Warum wir uns oft selbst überschätzen

Mann springt von einer Klippe ins Meer Foto: Austin Neill / Unsplash.com

Selbstwahrnehmung

Warum wir uns oft selbst überschätzen

Viele Menschen neigen dazu ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zu überschätzen. Das kann Konsequenzen haben – vor allem, wenn man die eigene Inkompetenz nicht bemerkt.

22. Mai 2020

Darum geht’s:

Wir halten uns oft für besser, als wir sind

Das Selbstbild, das wir von uns haben, ist in der Regel eher positiv. Doch nicht immer zu Recht: „Die allermeisten Menschen überschätzen sich“, sagt Hans-Peter Erb, Professor für Sozialpsychologie an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Wenn Menschen zu extremer Selbstüberschätzung neigen, sprechen Psychologen von Narzissmus, das entsprechende Krankheitsbild ist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Betroffene inszenieren eine großartige Fassade ihrer Person, um dahinter ein schwaches und brüchiges Selbstwertgefühl zu verstecken. In der Bevölkerung tritt die Erkrankung bei etwa ein bis zwei Prozent der Menschen auf.

Alltäglicher hingegen ist eine leichte Form der Selbstüberschätzung. So glaubten etwa über 90 Prozent der Lehrkräfte an einer Schule in den USA, dass sie überdurchschnittlich gute Pädagogen seien. Auch Autofahrer halten sich tendenziell für besser als andere. Tatsächlich hat die Evolution solch ein Verhalten sogar gefördert: Wer viel von sich hält, sorgt besser für sich; die Chancen auf Überleben und Fortpflanzung steigen.

So entsteht das Selbstbild, das wir von uns haben:

Eine objektive, neutrale Bewertung der eigenen Person ist nicht möglich. Wer versucht, sich durch Introspektion – also den Blick nach innen – selbst zu analysieren, stolpere unweigerlich darüber, Buch und Leser gleichzeitig zu sein, so der Sozialpsychologe Erb. Erst durch den Vergleich mit anderen lassen sich schließlich realistische Aussagen darüber treffen, wie eine Person und ihre Ansichten, Leistungen oder Taten zu anderen Mitmenschen stehen.

Dabei wird nicht immer derselbe Maßstab angelegt. Ein Beispiel: Während wir die eigene Verspätung zum Meeting dem zähen Berufsverkehr zuschreiben, denken wir beim ebenso überfälligen Kollegen wieder einmal, wie unzuverlässig dieser ist. Was hier passiert nennen Sozialpsychologinnen und Sozialpsychologen einen fundamentalen Attributionsfehler. Das bedeutet: Für Schwächen suchen wir Entschuldigungen, Erfolge wiederum schreiben wir der eigenen Leistung zu. Bei der Bewertung anderer Personen ist es interessanterweise oft umgekehrt: Verspätungen werden zu Charakterfehlern, ein gutes Klausurergebnis ist hingegen durch gnädige Prüfer zu erklären.

Der Selbstwert steigt

Solche Verzerrungen in der Wahrnehmung dienen dazu, den Selbstwert zu steigern. Dieser Prozess wird sogar auf biologischer Ebene unterstützt. In Versuchen mit einem funktionalen MRT, das die Gehirnaktivität bildlich darstellt, mussten Probandinnen und Probanden verschiedene Aufgaben lösen, während sie in der Maschine lagen. Abschließend galt es, die eigene Leistung zu bewerten. Es zeigte sich: Je überzeugter die Versuchspersonen von ihrer Performance waren, desto aktiver war auch das Belohnungszentrum im Gehirn.

Darum müssen wir drüber sprechen:

Fehleinschätzungen gehen schon mal nach hinten los

Wer zu selbstbewusst durchs Leben geht und die eigenen Fähigkeiten nicht treffend einzuschätzen weiß, kann Probleme bekommen: Situationen werden dann falsch bewertet oder unrealistische Erwartungen geweckt. Das kann zu gefährlichen Entscheidungen mit teils dramatischen Konsequenzen führen – etwa zu einem Unfall („so weit kann ich sicher springen“) oder finanziellen Verlusten („die Geschäftsidee wird nicht scheitern“). Forschende machen die Selbstüberschätzung gewisser Akteure sogar für einige katastrophale Ereignisse der Vergangenheit verantwortlich, zum Beispiel den Ersten Weltkrieg, den Vietnamkrieg oder die Finanzkrise von 2008.

