Vornamen und ihre Vorurteile

Kind liest Buch Foto: Stephen Andrews / unsplash.com

Psychologie

Vornamen und ihre Vorurteile

Jeder von uns ist betroffen. Denn jeder hat ihn. Manche lieben ihn, manche hassen ihn. Höchste Zeit über Vornamen zu sprechen.

24. April 2020

Sind Vornamen mit Vorurteilen behaftet?

“Sylvana, Sarafina, Estefania, Calantha, Loredana, Sarah Jane, Lavinia, Jeremy-Pascal!“ – Ob ausgefallen wie bei den Wollnys oder klassisch wie Alexander, Maximilian, Sophie oder Anna, Vornamen lösen Assoziationen aus.
Wer sich auf Vornamen-Websites herumtreibt, kann einsehen, wie sympathisch, intelligent oder sportlich andere Nutzer den Träger eines bestimmten Vornamens einschätzen. Doch wie kommt es zu solchen Vorurteilen? Was veranlasst unser Bauchgefühl, Personen wegen ihres Namens als lustig, unfreundlich oder introvertiert abzustempeln, ohne dass wir sie kennen?

Ein wichtiger Faktor ist die persönliche Vorerfahrung. Angenommen, wir lernen jemand Neues kennen, der oder die den gleichen Namen trägt wie eine andere Person, die wir bereits länger kennen. Verbinden wir starke positive oder negative Erfahrungen mit diesem Menschen, können sie unseren ersten Eindruck von der neuen Person verfälschen.
Paare, die einen Namen für ihr Kind suchen, müssen sich vermutlich besonders intensiv mit ihren Namensvorurteilen beschäftigen. Schließlich stehen sie vor der Schwierigkeit, nicht nur einen Vornamen mit einem schönen Klang zu finden, sondern auch einen, den beide Elternteile nicht mit negativen Erinnerungen aus der Vergangenheit verknüpfen.

Vorurteile in der Gesellschaft

Ursächlich für Vorurteile sind aber nicht nur persönliche Erfahrungen, sondern auch die Gesellschaft selbst. Eltern aus gebildeteren Schichten geben ihren Sprösslingen tendenziell andere Namen als Eltern aus bildungsferneren Schichten. Vorurteile, die ohnehin schon gegenüber den verschiedenen Schichten bestehen, können daher leicht auf Vornamen abfärben. Ein typisches Beispiel findet man auch in der Social-Media-App Jodel. Dort steht der Name “Julius Aurelius“ symptomatisch für einen reichen Jura- oder BWL-Schnösel, der gerne mal eine seiner Kreditkarten überzieht – mit Blattgold.

Andere Länder, andere Namen, gleiche Vorurteile

Das bedeutet jedoch nicht, dass anhand eines Vornamens sicher gesagt werden kann, aus welcher Bildungsschicht ein Kind kommt. Es handelt sich lediglich um eine leichte Tendenz bei der Namenswahl. Und diese zeigt sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern. So untersuchte eine niederländische Studie die Namensgebung in den Jahren 1982 bis 2005. Sie kam zu dem Schluss, dass niederländische Eltern mit geringerem Einkommen und Bildungsniveau englische, italienische, spanische und weitere internationale Namen bevorzugten, während Eltern mit höherem Einkommen und Bildungsniveau vorwiegend niederländische, friesische, nordische, hebräische und französische Namen wählten. Konservative und religiöse Eltern neigten zudem eher zu traditionellen Namen, während hippe Eltern kürzere und modernere Namen bevorzugten.

Warum stimmen Vorurteile oft?

Wer befürchtet, wegen seines Namens “eh“ eine schlechtere Bewertung als die Konkurrenz zu bekommen, der gibt unter Umständen innerlich schon auf und leistet aus dieser Demotivation heraus weniger, als er könnte. Letztendlich führt dann nicht der Vorname zur tatsächlich schlechteren Bewertung, sondern die verminderte Leistungsfähigkeit. Ein Teufelskreis: Denn schließlich stärkt die schlechte Bewertung wieder den Verdacht, dass man es wegen seines Namens ohnehin zu nichts bringen kann.

Selbsterfüllende Prophezeiungen formen uns

Dieses Problem ist in der Wissenschaft als “selbsterfüllende Prophezeiung“ bekannt. Von uns unbemerkt lauern diese Prophezeiungen überall. Was glauben wir, was andere von uns erwarten? Sind wir so oder wollen wir so sein? Wir folgen Rollenbildern nach, im Verhalten, im Kleidungsstil oder auch mit unserem Haarschnitt.
Möglicherweise eifern wir sogar unbewusst dem nach, was wir mit unserem Vornamen assoziieren, und versuchen, so zu sein, wie wir uns eine, “Sophie“, “Chantal“, “Justus“ oder “Jeremy-Pascal“ heißt. Vielleicht etwas überspitzt formuliert – aber wie Forscher herausfanden, auch nicht ganz von der Hand zu weisen.

Sehen wir aus wie unser Vorname?

Hunderte von Probanden ordneten in mehreren Studien Bildern von Gesichtern einen Vornamen zu. Dabei hatten sie je nach Studiendesign die Auswahl aus vier oder fünf Namen, wobei einer der tatsächliche Vorname der fotografierten Person war. So wurden die Probanden zum Beispiel gefragt: “Schaut dieser Mann Ihrer Meinung nach aus wie ein Jacob, Dan, Josef oder Nathaniel?“ Tatsächlich tippten die Probanden etwas häufiger auf den tatsächlichen Namen der Person, als es durch Zufall wahrscheinlich wäre. Ist uns unser Vorname also ins Gesicht geschrieben?

