Warum wir uns so gut an früher erinnern

Eine Kiste voller Erinnerungen Foto: Jon Tyson / Unsplash.com

Das waren noch Zeiten ...

Warum wir uns so gut an früher erinnern

Die Lebensjahre 10 bis 30 speichert unser Gehirn besonders gut ab. Vieles, was in dieser Zeit passiert, können wir später noch extrem gut abrufen.

12. Juni 2020

Darum geht’s:

Am prägendsten sind Erinnerungen, die in unserer Jugend entstanden sind

Der erste Kuss, das Essen der Großmutter oder dieser eine ganz bestimmte Song. Wenn wir an „früher“ zurückdenken, scheint eine gewisse Zeitspanne im Gedächtnis besonders präsent zu sein: die Zeit zwischen dem 10. und 30. Lebensjahr – wie psychologische Studien zum autobiografischen Gedächtnis vermuten lassen. Diese Zeitspanne wird in der Gedächtnisforschung auch als „Erinnerungshügel“ oder „reminiscence bump“ bezeichnet.

Normalerweise wird es mit dem Alter immer schwieriger, gewisse Erinnerungen abzurufen – die Zeit während des Erinnerungshügels stellt jedoch eine Ausnahme dar: Die Musik, die wir zu dieser Zeit gehört haben, die Bücher, die wir gelesen haben, Erlebnisse, die wir verarbeiten mussten, Menschen, die wir kennengelernt haben: All diese Dinge sind leichter abzurufen, wenn sie zwischen unserem 10. und 30. Lebensjahr geschehen sind.

Die Phasen des Erinnerungshügels

Die Episode lässt sich in zwei Phasen unterteilen: von 10 bis 19 Jahre und von 20 bis 29. In der ersten Phase bildet sich besonders die soziale Identität: Hier werden vor allem öffentliche Geschehnisse abgespeichert, die politische, soziale, religiöse, kulturelle Bedeutungen haben, etwa Wahlen oder Sport-Events. In der zweiten Phase ab 20 Jahren konzentriert sich das Gehirn mehr auf die persönliche Identitätsbildung: Hier stehen Verbindungen und Beziehungen zu anderen Menschen im Vordergrund und wir erinnern uns später eher an die persönlichen Erlebnisse, die wir mit anderen Menschen hatten.

Warum gerade die Zeitspanne zwischen dem 10. und 30. Lebensjahr so ausschlaggebend ist, konnten Forscher noch nicht abschließend klären. Es gibt aber zwei Hypothesen:
  • Die Jugend und das junge Erwachsenenalter sind eine Zeit des Wandels. Man erlebt viele Dinge zum ersten Mal – die erste eigene Wohnung, der erste Urlaub ohne Eltern, die erste Liebe. Diese ersten Male brennen sich nachgewiesenermaßen stärker in unser Gedächtnis ein.
  • In der Zeit des Erwachsenwerdens bilden sich unser Gehirn und unsere Persönlichkeit aus. Das Gehirn speichert insbesondere in den Teenager-Jahren mehr Erlebnisse und saugt neue Informationen besonders gut auf, um daraus später Erfahrungen machen zu können und eine Persönlichkeit zu formen.

Darum müssen wir drüber sprechen:

Der Blick auf unsere Vergangenheit ist oft verklärt

Autobiografische Erinnerungen geben die Vergangenheit in der Regel nicht objektiv wieder. Vielmehr interpretieren wir Ereignisse um und verleihen ihnen so im Nachhinein einen bestimmten Sinn. Diese Erkenntnis ist beispielsweise in der Polizeiarbeit wichtig, um die Glaubwürdigkeit von Augenzeugen einschätzen zu können. Je länger die gesehene oder erlebte Tat her ist, umso mehr Möglichkeiten hat unser Gehirn, das Erlebte subjektiv abzuspeichern, Fakten zu verändern und das eigene Gedächtnis zu manipulieren.

Das heißt: Wir scheinen nicht nur eine bestimmte Zeitspanne besonders stark zu erinnern – nämlich die Zeit zwischen 10 und 30 Jahren, die den Erinnerungshügel repräsentiert. Wir scheinen Erinnerungen auch nachträglich zu verändern. Laut der Theorie des life scripts erstellen wir in unserem Gedächtnis eine Art Skript für unser bisheriges Leben, in dem viele Erlebnisse geschönt abgespeichert werden. So verklären etwa viele Menschen ihre Studienzeit – weil sie die negativen Phasen erfolgreich ausgeblendet haben. Ein ähnliches Verhalten beobachtet man oft bei gescheiterten Beziehungen.