Wenn wir die eigene Inkompetenz nicht bemerken

1995 versuchte McArthur Wheeler in Pittsburgh, Pennsylvania, eine Bank auszurauben. Dazu hatte er sich maskiert – mit Zitronensaft. Diesen kann man tatsächlich als unsichtbare Tinte nutzen, bei dem Bankraub half er dem Mann aber natürlich nicht, ungesehen zu bleiben. Wheeler wurde anhand der Überwachungsvideos erkannt und verhaftet.

Diese Geschichte nahmen der Psychologieprofessor David Dunning und sein Student Justin Kruger zum Anlass, sich näher mit der Inkompetenz von Menschen zu beschäftigen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie unter dem Titel „Unskilled and unaware of it“ (zu Deutsch: „Unqualifiziert und sich dessen nicht bewusst“), was ihre Erkenntnisse schon mehr oder weniger zusammenfasst: Inkompetente Menschen sehen ihre eigene Inkompetenz nicht – eben, weil sie so inkompetent sind. Ihnen fehlt die Fähigkeit, sich selbst kritisch zu beurteilen. Der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt lässt sich im Alltag immer wieder beobachten – etwa, wenn Studierende schlechte Arbeiten abgeben und trotzdem gute Noten erwarten.

Vorsicht vor der eigenen Ignoranz

Nicht zu merken, dass man eigentlich keine Ahnung hat, kann gefährlich sein. Das gilt vor allem in Zeiten, in denen Informationen unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt im Internet verbreitet werden können. In einer neueren Studie zeigte Dunning, wie schnell sich Menschen, die zu einem Thema nur Halbwissen hatten, in eben diesem Bereich täuschen lassen: Er führte mit Versuchspersonen zunächst extra leichte Wissenstests durch, etwa über Orte in den USA (zum Beispiel: „Wie viele Hauptstädte von Bundesstaaten können Sie nennen?“ Antwortmöglichkeiten waren: „1–2“, „3–4“, „5 oder mehr“), und teilte ihnen anschließend die Ergebnisse mit. Im Versuchsverlauf zeigte sich dann: Je mehr die Probandinnen und Probanden glaubten, sie kennen sich mit einem bestimmten Thema gut aus, desto häufiger fielen sie auf Fehlinformationen herein und konnten zum Beispiel ausgedachte Orte in den USA nicht als fiktiv erkennen.

Sich zu unterschätzen, hilft auch nicht

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen Leute sich eher unter- als überschätzen. Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl etwa bewerten die eigene Leistung tendenziell schlechter. Unabhängig davon haben Studien gezeigt, dass das Niveau der anstehenden Aufgabe Einfluss haben kann: Weiß ich, dass es schwierig wird und ich in dem Bereich normalerweise nicht so gut bin, erwarte ich keine überragende Leistung. Vor allem, wenn es Konkurrenz gibt, deren Fähigkeiten ich nicht kenne – und die besser sein könnte als ich.

Wie die Überschätzung birgt auch die Unterschätzung der eigenen Person Risiken. Ein bekannter Effekt ist die Bedrohung durch Stereotype, wie etwa das Vorurteil, dass Frauen schlechter in Mathe sind. Untersuchungen zeigen: Wenn man Probandinnen im Vorfeld eines Mathetests sagt, dass Frauen hier eher Probleme haben als Männer, schneiden sie auch schlechter ab. Fällt diese Information weg – bei den gleichen Aufgaben – sind die Ergebnisse besser. Das Unterschätzen der eigenen Fähigkeiten kann also tatsächlich eine schlechtere Leistung zur Folge haben.

Aber:

Selbstüberschätzung kann auch zum Erfolg verhelfen

Wer im Job, im Sport oder im Privatleben selbstbewusst auftritt, ist seinen Zielen oft schon einen großen Schritt näher. Manchen Forschern zufolge gilt das auch für Menschen, die sich selbst überschätzen. Denn sie können eine Art selbsterfüllende Prophezeiung erleben: Der Glaube, besser zu sein, als man wirklich ist, steigert demnach Ehrgeiz, Moral, Ausdauer, Entschlossenheit oder auch das Talent zu bluffen. Fähigkeiten also, die den Ausgang eines Ereignisses positiv beeinflussen können.

„Manchmal sind es aber auch einfach nur pures Glück oder die Unterstützung von anderen, die einem bei der Bewältigung einer Aufgabe helfen, welche man allein nicht geschafft hätte“, gibt Sozialpsychologe Erb zu Bedenken. So könne es passieren, dass Menschen trotz fehlender Kompetenzen Erfolge aufweisen.

Mehr Erfolg bei Job- und Partnersuche

Obwohl Arroganz bei Menschen einen eher schlechten Eindruck hinterlässt, macht die Überschätzung der eigenen Person anscheinend attraktiver. So zeigen mehrere Studien, dass Selbstüberschätzung für Vorteile bei Vorstellungsgesprächen und auch beim Dating sorgen kann.

Bei der Bewerbung auf eine neue Stelle etwa wirkten Versuchspersonen kompetenter, je überzeugter sie von sich waren (auch wenn sie eigentlich keinen Grund dazu hatten). Um zu ermitteln, wie groß die Selbstüberschätzung von Menschen ist, sollen diese beispielsweise ihren IQ schätzen. Dieser Wert wird dann verglichen mit einem richtigen IQ-Test, der im Anschluss durchgeführt wird.

Auch in der Liebe kann Selbstüberschätzung vorteilhaft sein. Entscheidend dabei ist der Wettbewerb mit anderen: In Versuchen waren Menschen, die sich selbst überschätzten, eher bereit, um die Partnerin oder den Partner zu kämpfen. Dieses Verhalten wurde von der Konkurrenz als einschüchternd empfunden – woraufhin viele das Feld räumten.

Und jetzt?

Am besten bei anderen nach Feedback fragen

Forschende beobachten regelmäßig, dass stark optimistische Selbstbilder selbst dann bestehen bleiben, wenn man mit ihnen wiederholt scheitert. So gibt der untalentierte Schauspieler beispielsweise nicht auf, obwohl er wieder keine Rolle beim Vorsprechen bekommen hat.

Außenstehende können darüber meist nur den Kopf schütteln – für sie ist das Versagen des Gegenübers klar erkennbar. Der Grund: Selbst- und Fremdwahrnehmung unterscheiden sich oft. Was man selbst als guten Gesang empfindet, kann sich für fremde Ohren schief und unmelodisch anhören.

Aber auch das Bild, das andere von uns haben, kann verzerrt sein. Etwa weil man das Gegenüber nicht kennt und Informationen fehlen, um dessen Handlungen richtig einzuordnen. Oder weil man sich zu gut kennt – und die Bewertung dadurch automatisch positiver ausfällt. Personen, die einem emotional nahe sind, werden teils ins eigene Selbstbild integriert und dementsprechend überschätzt: Während die Mutter weiß, dass ihr Kind musikalisch hochbegabt ist, hat der Chorleiter offensichtlich keine Ahnung.

Das Selbstbild abgleichen

Fremde können einen aus diesen Gründen auch nicht „besser“ einschätzen als man sich selbst. Für ein objektives Bild bräuchte es vielmehr unabhängige Testreihen oder eine psychologische Diagnose. Trotzdem lässt sich die Rückmeldung anderer dazu nutzen, die Selbstwahrnehmung mit der Außenwelt abzugleichen. Dabei sollte das Feedback möglichst spezifisch und am besten auf eine konkrete Situation bezogen sein, empfiehlt Psychologieprofessor Erb. Sehr allgemeine Kritik, welche die komplette Persönlichkeit angreift, führe zu nichts.

Autorin: Franziska Lehnert

Unsere Quellen

Verwandte Themen

2 Kommentare;

  1. „Obwohl Arroganz bei Menschen einen eher schlechten Eindruck hinterlässt, macht die Überschätzung der eigenen Person anscheinend attraktiver.“

    Witzig wird das wenn man weiß dass Männer sich sehr gerne auf Stellen bewerben für die sie unterqualifiziert sind und Frauen sich kaum auf Stellen bewerben für die sie eine hohe Passung haben.

Schreibe einen Kommentar Antworten abbrechen

Mehr Wissen:

Clara Milnikel: