Was Gendern bringt – und was nicht

Die umstrittensten Formen: Genderstern, Doppelpunkt, Unterstrich.

Geschlechtergerechte Sprache

Was Gendern bringt – und was nicht

Ob und wie wir gendern sollen, wird von vielen ziemlich emotional diskutiert. Nur fehlen oft: die wissenschaftlichen Fakten. Ein Versuch, das zu ändern.

26. März 2021 | Aktualisiert: 13. April 2021 | 55 Kommentare

Darum geht's:

Unsere Sprache erzeugt die falschen Bilder im Kopf

Wenn wir über Gruppen sprechen, die aus Frauen und Männern bestehen oder bei denen das Geschlecht unbekannt ist, dann benutzen wir im Deutschen meist die männliche Variante, das generische Maskulinum. Eine Bezeichnung, die für alle stehen soll.

Das generische Maskulinum

In Sprachen wie Deutsch, Französisch oder Italienisch hat jedes Nomen ein grammatisches Geschlecht (Genus) – das Haus, der Baum, die Pflanze. Sprechen wir über Personen im Singular, verrät das grammatische Geschlecht oft auch etwas über das biologische (Sexus) – der Erzieher ist ein Mann, die Erzieherin eine Frau.

Beim generischen Maskulinum ist das anders: Es ist eine grammatisch männliche Bezeichnung, hat mit dem biologischen Geschlecht aber laut Definition nichts zu tun. “Die Erzieher” bezieht sich also auf eine Gruppe von Menschen, die den Beruf Erzieher ausüben – über deren Geschlecht aber sagt der Begriff nichts aus.

Ob die männliche Pluralform in der deutschen Sprache immer schon diese Doppelfunktion hatte, für Männer und Frauen zu stehen, ist empirisch schwer zu belegen. Das Problem stellte sich oft auch einfach gar nicht, weil vor allem Männer wichtige Rollen innehatten, etwa Richter. Deshalb war es in der Regel unproblematisch, nur die männliche Variante zu nennen. Es waren ohnehin kaum jemals Frauen gemeint.

Was die Analyse alter Texte aber zeigt: Schon im Mittelalter gab es Phasen, in denen beide Geschlechter auf Schriftstücken explizit erwähnt wurden – zum Beispiel “Koufeler und Koufelerin” für Händler und Händlerin. Und auch damals gab es immerhin schon Diskussionen darüber, ob die männliche Form wirklich auch für die weibliche stehen kann. So empfiehlt etwa der Schriftsteller Johann Christoph Gottsched 1748 in seiner “Grundlegung der deutschen Sprachkunst”: Man solle immer dann Bezeichnungen wie “Oberstinn”, “Hauptmännin” oder “Doctorin” nutzen, wenn Frauen diese Funktion ausüben.

Männliche Bilder im Kopf

Soweit die Theorie. Jetzt ist aber das Problem mit dem generischen Maskulinum: Grammatisch mag es per Definition für alle gelten. Und es mag sein, dass sich auch Frauen davon angesprochen fühlen. Viele psycholinguistische Studien zeigen aber: Bei Sätzen, die im generischen Maskulinum formuliert sind, stellen sich die meisten Menschen vor allem Männer vor.

Fragt man etwa Versuchspersonen nach berühmten Musikern oder Schriftstellern, nennen sie signifikant mehr Männer, als wenn nach “Musikerinnen und Musikern” gefragt wird. Ähnliches zeigt sich, wenn politische Kandidaten für das Amt des Bundeskanzlers genannt werden sollen. Noch handfestere Ergebnisse liefern Studien, die mit Reaktionszeit-Messungen arbeiten. Versuchspersonen bekamen dafür verschiedene Satzkombinationen präsentiert, zum Beispiel:

“Die Sozialarbeiter liefen durch den Bahnhof.”
“Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere der Frauen keine Jacke.”

Die Frage war dann: Ist der zweite Satz eine sinnvolle Fortsetzung des ersten, ja oder nein? Gemessen wurde die Zeit, bis die Leute “ja” drückten. Über diese Reaktionszeit versuchen Forschende indirekt herauszufinden, wie gut Sprache und die Bilder, die dabei im Kopf entstehen, zusammenpassen.

Das Ergebnis: Die Reaktionszeit war immer dann länger, wenn im zweiten Satz Frauen vorkamen. Die weiblichen Sätze scheinen also irgendwie zu irritieren. So ist das Resümee: Das generische Maskulinum erzeugt eher Bilder von Männern im Kopf.

Das generische Maskulinum ist nicht generisch

Dieser Male-Bias – also dass Wörter im generischen Maskulinum eher männliche Bilder im Kopf erzeugen – gilt nicht nur für Berufe, die stereotyp männlich besetzt sind, wie etwa Physiker. Selbst bei stereotyp weiblich besetzten Berufen wie Kosmetiker, Kassierer oder Tänzer denken Leute in Experimenten eher an Männer.

Das Fazit aus diesen Studien lautet deshalb: Das generische Maskulinum ist nicht generisch, es erzeugt vor allem männliche Bilder im Kopf. Und somit, so die Kritik, stellt es die Welt nicht so divers dar, wie sie heute ist. Seit den 1970er -Jahren gibt es deshalb Diskussionen darüber, dass die Sprache geschlechtergerechter werden muss.

Darum müssen wir drüber sprechen:

Gendern kann deutliche Effekte haben

Was das generische Maskulinum nicht schafft, soll Gendern lösen: Die Schablone im Kopf erweitern, um alle Menschen in angemessener Weise zu repräsentieren – nicht nur Männer. Und das kann, wie Studien zeigen, auch Effekte auf die Gleichberechtigung haben.

Formen des Genderns

Feminisierung: Beide Geschlechter werden genannt (Lehrerinnen und Lehrer) oder die weibliche Form wird durch Abkürzungen hinzugefügt (Lehrer/-innen, LehrerInnen).

Neutralisierung: Männliche Formen werden durch geschlechtsneutrale Formen (Lehrkraft) oder eine Substantivierung (Lehrende) ersetzt. Da es nicht für alle männlichen Formen ein neutrales Pendant gibt, müssen manchmal Umschreibungen genutzt werden (Politiker wird zu Mensch in der Politik).

Gender-Zeichen: Zwischen männlicher Form und weiblicher Endung wird ein Sternchen, Unterstrich oder Doppelpunkt ergänzt (Lehrer*innen, Lehrer_innen, Lehrer:innen). Sie sind ein Platzhalter für alle, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen.

Feminisierung, Neutralisierung oder Genderzeichen: Es gibt nicht die eine Art zu gendern. So unterschiedlich wie die Genderformen, so unterschiedlich können auch die Effekte von geschlechtergerechter Sprache sein. Hierbei ist wichtig zu wissen: Genderzeichen sind als jüngste Formen des Genderns empirisch bislang kaum untersucht. Auf ihre konkreten Effekte können wir in diesem Artikel deshalb nicht eingehen.

Relativ viel Forschung gibt es aber zu den anderen Formen des Genderns – also Feminisierung und Neutralisierung. Und hier ist das Ergebnis relativ klar:

Effekt 1: Frauen werden sichtbarer

Wird gegendert, werden Frauen gedanklich mehr einbezogen – das zeigen verschiedenste Studien zum Thema. Weil dann, so die Vermutung, nicht nur Bilder von Männern, sondern auch von Frauen im Kopf entstehen. So glaubten in einer Onlinestudie etwa 44 Prozent der Versuchspersonen, dass der Spezialist eine Frau ist, wenn der Text, den sie lesen sollten, in geschlechtergerechter Sprache verfasst war. Bei Texten im generischen Maskulinum glaubten das nur 33Prozent der Leute. Gendern könnte auf diese Weise also helfen, Geschlechterstereotype zu reduzieren.

Am stärksten werden Frauen gedanklich immer dann einbezogen, wenn beide Geschlechter genannt werden, wie eine Übersichtsarbeit zeigt.

