Das weiß die Wissenschaft über Liebe

Fehlt noch. Foto: Jude Beck/unsplash.

Hirnforschung

Das weiß die Wissenschaft über Liebe

Liebe ist ein großes Gefühl. Was die Natur davon hat, wenn wir uns verlieben und warum wir eigentlich nicht monogam sind, liest du hier.

11. November 2020 | Aktualisiert: 9. August 2021

Was ist Liebe?

Liebe ist wissenschaftlich und völlig unromantisch ausgedrückt ein Gefühlszustand der Zuneigung. Es gibt unterschiedliche Arten der Liebe, die vom Verhältnis der Personen abhängen – etwa zwischen Liebespartnern oder Eltern und ihren Kindern.

Doch auch innerhalb einer romantischen Beziehung gibt es verschiedene Formen: Am Anfang sind wir Hals über Kopf verliebt, danach bleibt es im Idealfall romantisch und wird ernster, später entsteht eine tiefe Bindung zum Partner beziehungsweise der Partnerin. Die wichtige Erkenntnis: Liebe verändert sich.

Ein Gefühl mit biochemischer Grundlage

Liebe wird oft als das stärkste Gefühl beschrieben und ist dabei äußerst ambivalent. Manche Menschen treibt sie in Zustände des vollkommenen Glücks, andere katapultiert sie in die Depression.Sie verfügt über die Kraft, alle moralischen Hemmschwellen über Bord zu werfen. Ein großer Teil der Morde sind Beziehungstaten, bei denen Besitzansprüche, Eifersucht und Enttäuschung auf die Liebe zurückzuführen sind.

Aber auch das Gegenteil ist möglich: Die Liebe ist ein Gefühl mit biochemischer Grundlage und neurobiologischen Mustern, die es uns Menschen ermöglicht und vereinfacht, Bindungen einzugehen. Sie stärkt das Miteinander, erhöht evolutiv betrachtet den Paarungserfolg und die Chancen auf gesunden Nachwuchs. Das sichert einer Spezies das Überleben. Die Liebe ist eine der einflussreichsten und trickreichsten Funktionen, die sich über Jahrmillionen in Gehirn und Körper eingebaut haben.

Warum lieben wir?

Es gibt unterschiedliche Ansätze, um den Zweck von Liebe evolutionär zu erklären. Liebe bringt Menschen zusammen und dabei vor allem Männchen und Weibchen. Sie unterstützt den Trieb, sich fortzupflanzen, und dient insofern dazu, dass die Spezies überlebt. Die sexuelle Reproduktion führt auch dazu, dass sich das Erbgut der Eltern möglichst geschickt kombiniert.

Darüber hinaus kann die Liebe einer langfristigen Beziehung dem Nachwuchs dabei helfen, geschützt und sicher aufzuwachsen. Irgendwann lässt die Verliebtheit zwar nach, aber die Liebesbeziehung ermöglicht uns eine Partnerschaft mit Vertrauen, Nähe und Geborgenheit – essenzielle Bedürfnisse des Menschen. Die Liebe kann das Wohlbefinden des Menschen positiv beeinflussen.

Forschungen zur Biologie der Homosexualität findest du hier.

Können alle Menschen lieben?

Das ist vor allem eine Definitionssache. Es gibt unterschiedliche Formen der Liebe und unterschiedliche Beziehungsmuster, in denen diese Liebe gelebt wird: Selbstverliebtheit, romantische Liebe, leidenschaftliche Liebe und Sex sowie Liebe zwischen Eltern und Kindern oder auch Freunden. Lässt man alle diese Formen gelten, wird vermutlich jeder Mensch zu mindestens einer Form der Liebe fähig sein.

Doch nicht alle sind auch zu jeder Form der Liebe fähig – und sei es nur für einen gewissen Zeitraum. Psychische Störungen wie eine Depression, aber auch Traumata können Menschen verändern und derart prägen, dass sie zunehmend beziehungsunfähig werden. Sie isolieren sich und damit fehlen wichtige Faktoren für den Aufbau einer Liebesbeziehung. Menschen ohne Urvertrauen fällt es schwer, sich auf andere Personen einzulassen – für langfristige Beziehungen ist das ein Muss.

Mehr zum Thema Depressionen findest du hier.

Was passiert im Körper, wenn wir lieben?

Zunächst einmal: Die Poesie liegt völlig daneben. Verliebtsein und Liebe haben ihren Ursprung nicht im Herzen. Der Herzschlag kann aber durchaus ein Symptom dafür sein, dass jemand wirklich verliebt ist. Frisch Verliebte haben einen erhöhten Herzschlag, feuchtere Haut und Hände, die Wangen sind stärker durchblutet und röten sich. Verliebtsein ist ein extrem starker, einnehmender Gefühlszustand – und fast alles spielt sich im Gehirn ab.

Zeigt man Paaren das Bild ihres Partners, dann sehen Forscher anhand von MRT-Aufnahmen, dass das limbische Belohnungssystem im Gehirn deutlich stärker anspringt, als dies etwa bei Freunden oder Verwandten der Fall ist. Gleichzeitig aber reduziert sich die Aktivität in anderen Gehirnarealen, etwa dem präfrontalen Cortex. Er ist für rationales Denken zuständig. Schaut man sich solche Studien an, scheint viel dran zu sein am geläufigen Spruch: Liebe macht blind.

Verliebte erscheinen Forschern wie Kranke

Leidenschaftliche Liebe befeuert Zustände im Körper und insbesondere im Gehirn, die einer Sucht gleichen. Botenstoffe wie das sogenannte Glückshormon Dopamin überschwemmen unser Denkorgan. Verliebte sind euphorisch – genau wie suchtkranke Menschen. Gleichzeitig sinkt bei vielen Personen gleichzeitig der Serotoninspiegel. Auch hier handelt es sich um eine Art Glückshormon. Doch bei Verliebtheit gleicht der Zustand eher einer Zwangsstörung, die sich in Form einer Obsession ausdrücken kann. Plötzlich sind die Verliebten nur noch auf eine einzige Person fixiert, alle Gedanken kreisen nur noch um sie. Vor allem für das soziale Umfeld oft ein genauso verwunderliches wie schmerzliches Erlebnis.

Allerdings weisen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch darauf hin, dass es nicht leicht ist, von Aktivitäten und Mustern im Gehirn direkt auf psychologische Vorgänge beim Menschen zu schließen – aber genau deshalb wird es spannend. Übersichtsarbeiten zeigen etwa: Nicht bei allen Personen sinkt der Serotoninspiegel, und während der Testosterongehalt bei Frauen ansteigt, sinkt er bei Männern – und: Mit der Zeit verändert sich wieder alles.

Verliebtsein und Liebe sind grundverschieden

Der Hormoncocktail ist mitverantwortlich dafür, dass wir plötzlich alles ganz anders wahrnehmen und auch anders handeln. Eigentliche Denkmuster im Gehirn sind somit plötzlich überbrückt. Die Entscheidungen finden über andere Nervenbahnen statt.

Doch wenn die Beziehung länger dauert, gewöhnt sich der Körper an die Rauschzustände und die Euphorie nimmt ab. Die neuronale Verarbeitung läuft immer weniger über das Lustzentrum, dafür viel mehr über ein Gehirnareal, das Gefühle verarbeitet. Kuscheln, Knutschen und Zweisamkeit führen dazu, dass der Dopaminrausch mit mehr Oxytocin und Vasopressin ersetzt wird. Aus blindem Verliebtsein wird eine reifere Beziehung – und das lässt sich auch in Körper und Gehirn nachweisen.

Können wir uns in jeden Menschen verlieben?

Die Attraktivität, die von einem Menschen ausgeht, basiert auf vielen Faktoren: Aussehen, Charakter und Erscheinung und insbesondere auch Geruch. Der Mensch nimmt unweigerlich Duftnoten wahr, die bei jedem Menschen einzigartig sind. Sie haben etwas mit dem Erbmaterial zu tun. Über diese speziellen Gerüche können unsere Körper kommunizieren und dem Menschen meist unbewusst signalisieren, ob das Gegenüber zur Fortpflanzung geeignet ist. Denn die Evolution möchte vor allem eines: Vielfalt.

Geruch als wichtiges Kriterium

Je stärker sich die Gene von zwei Menschen unterscheiden, desto eher finden sie sich attraktiv. Genetisch ziehen sich Unterschiede also an. Das hat den einfachen Grund, dass die Natur so versucht, die Nachkommen besser gegen Krankheiten zu rüsten.

Wenn diese Form der Anziehung nicht gegeben ist, hat es die Liebe zwischen zwei Personen schwerer. Allerdings können auch Charakter und Interessen von Personen das Gegenüber so sehr von sich überzeugen, dass sich Verliebtheit einstellt – unabhängig davon, ob nun Körpergeruch oder Aussehen dem eigentlichen Traumtypus entsprechen. Es deutet sich wissenschaftlich aber an: Der Geruch ist ein äußerst wichtiges Kriterium.

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Kann man seinen Partner ewig lieben?

Die Realität ist: Eine Hochzeit bedeutet noch lange nicht, dass der Partner treu bleibt. Die Scheidungsraten sind seit den 1970er-Jahren in der westlichen Welt rapide angestiegen. Mittlerweile wird jede zweite Ehe geschieden. Das hat auch damit zu tun, dass Menschen heute unabhängiger sind und damit gängige Rollen- und Familienbilder überholt sind.

Heute leben Menschen nicht mehr zusammen, weil sie es aus wirtschaftlichen Gründen müssen, sondern weil sie mit der anderen Person zusammenleben wollen. Wenn auch nur für ein paar Jahre.

Persönliche Vergangenheit spielt eine Rolle

Viele Paare scheinen sich ihre Probleme allerdings oft nicht einzugestehen oder zu spät. Je nach Umfragen und Erhebungen vergehen so im Schnitt durchaus sechs Jahre, bis sich Paare professionelle Hilfe holen und sich zum Beispiel an einen Paartherapeuten wenden. Bis dahin ist es möglicherweise zu spät, um wieder zueinanderzufinden.

Wie lange eine Ehe hält, scheint auch einiges mit der persönlichen Vergangenheit zu tun zu haben. Scheidungskinder haben bestimmte soziale Verhaltensmuster kennengelernt und lassen sich ebenfalls überdurchschnittlich häufig scheiden.

Nicht nur die Kontrolle über Glücks- und Bindungshormone gibt also den Ausschlag über den Erfolg einer Beziehung, sondern auch Lernen, Erinnerung und Verhalten spielen eine Rolle. Immerhin: Die Psychologen sind sich sicher, dass Spielraum besteht. Scheidungskinder können es besser machen als ihre Eltern, dafür müssen sie aber sich und ihre Vorstellungen hinterfragen.

Nach wenigen Jahren steht eine Entscheidung an

Forschende stoßen immer wieder auf Paare, die auch nach Jahrzehnten noch von einer frischen Liebe sprechen. Sie scheinen gegen den Coolidge-Effekt immun zu sein. Dieser beschreibt, wie der anfängliche Rauschzustand verfliegt und die Partner nach etwa vier Jahren plötzlich mit einer hormonellen und neurobiologischen Leere klarkommen müssen. Das Dopamin ist verflogen, die Euphorie längst nicht mehr da, stattdessen dominiert der Alltag und etwa die Frage, warum die leere Klopapierrolle noch in der Halterung steckt.

Liebe braucht Geduld

Statt Dopamin spielt schon nach wenigen Monaten vor allem das Hormon Oxytocin eine größere Rolle. Es vermittelt Geborgenheit und Vertrauen, reduziert Stress, Anstrengung und Aggression. Das sind die Vorzüge einer langfristigen Beziehung. Doch: Mit dem Wechsel von leidenschaftlichen Begegnungen zu vertrauter Zweisamkeit kommen viele Menschen oft nicht klar. Das fehlende anfängliche Feuer hinterlässt für sie nur eine Leere.

Liebe ist nach Aussagen von Wissenschaftlern und Therapeuten oft vor allem eins: Arbeit. Eine glückliche Beziehung steht nicht von Anfang an fest und ist danach unzerstörbar. Vielmehr muss jeder Partner einiges investieren, um romantische und leidenschaftliche Gefühle, Zuneigung und emotionale Wärme auch über Jahre aufrechtzuerhalten.

Der Mathematiker John Gottman versuchte, das Funktionsprinzip einer Liebe in Zahlen zu fassen – nüchterne Wissenschaft für das emotionalste Thema. Am Ende seiner Studien kam er auf das Verhältnis 5:1, das Paaren Erfolg versprechen soll. Hatten Paare fünfmal mehr Momente positiv bewertet als negativ, dann waren sie glücklich – und blieben es auch.

Abwechslung und Adrenalin können Beziehungen stärken

Auf die Art und Weise des Miteinanders scheint es anzukommen, zu diesem Schluss kommen auch andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sobald sich Partner in negativer Weise übereinander lustig machen, sich nicht mehr ernst nehmen und anfangen zu belügen, beginnt die Liebe zu verfliegen.

Offenheit und Vertrauen, selbst in schwierigen Phasen, scheinen Beziehungen zu stärken. Die Liebesforscherin Helen Fisher hat auch einen sehr praktischen Tipp für Paare: Sie sollen aus ihrem Alltag ausbrechen, ihre Routinen immer mal wieder über Bord werfen und gemeinsam Neues und Aufregendes erleben. Schon für das Kennenlernen gilt: Je mehr Aufregung und Adrenalin in dieser Situation mitspielt, desto attraktiver finden sich die Personen.

Die meisten Paare verdrängen Probleme

Auch nach Jahren und Jahrzehnten kann dies Paare weiter zusammenschweißen. Ein gemeinsames Erleben kann ihnen dabei helfen, sich nicht zu verlieren oder auseinanderzuleben. Dabei sollten Paare trotzdem auf Freiräume achten. Jeden Augenblick, jede Aktivität nur noch mit dem Partner zu erleben, das kann auf Dauer ebenfalls unglücklich machen.

Schmetterlinge im Bauch sind irgendwann verschwunden. In der Natur überleben Arten wie der Distelfalter rund ein Jahr. Und auch „im Bauch“ flattert es bei Verliebten meist nur ein Jahr, maximal bis zu drei, schätzen Forscher. Spätestens wenn die Symptome des Verliebtseins nachlassen, ranken die ersten Zweifel.

Wer der Anfangszeit aber nur hinterhertrauert, wird Opfer seiner Erwartungen. Dass die Verliebtheit abnimmt, erklären Forscherinnen und Forscher damit, dass sich das Gehirn an die anfänglichen Ausnahmezustände gewöhnt und der Körper statt für Reize der Anziehung für chemische Reize der Bindung empfänglich wird.

Welche Rolle spielt Sex?

Lust ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. Die sexuelle Anziehung ist auch ein Maß dafür, wie attraktiv man den Partner findet. Wenn die Lust auf den Partner abnimmt, kann das zu Beziehungsproblemen führen. Insbesondere bei Frauen führt Sex und dabei ein Orgasmus zu einem Anstieg an Oxytocin und Vasopressin, also Bindungshormonen. Bei Männern hingegen sinkt der Vasopressinlevel nach dem Sex ab. Männer scheinen ihre emotionale Bindung eher anders zu festigen.

Normal ist: Mit der Zeit nimmt das sexuelle Interesse ab. Was zu Beginn noch als Liebesbeweis taugt, womit Neugier und Verlangen gestillt werden, wird irgendwann Routine. Das klingt negativer, als es ist: Weniger Sex bedeutet vor allem, dass Geborgenheit und Vertrauen wichtiger geworden sind.

Aber: Guter Sex kann kurzzeitig wieder rauschähnliche Zustände herbeiführen. Er stärkt außerdem die Bindung über bestimmte Hormone und gilt als ein Baustein dafür, dass manche Paare auch nach Jahrzehnten noch davon sprechen können, sich genauso verliebt zu fühlen wie beim Kennenlernen.

Was bei Liebeskummer im Gehirn passiert, liest du hier.

Ist der Mensch von Natur aus monogam?

Monogamie ist in der Natur ein seltenes Phänomen. Manche Organismen machen sich gar nichts aus Fortpflanzung und Liebe. Sie vermehren sich ungeschlechtlich, produzieren lieber Klone oder halten es schlicht: Sie teilen ihre Zelle einfach.

Weniger als zehn Prozent der mehr als 5000 Säugetierarten auf der Welt lebt monogam. Der Mensch zählt eigentlich zu einer polygynen Spezies. In der Tierwelt bedeutet dies, dass sich etwa ein Gorillamännchen mit mehreren Weibchen paart. Das kommt auch beim Menschen vor: In polygynen Gesellschaften heiraten Männer mehrere Frauen – das ist zumeist kulturell und religiös geprägt und weltweit verbreitet.

Es kommt sowohl in Stämmen der Ureinwohner Afrikas vor, bei Muslimen im Mittleren oder Nahen Osten als auch bei Mormonen im mittleren Westen der USA. Im Überblick aller bekannten und untersuchen Kulturen auf dieser Welt ist Polygynie sogar bei fast der Hälfte verbreitet und akzeptiert, manche sprechen von bis zu 80 Prozent — wirklich gelebt wird es in der Praxis hingegen deutlich seltener.

Es gibt unterschiedliche Formen der Monogamie

Doch selbst Monogamie ist nicht immer dasselbe. Flamingos beispielsweise versammeln sich einmal im Jahr für ihren ganz besonderen Paarungstanz. Dann trumpft die Masse aus Männchen mit ihren choreografierten Bewegungen auf – und das mehrere Tage lang. Die Weibchen bleiben aufmerksame Beobachterinnen.

Irgendwann aber marschieren Männchen und Weibchen in einer Schar aufeinander und so findet sich für jedes Weibchen ein Männchen. Welches Muster dahintersteckt, haben Forscher noch nicht herausgefunden. Fest steht: Dieses Schauspiel wiederholt sich zu jeder Paarungssaison. Die Tiere sind daher seriell monogam, also immer nur für den bestimmten Zeitraum einer Paarungssaison.

Es gibt außer der natürlichen auch die soziale Monogamie im Tierreich. Bei letzterer handelt es sich etwa um Spezies, die zwar einen festen Partner haben, um ihren Nachwuchs großzuziehen. Trotzdem gehen die Tiere fremd und paaren sich mit anderen Artgenossen – durchaus eine Geschichte, von der auch viele Menschen erzählen können. Insofern ist die monogame Lebenseinstellung vieler Menschen auch darauf zurückzuführen, dass die Lebensbedingungen und die kulturellen Entwicklungen genau dieses Modell gefördert haben.

Zwei Erklärungsversuche für Monogamie

Es gibt zwei Erklärungsversuche für die Monogamie. Erstens schützt sie den Nachwuchs und sichert so mehr Nachkommen. Denn durch einen festen Partner bekommt das Weibchen Unterstützung beim Aufziehen: Elterliche Aufgaben lassen sich im Duo besser aufteilen und die Kinder können besser vor Gefahren geschützt werden. Wenn also durch eine monogame Partnerschaft mehr Nachwuchs überlebt als ohne festen Partner, entsteht dadurch ein evolutiver Vorteil. Ein zuverlässiger und dauerhafter Partner ist für den Nachwuchs vorteilhafter als ständig wechselnde Partner.

Monogamie wird in der Natur oft dann gewählt, wenn sie Vorteile für mindestens einen der beiden Partner bringt. Auf den ersten Blick ist das für das Männchen weniger einleuchtend, weil er mit mehreren Weibchen mehr Nachwuchs zeugen und sein Erbgut weiter verbreiten könnte. Wenn davon allerdings keiner oder weniger überlebt, ist der Vorteil dahin.

Doch nicht alle Arten sind auf bessere Brutpflege angewiesen. Für sie kommt Theorie zwei ins Spiel. Dazu zählen etwa die monogamen Schmetterlingsfische. Bei ihnen werden befruchtete Eier einfach ins Wasser entlassen und damit sich selbst überlassen. Die Monogamie als Vorteil für die Aufzucht der Jungen zählt damit als Argument nicht mehr. Stattdessen kann man bei diesen Tieren beobachten, dass diese Paare als Duo besser gegen Konkurrenten bestehen, also ihr Territorium und Futterangebot verteidigen können.

Monogamie – das Weibchen entscheidet

Anders als in vielen menschlichen Kulturen entscheidet in der Natur oft die Weibchen darüber, ob das Männchen in Monogamie lebt oder nicht. Das gilt etwa für Gänse. Männliche Gänse leben in einem gegen andere Männchen verteidigten Territorium.

Wenn sich in dem Gebiet ein Weibchen niederlässt, lebt das Mänchen monogam. Lassen sich mehrere Weibchen nieder, weil das Territorium genug Futter und gute Bedingungen bietet, lebt das Männchen polygam. Und es gilt auch umgekehrt: Nicht das Männchen verlässt das Territorium, sondern das Weibchen. So kann sich der Harem wieder auflösen.

Mathias Tertilt
Wissenschaftsjournalist mit Schwerpunkt Digital und Film. Geht Ursachen, Zusammenhängen und Lösungen nach, insbesondere wenn es um Biotechnologie, Umwelt oder Infektionskrankheiten geht.

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