Wenn der Computer deinen Namen kennt

Um diese Frage weiter zu untersuchen, trainierten die Forscher einen Computer mit Bildern von Gesichtern und Vornamen. Anschließend erfolgte der Test: Dem Computer wurden jeweils ein Bild und zwei Vornamen vorgelegt. Auch er tippte etwas häufiger richtig als falsch. Dieses Ergebnis ist noch bedeutsamer als das vorherige, denn im Gegensatz zu einem Menschen entscheidet der Computer objektiv.

Nicht alle Namensvettern sehen gleich aus

Die Studie zeigt, dass nicht alle Menschen so aussehen wie ihr Vorname – aber es gibt einen Zusammenhang zwischen Aussehen und Vornamen. Als ausschlaggebende Hinweise auf den richtigen Namen sehen die Forscher die Frisur und die Regionen im Gesicht, die für den Gesichtsausdruck zuständig sind.
Auch wenn die wissenschaftlichen Erkenntnisse spannend sind, bedeuten sie natürlich nicht, dass alle Tanjas oder Pauls gleich aussehen.

Ungesehen benannt – Babys im Bauch

Die Namensfrage wird oft schon entschieden, wenn das Kind noch im Bauch der Mutter ist. Auch sehen Babys sich ohnehin recht ähnlich. Die Forscher schlussfolgerten daher, dass Eltern den Vornamen nicht anhand des Aussehens des Kindes wählen, sondern dass der Namensträger sein Aussehen an seinen Vornamen anpasst. Glaubt der Namensträger bewusst oder unbewusst, dass er seinem Namensimage entsprechen muss, kann sich dies also tatsächlich in seinem Gesicht widerspiegeln.

Was ist entscheidend dafür, dass ein Name beliebt oder unbeliebt ist?

Mit einem Namen werden nicht nur Verhalten und Aussehen assoziiert, sondern auch das Alter des Namensträgers. Babys heißen heutzutage Emma oder Ben, Ella oder Luis. Wer heute 40 ist, heißt hingegen eher Stefanie, Christian, Melanie oder Daniel. Die meisten Namen sind einige Jahre im Trend, dann werden sie von anderen abgelöst, und ein Name, der vor einigen Jahrzehnten sehr modern war, ist nun ein “Oma-“ oder “Opa-Name“. Generationen setzen sich so voneinander ab. Hinzu kommt ein schwacher “Trickle-down-Effekt“. Einige Namen, die in den oberen Schichten sehr beliebt sind, wandern zu den bildungsferneren Schichten durch und werden dort etwas zeitversetzt modern.

Warum ist der Kevin-Effekt so stark?

Dass es Begriffe wie “Kevinismus“ oder auch “Chantalismus“ gibt, zeigt, wie negativ Vornamen behaftet sein können. Als 2009 eine Masterarbeit an der Universität Oldenburg anhand einer Onlinebefragung herausfand, dass einige Lehrer manche Vornamen mit besseren Leistungen verbinden als andere und gerade der Name Kevin besonders negative Assoziationen weckt, war der Medienrummel groß. Die damals betreuende Professorin Astrid Kaiser ist sich sicher: “Würde man die Studie heute noch mal durchführen, wäre nicht mehr Kevin besonders negativ behaftet, sondern ein anderer Name.“ Denn Kevin sei als Vorname mittlerweile out.

Doch wie kam es, dass der Name mal so angesagt war? Ursächlich für die große Beliebtheit zu Beginn der 90er-Jahre ist vermutlich der Film “Kevin – Allein zu Haus.“ Die Erziehungswissenschaftlerin Astrid Kaiser erklärt: “In den bildungsferneren Schichten werden gerne Namen aus Filmen für die eigenen Kinder verwendet, während die oberen Bildungsschichten von solchen Vornamen eher abgeschreckt sind. Kevin war ein guter Mittelschichtname, bis der Filmhit rauskam.“
So hinterlässt zum Beispiel auch die erfolgreiche Serie “Game of Thrones“ ihre Spuren. Mittlerweile heißen einige Kinder Jon, Arya oder Brandon, aber auch Khalessi, was in der Serie kein Vorname, sondern eine Titelbezeichnung ist.

Wie kann man Vorurteile abbauen?

Unser Vorname begleitet uns in der Regel ein Leben lang. Jemanden wegen seines Namens vorzuverurteilen, ist nicht nur gemein, sondern unfair. Als Säuglinge haben wir keine Chance, uns gegen die Namensvergabe zu wehren, und ob ein Name schön klingt oder nicht, ist am Ende nun mal Geschmackssache.
Wichtig ist daher, dass wir den Menschen und nicht den Namen sehen. Wie freundlich, leistungsstark oder sportlich eine andere Person ist, finden wir im Gespräch, bei Klausuren oder auf dem Sportplatz heraus. Und dass eine Person den gleichen Namen trägt wie der oder die Ex, ist keine solide Grundlage für Spontanverliebtheit oder Hass.

Vorurteile zu erkennen, ist der erste Schritt. Sie zu überwinden, der zweite. Auch uns selbst können wir hinterfragen: Sind wir, wie wir sein wollen, oder sind wir, ohne es zu merken, in einer selbsterfüllenden Prophezeiung verstrickt, die uns unglücklich macht?
Nicht jede Lisa oder jeder Anton sieht gleich aus oder verhält sich gleich. Denn auch wenn Namen es nicht sind: Menschen sind individuell und das sollten wir nicht vergessen.

Autorin: Verena Mengel

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