Effekt 2: Gendern hat Auswirkungen auf die Berufswahl

Die Art, wie wir schreiben und sprechen, kann vor allem im beruflichen Kontext sehr konkrete Effekte haben: Sind Stellenanzeigen nicht im generischen Maskulinum verfasst und enthalten weniger männliche Attribute wie “Führung”, “dominant” oder “wettbewerbsfähig”, dann würden sich mehr Frauen auf den Job bewerben, wie eine ältere Studie zeigt.

Männlich formulierte Stellenanzeigen dagegen führen sogar dazu, dass Frauen den Job bei gleicher Qualifizierung seltener bekommen. Werden beide Geschlechter genannt, ändert sich das. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, in der Versuchspersonen verschiedene Stellenanzeigen präsentiert wurden. Es wurde entweder

  • “ein Geschäftsführer”,
  • “ein Geschäftsführer (m/w)” oder
  • “ein Geschäftsführer oder eine Geschäftsführerin” gesucht.

Die Teilnehmenden sollten sich dann fiktive Bewerbungen anschauen und anhand von Lebensläufen & Co. einschätzen, wie gut die Personen auf den Job passen. Obwohl die Bewerberinnen von den Versuchspersonen als genauso kompetent wahrgenommen wurden, schätzten sie sie als weniger passend für den Job ein, wenn “Geschäftsführer” oder “Geschäftsführer (m/w)” in der Ausschreibung stand. Bei der Formulierung “Geschäftsführer oder Geschäftsführerin“ änderte sich das. Geschlechtergerechte Sprache scheint hier also einen Unterschied zu machen.

Nur noch “Geschäftsführer” in einer Stellenanzeige zu schreiben wäre heute übrigens auch nicht mehr zulässig, denn: Seit Ende 2018 können Menschen in Deutschland auch den Eintrag „divers“ im Geburtenregister wählen. Paragraf 11 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) schreibt deshalb vor, dass Stellen geschlechtsneutral ausgeschrieben werden müssen – zum Beispiel durch den Zusatz (m/w/d). Da zum Zeitpunkt der Studie diese Änderung noch nicht in Kraft war, wurde diese Unterscheidung nicht untersucht.

Effekt 3: Kinder trauen sich mehr Berufe zu

Welchen Job wir uns zutrauen, kann von der Sprache beeinflusst werden – das zeigen auch Experimente mit knapp 600 Grundschulkindern. Werden ihnen Berufe in geschlechtergerechter Sprache präsentiert (etwa Ingenieurinnen und Ingenieure), trauen sich Mädchen viel eher zu, stereotype “Männerberufe” zu ergreifen. Auch Jungen wählen häufiger stereotype “Frauenberufe”, wenn gegendert wird (etwa Geburtshelfer und Geburtshelferinnen).

Die Nennung beider Geschlechter hat allerdings auch einen unerwünschten (und irritierenden) Effekt: Denn die Kinder sollten außerdem einschätzen, wie viel man in dem jeweiligen Beruf verdient, wie wichtig er ist und wie schwer er zu erlernen ist. Das Ergebnis: Wenn ihnen die Berufe in männlicher und weiblicher Form präsentiert wurden, haben sie diese als weniger wichtig und die Bezahlung als schlechter eingeschätzt. Gendern könnte also dafür sorgen, dass sich Kinder mehr Berufe zutrauen und dass Frauen im beruflichen Kontext sichtbarer werden – die Berufe aber gleichzeitig abwerten. Diese Tendenz bestätigen auch andere Studien.

Effekt 4: Menschen denken offener über Geschlechterrollen

Es gibt auch Argumente aus der Wissenschaft, eben nicht das Geschlecht zu betonen, sondern in der Sprache neutraler zu werden. In Ländern, in denen in der Sprache nicht automatisch jedem Wort ein Geschlecht (bei uns also “der, die, das”) zugeordnet wird, …

  • sind Frauen etwa häufiger erwerbstätig
  • mehr unternehmerisch tätig
  • gibt es mehr Frauen, die sich politisch beteiligen.

Okay, wie kommt man auf diesen Zusammenhang? Dafür wurden in mehreren Studien jeweils um die 100 Länder untersucht, in denen das biologische Geschlecht in der Sprache unterschiedlich sichtbar ist. Unterschieden wurde hier, ob ein Sprachsystem Geschlecht stark markiert (wie zum Beispiel im Deutschen), wenig markiert (wie zum Beispiel im Englischen) oder gar nicht markiert (wie zum Beispiel im Finnischen) – und damit von sich aus neutraler ist. Die Frage war dann: Welchen Einfluss hat das auf Faktoren wie die Erwerbsquote, den Bildungsstand von Frauen oder etwa die Einstellung zu traditionellen Geschlechterrollen.

Jetzt ist Sprache hier aber natürlich nicht der einzige Einflussfaktor – ein neutrales Sprachsystem führt nicht automatisch zu mehr Gleichberechtigung in einem Land (auch Türkisch oder Ungarisch sind neutrale Sprachen, beide Länder liegen laut Global Gender Gap Report 2020 aber auf den hinteren Rängen). Deshalb wurden andere Faktoren (zum Beispiel Wahlsystem, Jahre seit Einführung des Frauenwahlrechts, kommunistische und koloniale Vergangenheit) herausgerechnet. Bereinigt um die Kontrollvariablen zeigt sich: Solche Sprachen, die automatisch neutraler sind, könnten dafür sorgen, dass Menschen offener über Geschlechterrollen denken.

Die Wirkung von neutralen Formen zeigt auch ein konkretes Beispiel aus Schweden: Dort wurde 2015 das geschlechtsneutrale Pronomen “hen” eingeführt. Im Unterschied zum deutschen Pronomen “man” oder zum sächlichen Pronomen “es” bezieht sich hen auf „ein Individuum, ohne dabei sein Geschlecht zu bestimmen”. Menschen, die in einer Studie das Pronomen “hen” zur Beschreibung von Leuten nutzen sollten, waren in einer Folgebefragung positiver gegenüber Frauen in der Politik und der LGBT-Community eingestellt.

Aber:

Gendern verändert Sprache, was erst mal auch Nachteile bringen kann

Frauen werden sichtbarer und bei Stellenausschreibungen mehr berücksichtigt, Kinder trauen sich mehr Berufe zu und Menschen denken offener über Geschlechterrollen. Das, so scheint es, sind gute Argumente aus der Forschung, die zeigen: Gendern kann positive Effekte haben und im besten Fall sogar zu mehr Gleichberechtigung beitragen.

Doch nicht nur Sprache prägt, wie wir die Welt wahrnehmen, sondern auch die Rollenbilder in unserer Gesellschaft. So wählt ein Kind einen stereotypen “Männerberuf” möglicherweise nicht aus, weil gegendert wurde, sondern weil die eigene Tante Mechatronikerin ist – und somit ein Vorbild für das Mädchen. Was am Ende mehr wiegt, der Einfluss von Sprache oder der Einfluss von Rollenbildern, lässt sich aus wissenschaftlicher Perspektive nicht eindeutig ermitteln. Einen kausalen Zusammenhang zwischen Gendern und mehr Gleichberechtigung wird man am Ende also nie wirklich ziehen können.

Zu diesem prinzipiellen Dilemma gesellen sich weitere Kontrapunkte. Zwar gibt es, Stand jetzt, keine Daten aus empirischen Studien, die gegen Gendern sprechen. Aber es gibt Einwände:

Einwand 1: Gendern löst Irritationen aus

Sprachwandel, das weiß man aus der Forschung, empfinden Menschen grundsätzlich eher als negativ. Schon in der Schule lernen wir durch Rechtschreibregeln mühsam, was richtig und falsch ist. Alles, was von diesen gelernten Regeln abweicht, empfinden wir deshalb oft als unästhetisch oder irritierend. Zuletzt hatte etwa im Zuge der Rechtschreibreform 1996 die Änderung von ß zu ss große Wellen der Empörung ausgelöst. Heute ist es die Debatte um geschlechtergerechte Sprache.

Unbekannte Wörter sind für unser Gehirn außerdem anstrengender – erst mal. Denn zur Verarbeitung braucht es mehr kognitive Ressourcen. Je öfter wir unbekannte Wörter aber verwenden, desto mehr neuronale Verknüpfungen bilden sich. Und umso leichter fallen uns die Wörter. Würde sich der Genderstern durchsetzen, würde also auch er uns vermutlich irgendwann nicht mehr irritieren.

Gerade der Genderstern ist es, der in der Debatte um geschlechtergerechte Sprache derzeit die meiste Gegenwehr auslöst. Worte wie Lehrer*innen, so das Argument, sähen nicht nur irritierend aus – die gesprochene Pause zwischen Lehrer und innen klinge auch äußerst unnatürlich. Dabei kennen wir solche Sprechpausen im Deutschen eigentlich schon: Glottisschlag oder glottaler Verschlusslaut heißt das in der Linguistik und ist zu finden in Wörtern wie “Spiegelei”, “überall” oder “vereisen”.

Warum sich über “vereisen” niemand aufregt: Der Glottisschlag darf tatsächlich formal betrachtet nicht hinter einer Wortendung stehen, erklärt Henning Lobin vom Institut für deutsche Sprache in Mannheim. Das wäre bei Lehrer*innen aber der Fall. Es gibt in der deutschen Sprache allerdings Sätze, die rein vom Klang her solche Konstruktionen zulassen: “Die Schüler stehen außen, die Lehrer innen.”

Heißt: Lehrer*innen verstößt zwar nicht gegen die Phonetik, aber gegen die strukturelle Position der Sprache. Ob das zulässig ist, darüber gibt es sogar Streitereien unter Fachleuten aus der Linguistik – je nachdem, ob sie sich eher am Sprachsystem oder am Sprachgebrauch orientieren.

Wie sich Sprache wandelt

  • Offizielle Rechtschreibregeln gibt es für die deutsche Sprache erst seit 1880. Seit Sprache auf diese Weise normiert wird, findet Sprachwandel weniger statt.
  • Ändern sich gesellschaftliche Verhältnisse, ändert sich oft auch der Sprachgebrauch: Früher bezeichnete „Fräulein” eine unverheiratete Frau – heute ist es gesellschaftlicher Konsens, dass man als Frau keine Auskunft über den Ehestand geben muss, weshalb das Wort „Fräulein” mehr oder weniger abgeschafft wurde.
  • Zuletzt sind 3000 neue Wörter in den Duden aufgenommen worden (darunter „oldschool” oder „Uploadfilter“), 300 Begriffe sind rausgeflogen (zum Beispiel „Kebsehe“, die Hochzeit mit einer Leibeigenen)

Einwand 2: Gendern führt zu Reaktanz

Immer mehr Behörden und Kommunen veröffentlichen Leitfäden zu geschlechtergerechter Sprache, manche Medienhäuser gendern in ihren Beiträgen und öffentliche Personen sprechen den Gender Gap mit. Entwicklungen wie diese erwecken bei manchen Menschen das Gefühl, ihnen würde ein Sprachkorsett auferlegt. Nach dem Motto: ”Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, wie ich zu sprechen habe!”

Der Widerstand gegen “neue Regeln” kann so weit gehen, dass Menschen auch in ihrer Einstellung zu einem Thema extremer werden. Reaktanz heißt das in der Psychologie – und wird zum Beispiel im Kontext der Corona-Regeln immer wieder diskutiert.

Jetzt könnte man fragen: Kann auch die Debatte über Gendern Reaktanz hervorrufen und dazu führen, dass manche Menschen sich gegen mehr Gleichberechtigung irgendwie sträuben? Zwar wird in einigen europäischen Ländern ein gewisser Backlash, also eine Rückkehr konservativer Wertvorstellungen, in Bezug auf Geschlechtergleichheit bereits beobachtet – ob der Auslöser dafür die Sprache ist, bleibt allerdings offen und hängt zusätzlich von den Wertvorstellungen in einem Land ab. Eine klare Antwort gibt es aus wissenschaftlicher Perspektive auf diese Frage also noch nicht.