Auch die Erlebnisse, die auf dem „Erinnerungshügel“ liegen, scheinen eher positiv als negativ besetzt zu sein. So wurden in Studien Menschen nach ihren schlimmsten und traurigsten Erinnerungen gefragt – überraschenderweise lagen diese nicht durchgehend in der Lebensphase zwischen 10 und 30 Jahren. Die glücklichsten und positivsten Momente der Versuchspersonen wurden jedoch größtenteils in dieser Zeitspanne angegeben. Gedächtnisforscher vermuten deswegen, dass wir auch die Erlebnisse auf dem Erinnerungshügel im Nachhinein verklären.

Das Gedächtnis verklärt auch die Zeit

Der Erinnerungshügel könnte einigen Erklärungsansätzen zufolge auch der Grund sein, warum sich unser Zeitempfinden mit dem Älterwerden verändert. Man sagt, im Alter vergeht die Zeit immer schneller als in der Jugend. Eine mögliche Erklärung: Die Jugend und das junge Erwachsenenalter sind so prall gefüllt mit (positiven) Erinnerungen, dass uns diese Zeit im Rückblick besonders lang erscheint.

Aber:

Nostalgie kann helfen, wenn es uns schlecht geht

In alten Erinnerungen zu schwelgen kann uns den Eindruck vermitteln, die „guten alten Zeiten“ seien schon vorbei und somit auch die besten Zeiten unseres Lebens. Das macht Nostalgie zu einem bittersüßen Gefühl.

Doch wenn es Menschen schlecht geht, sie sich einsam oder alleine fühlen, dann kann es auch helfen, sich an frühere Zeiten zu erinnern, wie die Forschung zeigt: So konnten Kindheitserinnerungen in Studien das Gefühl von Geborgenheit bei den Versuchspersonen auslösen. Nostalgie kann auch ein Gefühl der Selbstkontinuität erzeugen, sie dient sozusagen als „roter Faden“ für unser jetziges Dasein.

Und: Sie kann unsere sozialen Beziehungen stärken – denn am besten funktioniert das Schwelgen in Erinnerungen gemeinsam mit anderen Menschen.

Und jetzt?

Tief sitzende Erinnerungen können für Therapien von demenzkranken Menschen genutzt werden

Wer sich mit seinen Großeltern unterhält, kann oft beobachten, dass sie regelrecht darin aufgehen, Geschichten aus der Vergangenheit zu erzählen. Vor allem die Erlebnisse aus der Jugend und jungen Erwachsenenzeit scheinen besonders präsent. Gleichzeitig fällt es ihnen schwerer, sich an Dinge aus der vergangenen Woche zu erinnern. In der Behandlung von Demenzkranken macht man sich dieses Wissen zunutze.

Erinnerung und die Rolle der Musik

Musik ist für Menschen oft mit Emotionen verbunden und hält sich besonders lange im Gedächtnis. Besonders prominent ist Musik auf dem Erinnerungshügel. Das gilt einmal für die Musik der eigenen Jugend, aber auch für die Musik aus der Jugend der Eltern. Beidem ist man in der Jugend verstärkt ausgesetzt (weil die Eltern sich ja ebenfalls gern an die Musik ihrer Jugend erinnern). Die überproportional starken Erinnerungen an Musik erklären Forscher damit, dass der Teil des Gehirns, der mit dem Empfinden von Freude zusammenhängt, von Musik während der Jugend stark stimuliert wird. So entsteht eine feste Verbindung zwischen der Musik und den gefühlten Emotionen dieser Zeit. Voll aufgeladen mit Erinnerungen und Emotionen werden die Lieder aus dieser Zeit gut abgespeichert.

Musik kann daher auch ein Trigger für uns sein – selbst im hohen Alter weckt sie verknüpfte Erinnerungen. Sichtbar wird das unter anderem in Studien mit Alzheimerpatienten. So spielte man den Menschen Musik von früher vor und konnte beobachten, dass die Hirnregionen, die für das musikalische Gedächtnis zuständig sind, bei den Patienten wieder aktiviert wurden. Auch Menschen, die infolge der Krankheit Probleme haben, miteinander zu kommunizieren, reagierten teilweise sichtbar auf die Musik. Besonders deutlich sind die Ergebnisse bei Musikstücken, die auf den zeitlichen Erinnerungshügel der Patientinnen und Patienten bezogen waren. Das musikalische Gedächtnis der Menschen scheint von der Krankheit weitaus unberührt zu bleiben. Auf diese Weise scheinen Emotionen und Erinnerungen geweckt werden zu können, die längst verloren schienen.

Autorin: Annika Witzel

1 Kommentar

  1. Ich habe meine „Erinnerungshügel“ alle zu Papier gebracht und habe nichts verschönt. Ganz einfach weil vieles nicht schön war.

Schreibe einen Kommentar Antworten abbrechen

Mehr Wissen:

Clara Milnikel: