Darum verbreiten sich Verschwörungsmythen so leicht

YouTube-Videos und Facebook-Posts sind alles andere als verlässliche Quellen. Warum glauben trotzdem so viele, was im Internet steht? Bild: Kaitlyn Baker / unsplash.

Psychologie

Darum verbreiten sich Verschwörungsmythen so leicht

Viele YouTube-Videos und Facebook-Posts sind alles andere als verlässliche Quellen. Warum glauben trotzdem so viele, was im Internet steht?

23. September 2020 | 8 Kommentare

Wie häufig sind Verschwörungsmythen in den sozialen Medien?

Zumindest ein beachtenswerter Teil der Informationen in den sozialen Medien ist falsch. Da sich ständig ändert, was online steht, lassen sich natürlich keine exakten Zahlen für Falschinformationen im Allgemeinen bestimmen. Trotzdem gibt es zu einzelnen Themen Untersuchungen. Vor allem Geopolitik, Umwelt, Ernährung und Gesundheit befördern Diskussionen in den sozialen Medien und hier lassen sich besonders viele verschwörungsmythische Aussagen finden.

So wurden in einer Studie aus dem Jahr 2018 zum Beispiel die beliebtesten YouTube-Videos zum Zika-Virus untersucht. Etwa ein Viertel enthielten irreführende Informationen. Eine andere Studie betrachtete die weltweit beliebtesten YouTube-Videos über das Thema Impfen. In über 65 Prozent der Videos wurde vom Impfen abgeraten, obwohl es keine wissenschaftliche Grundlage für diesen Ratschlag gibt. Außerdem sind Inhalte mit Falschinformationen in den sozialen Medien meistens beliebter als solche, die auf Fakten basieren und werden deshalb häufiger geteilt.

Auch bei der aktuellen Coronavirus-Pandemie gibt es eine Menge Verschwörungsmythen im Internet. Unter den weltweit beliebtesten YouTube-Videos zum Coronavirus enthält über ein Viertel Falschinformationen. Und: Wer eher an Verschwörungsmythen über das Coronavirus glaubt, informiert sich auch eher in den sozialen Medien über die Pandemie, wo dann eben besonders viele falsche Infos zu finden sind. Zu Beginn der Corona-Pandemie warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO sogar vor einer sogenannten Infodemie. Über das Coronavirus seien viel zu viele Informationen im Umlauf, wahre und falsche, und deshalb könnten Laien nur schwer vertrauenswürdige Quellen finden.

Die sozialen Medien machen es Verschwörungsgläubigen leicht

Falschinformationen in den sozialen Medien zu verbreiten ist einfach: Jeder kann einen Account erstellen und sich einen pseudowissenschaftlichen Namen zulegen. Für Verbreiter von Verschwörungsmythen ist das sehr verlockend: Über soziale Medien können sie schnell sehr viele Menschen erreichen, und ihre Inhalte werden kaum auf den Wahrheitsgehalt überprüft. Manche wählen zudem bewusst vertrauenserweckende Begriffe in ihrem Namen. „Institut“ ist beispielsweise nicht geschützt und kann von jedem verwendet werden – ein prominentes Beispiel der Klimaleugnerszene ist das Europäische Institut für Klima und Energie (EIKE). Geforscht wird dort nicht, der offizielle Klang verleiht EIKE trotzdem eine Art Pseudoautorität.

Woran du einen Verschwörungsmythos erkennst, erfährst du hier.

Wieso verbreiten sich Verschwörungsmythen im Internet so gut?

Videos mit Falschaussagen sind auf YouTube im Durchschnitt beliebter als Videos mit wahren Aussagen. Tweets mit Falschinformationen werden viel mehr geteilt als solche mit wahren Aussagen, und erreichen auch viel mehr Menschen auf Twitter. Forschende des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA haben die Verbreitung von falschen und wahren Informationen auf Twitter untersucht und herausgefunden: Es dauerte etwa sechs Mal länger, mit einer wahren Information 1500 Menschen zu erreichen als mit einer falschen. Falsche politische Informationen verbreiteten sich besonders schnell.

Eine Erklärung für die schnellere und weitflächigere Verbreitung von Falschinformationen ist: Falschinformationen erscheinen neuer und unbekannter, und Neuigkeiten werden häufiger geteilt. Im eigenen sozialen (Online-)Umfeld sind neue Informationen wertvoller, weil sie den Teilenden den Status verleihen, mehr zu wissen als andere und vielleicht sogar ein „Insider“ zu sein. „In den sozialen Medien geht es nicht darum, lange über eine Information nachzudenken“, sagt Prof. Katharina Kleinen-von Königslöw, die an der Universität Hamburg zu Falschinformationen und Meinungsblasen in den sozialen Medien forscht. „Man will eher eine bestimmte Stimmung mit anderen teilen oder der erste im Freundeskreis sein, der etwas Interessantes entdeckt hat.“

Und es spielt auch eine Rolle, wer in den sozialen Medien Posts teilt: Einer chinesischen Studie zufolge neigen vor allem Menschen dazu, Gerüchte im Internet zu verbreiten, die sich wenig mit Wissenschaft auskennen und eher naiv an Informationen über Gesundheitswissen herangehen. Auch das befördert die Verbreitung von Verschwörungsmythen.

Warum glauben Menschen, was Fremde in den sozialen Medien behaupten?

Die ursprüngliche Falschmeldung mag von einem Fremden stammen, aber Überbringer der Falschmeldung sind meist Bekannte. Eine Facebook-Freundin teilt einen Link zu einem Artikel und schreibt „Lesenswert!“ dazu. Oder ein Bekannter schickt ein YouTube-Video über WhatsApp. Das macht den Link interessanter. „Weil die Informationen von Vertrauenspersonen kommen, vertrauen wir auch den Informationen selbst mehr“, sagt Kleinen-von Königslöw. „Dadurch treten wir Informationen, denen wir in den sozialen Medien begegnen, in der Regel weniger skeptisch gegenüber.“

Wir tendieren dazu, Links eher anzuklicken, wenn enge Freunde und Freundinnen sie teilen. Das liegt auch daran, dass wir wissen möchten, was Freunde lesen. Wir vertiefen damit vor allem unser Wissen über unsere Freunde und weniger die Erkenntnisse über das spezielle Thema. Glauben wir auch noch, die Freunde haben in dem entsprechenden Thema Ahnung und eine ähnliche politische Einstellung wie wir selbst, schätzen wir den geteilten Artikel umso relevanter für unser Leben ein.

Verschwörungsmentalitäten sind nicht selten

Nun glaubt nicht jeder sofort an eine Weltverschwörung, nur weil eine Freundin einen Artikel dazu auf Facebook teilt. Aber jede Konfrontation mit einem Verschwörungsmythos festigt diesen im Gedächtnis, denn jede Wiederholung macht die Behauptung bekannter. Und was bekannter ist, ist für das Gehirn automatisch ein Stück wahrer. Wer dann auch noch zu einer sogenannten Verschwörungsmentalität neigt, glaubt vielleicht nicht an die Weltverschwörung – aber doch an einzelne Pseudofakten, die im Facebook-Artikel aufgezählt wurden.

Verschwörungsmentalität bedeutet, dass man zum Beispiel glaubt, Medien und Politik würden im Geheimen zusammenarbeiten oder dass man lieber seinen Gefühlen vertraut anstelle von wissenschaftlichen Fakten. So glauben der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge über 40 Prozent der Befragten, geheime Organisationen hätten Einfluss auf politische Entscheidungen. Diese Verschwörungsmentalität ist also alles andere als selten.

Man sucht nach Infos, die zum Weltbild passen

Ein weiterer Effekt ist der sogenannte Bestätigungsfehler (englisch: confirmation bias): Man glaubt Informationen eher, wenn sie ins eigene Weltbild passen. Denn jede unpassende Information kann alle bisherigen Überzeugungen in Wanken bringen und ist daher zunächst bedrohlich. Dieser Mechanismus ist gut erforscht. Eine Meta-Studie geht davon aus, dass es doppelt so wahrscheinlich ist, dass man sich eine Information sucht, die sich mit den eigenen Überzeugungen vereinbaren lässt. Besonders stark wirkt der Bestätigungsfehler, wenn es um politische Ansichten oder eigene Werte geht.

Durch diesen Effekt interagiert man online eher mit Menschen, die dieselben Ansichten haben wie man selbst. Wer sich mit verschwörungsmythischen Quellen zu einem Thema in den sozialen Medien informiert, gerät schnell auch bei anderen Themen in die verschwörungsmythische „Blase“. Und da im Internet so viele Informationen verfügbar sind, ist es einfach, die zu finden, die am besten zum eigenen Weltbild passen, sagt Dr. Walter Quattrociocchi von der Universität Venedig. Mit seinem Team erforscht er große Datensätze von Nutzern sozialer Medien mit Blick auf verschwörungsmythische Inhalte. „Es ist sehr wichtig, welche Narrative Informationen in den sozialen Medien bedienen“, sagt er. „Wissenschaft ist meistens eher langweilig, mit wissenschaftlichen Fakten wird keine Geschichte erzählt. Eine Verschwörungstheorie hat die bessere Story, sie fasziniert mehr und ist deshalb anziehender.“

Sind Algorithmen schuld an der Verbreitung von Verschwörungsmythen?

„Der entscheidende Faktor ist nach wie vor der Mensch“, sagt Kleinen-von Königslöw. „Viel wichtiger als etwa der Empfehlungsalgorithmus bei Facebook ist: Wem folgen wir, was liken wir, mit wem sind wir befreundet? Der Algorithmus verschärft das Problem nur.“

Trotzdem bilden sich in den sozialen Medien sogenannte Echokammern dadurch, dass man eher die Informationen und Quellen auswählt, die zum eigenen Weltbild passen. Das gilt sowohl für Verschwörungsgläubige als auch für Nutzer, die sich für wissenschaftliche Informationen interessieren. Walter Quattrociocchi hat in seiner Forschung über eine Million italienische Facebook-Accounts untersucht und herausgefunden: Es haben sich Meinungsblasen gebildet, die entweder der Wissenschaft vertrauen oder Verschwörungsmythen glauben. Die Nutzer in beiden Echokammern bleiben stark unter sich, sind eher mit Nutzern derselben Echokammer befreundet und folgen eher Seiten mit den Narrativen, denen sie auch zustimmen.

Überschätzt werden sollten diese Echokammern allerdings nicht: Auch Nutzer der sozialen Medien konsumieren noch klassische journalistische Produkte wie Radio, Fernsehen und Zeitungen und sind dadurch nicht in der Meinungsblase gefangen. Hinzu kommt, dass Facebook-Freunde, Instagram- oder Twitter-Follower normalerweise nicht alle dieselben Einstellungen haben und schon dadurch die Echokammer durchbrochen wird. Es gibt ausreichend Belege, dass Echokammern existieren und der Effekt verstärkt wird, wenn Menschen nach Informationen suchen, die zu ihren Einstellungen passen. Aber sie sind nicht undurchdringlich.

YouTube-Algorithmus liefert extreme Ergebnisse

Eine der sozialen Plattformen hat allerdings durchaus einen Algorithmus, der radikalisieren kann: der Empfehlungsalgorithmus der Videoplattform YouTube. „Damit man möglichst lange dranbleibt, werden den Zuschauern Videos empfohlen, die immer ein bisschen extremer sind als die, die man schon angesehen hat“, sagt Kleinen-von Königslöw. „Das zu erkennen und an anderen Orten nach Informationen zum selben Thema zu suchen, fällt vielen schwer. Es ist viel leichter, einfach das nächste, extremere Video anzusehen.“

Das bestätigt auch ein Bericht des Informatikers Guillaume Chaslot, der mehrere Jahre lang am YouTube-Algorithmus mitgearbeitet hat. Er erklärt in einem Artikel auf medium.com, dass YouTube Videos empfiehlt, die besonders lange angeschaut wurden. Wenn man zum Beispiel auf YouTube herausfinden möchte, ob die Erde rund ist, werden eher Videos vorgeschlagen, die die Behauptung unterstützen, die Erde wäre flach. Denn diese unwissenschaftlichen Videos werden länger angesehen als solche, die bestätigen, was allgemein bekannt ist. Auf diese Weise unterstützt der YouTube-Algorithmus extreme und verschwörungsmythische Ansichten.

Was kann ich tun, wenn Freunde oder Verwandte Verschwörungsmythen teilen?

Normalerweise überzeugt man keinen Verschwörungsgläubigen, wenn man dem geteilten Verschwörungsmythos einfach fundierte Fakten entgegenstellt. Denn diese Fakten interpretieren Verschwörungsgläubige so um, dass sie doch wieder ins eigene Weltbild passen. Im Zweifelsfall sind Wissenschaft und Medien gekauft, und die Regierung lügt, wenn das eigene Weltbild sich nur mit dem Verschwörungsmythos vereinbaren lässt. Eine Konfrontation mit Fakten kann sogar so weit gehen, dass Verschwörungsgläubige danach noch überzeugter von ihrem Verschwörungsglauben sind. Das wird Backfire-Effekt genannt. „Wenn Verschwörungsgläubige mit unpassenden Informationen konfrontiert werden, lesen sie danach noch mehr verschwörungsmythische Inhalte“, sagt Quattrociocchi. „Das geht fast jedem so: Wenn eine wichtige persönliche Überzeugung angegriffen wird, sucht man danach noch stärker nach Gründen, an dieser Überzeugung festzuhalten.“

Trotzdem kann man öffentlichen Posts mit Fakten widersprechen, damit unbeteiligte Mitlesende nicht auch noch auf den Verschwörungsmythos hereinfallen. Es kann auch helfen, auf Widersprüche in der verschwörungsmythischen Argumentation hinzuweisen oder einen Link zu einem Faktencheck zu posten.

Wie kann man Verschwörungsgläubige überzeugen?

Möchte man tatsächlich mit dem Verschwörungsgläubigen ins Gespräch kommen und ihn vielleicht sogar von den Fakten überzeugen, sollte man sich dazu einen anderen Rahmen suchen. Das kann ein persönlicher Chat sein oder sogar ein direktes Gespräch. „Wenn ich jemanden öffentlich angehe, gerät er in eine Verteidigungshaltung, das bringt wenig Erfolg“, sagt Kleinen-von Königslöw. „Besser ist es, die Personen direkt anzusprechen und einfach nachzufragen, warum sie das geteilt haben. Das kann sie dazu motivieren, beim nächsten Mal etwas vorsichtiger damit umzugehen.“ Sie sagt außerdem, gerade ältere Generationen seien oft unsicher im Umgang mit Online-Medien. Wenn man ihnen einige Beispiele für Falschinformationen und Verschwörungsmythen zeigt, kann der Lerneffekt schon sehr groß sein.

Außerdem kann es helfen, das Gegenüber zu ermutigen, analytisch zu denken und sich nicht einfach auf das Bauchgefühl zu verlassen, und ihm so ein gewisses Gefühl von Kontrolle zurückzugeben. Denn wer das Gefühl hat, die Kontrolle zu haben, glaubt seltener an Verschwörungsmythen. In jedem Fall sollte aber klar sein: Die Auseinandersetzung mit jemandem, dessen Ansichten tief im Verschwörungsglauben verwurzelt sind, können anstrengend sein und vielleicht auch ins Leere laufen. Man sollte sich deshalb vorher Gedanken darüber machen, wie viel man leisten kann und ob man wirklich der Richtige für diese Aufgabe ist. Oder nicht doch jemanden hinzuziehen möchte, der der betreffenden Person noch näher steht und sie eher erreichen kann.

Autorin: Lena Puttfarcken

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8 Kommentare;

  1. bill gates und seine stiftungen und firmenbeteiligungen profitieren also nicht von der pandemie? wie würde man denn diese ignoranz und behauptung noch nennen können?

    1. Und wer profitiert von Verschwörungstheorien der Pandemieleugner, Impfgegner, QAnons, … ?
      Nazis und andere Extremisten, die nur schwarz-weiß denken können/wollen und denen daher eine plurale Demokratie und Vielfalt ein Dorn im Auge ist, profitieren also nicht von den Verschwörungstheorien? Wie würde man denn diese Ignoranz und Behauptung noch nennen können? Somit ist jeder „Verschwörungsgläubige“ ein Steigbügelhalter für die extreme Rechte und andere Radikale.

  2. Oh je, ich bin Verschwörungstheoretiker..
    Zitat:“So glauben der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge über 40 Prozent der Befragten, geheime Organisationen hätten Einfluss auf politische Entscheidungen. Diese Verschwörungsmentalität ist also alles andere als selten.“
    Denn ich glaube nicht nur, ich weiß das Lobbyismus in Deutschland Einfluss auf politische Entscheidungen hat. Und das Lobbyismus hinter geschlossenen Türen stattfindet, also im Geheimen. Und das keine einzelnen Personen, sondern Organisationen wie Unternehmen und Verbände Lobbyismus betreiben…

  3. Was ist denn eine Verschwörungstheorie? Wenn ich behaupten würde, dass der „Drosten—PCR-Test, auf dem die Pandemie gegründet wurde, überhaupt nicht dazu geeignet ist eine Infektion mit dem Coronavirus festzustellen, wäre das für Sie eine Verschwörungstheorie?

      1. Hallo Quarks,
        wenn Sie meine Zeilen aufmerksam gelesen hätten, wäre Ihnen aufgefallen, dass ich nichts behauptet, sondern nur gefragt habe, was in Ihren Augen eine Verschwörungstheorie ist.
        Viele Grüße

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