigt und am liebsten sofort loslegen möchte, kann versuchen sich zu bremsen, indem er kurz überlegt und sich die Nachteile klar macht. Eine andere Strategie haben Psychologen leider nicht für „Schnellerlediger“. Das liegt auch daran, dass die Konsequenzen in der Regel nicht so negativ sind wie beim chronischen Aufschieben.

Wer zu viel aufschiebt, sollte Projekte in Päckchen teilen

Wer merkt, dass sein Leben aus den Fugen gerät, weil er immer wieder unangenehme Aufgaben aufschiebt, kann sich dagegen einige Strategien zurechtlegen und zum Beispiel anstehende Projekte in kleine Päckchen teilen. Dann fällt es vielen Menschen leichter anzufangen, weil die Arbeit machbarer erscheint.

Auch wenn es paradox klingt: Menschen, die zum Aufschieben neigen, sollten ganz bewusst wenig Zeit für ihr Projekt einplanen. Mit dieser Methode arbeitet zum Beispiel die Prokrastinationsambulanz der Uni Münster. So wird Zeit zu einer wertvollen Ressource und man nutzt die Gelegenheit und lässt sie nicht verstreichen. Von dieser Strategie würden besonders viele Aufschieber profitieren, erklärt Margarita Engberding. So könnten sie langfristig lernen, sich ihre Zeit gut einzuteilen und unangenehme Aufgaben schneller zu erledigen.

Darum ganz wichtig: Wer es alleine nicht hinbekommt, kann und sollte sich Hilfe holen. Das gilt für „Schnellerlediger“ ebenso wie für „Aufschieber“.

Autorin: Christiane Tovar

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1 Kommentar

  1. Wer Dinge aufschiebt wird, von ihnen irgendwann „überrannt“ Darauf zu hoffen, dass sich etwas selbst erledigt und sich wundern warum man immer mehr vor sich herschiebt, dann jammern über den selbsterzeugten Zustand. Was für eine UN-LOGIK.

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