Einwand 3: Durch Gendern wird Geschlecht überbetont

“Forscherinnen und Forscher haben es geschafft, den Atomkern von Helium fünfmal präziser zu messen als je zuvor”. In Sätzen wie diesen werden Frauen laut verschiedenen Studien sichtbarer, das haben wir bereits gezeigt.

Durch Gendern könnte aber genau deshalb Geschlecht auch überbetont werden, lautet der Vorwurf – auch in Situationen, in denen das Geschlecht überhaupt keine Rolle spielt, vermuten Forschende. Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen könnten dadurch noch mehr in den Vordergrund treten. Studien, welchen Effekt das hat, gibt es allerdings keine.

Im Englischen ist man deshalb mittlerweile aber davon abgerückt, männliche und weibliche Formen zu nutzen, stattdessen liegt der Fokus auf neutralen Varianten: “humankind” ersetzt “mankind”, “police officer” ersetzt “police men”.

Und jetzt?

Wie wir gendern, muss sich von alleine finden

Die Forschung zeigt mittlerweile klar, dass Gendern positive Effekte haben kann. Zwar wäre es naiv zu glauben, man müsse nur flächendeckend gendergerechte Sprache einführen und es würde, ganz automatisch, mehr Gleichberechtigung herauskommen. Doch Sprache formt am Ende mit, wie wir die Welt wahrnehmen – und Gendern hat somit das Potenzial, der Gleichberechtigung immerhin einen Schubs zu geben.

Mit Feminisierung, Neutralisierung und Genderzeichen kommt geschlechtergerechte Sprache aber sehr vielfältig daher. Ein klares Plädoyer, welche Form des Genderns die optimale ist, gibt es aus der Wissenschaft, Stand jetzt, noch nicht – sie führt sogar selbst einen Diskurs darüber. Vor allem die Frage, was ein Genderstern bringt und ob er wirklich “nötig” ist, muss erst noch untersucht werden.

Trotzdem gibt es aus der Wissenschaft erste Ideen. Eine ist, abhängig vom Kontext zu gendern: Neutrale Formen könnten immer dann zum Einsatz kommen, wenn das Geschlecht eigentlich gar keine Rolle spielt, etwa bei Gesetzestexten oder bei Informationen von Behörden. Gerade im Kontext Job gibt es aber auch gute Gründe dafür, alle Geschlechter direkt anzusprechen – bei Stellenausschreibungen oder um Kindern Berufsbilder zu vermitteln.

Sprache ändert sich von unten

Letztlich kann die Wissenschaft zwar die Effekte von Sprache untersuchen und daraus Empfehlungen ableiten. Was sich im Sprachgebrauch durchsetzen wird, entscheiden am Ende allerdings wir selbst – so ist es immer schon gewesen.

Dieser Prozess funktioniert übrigens in zwei Richtungen. Neue Wörter kommen hinzu, andere verschwinden – das gilt auch für das Gendern: In Untersuchungen großer Text-Korpora konnten Fachleute zum Beispiel zeigen, dass das Binnen-I, die vorherrschende Genderform der 80er- und 90er-Jahre, mittlerweile wieder auf dem Rückzug ist. Auch komplett neue Formen wie Professx, die vor einigen Jahren aufgekommen sind, haben sich nicht durchgesetzt.
Der Linguist Rudi Keller beschreibt den Prozess des Sprachwandels deshalb so:

“Ein Trampelpfad entsteht, weil eine Vielzahl von Menschen von A nach B geht (…). Das erzeugt die Regelmäßigkeit des Verhaltens, die nach einer gewissen Zeit dann Spuren zurücklässt. Sprachzustände sind keine Endzustände von Prozessen, sondern transitorische Episoden in einem potenziell unendlichen Prozess kultureller Evolution.”

Damit wäre doch eigentlich alles gesagt.

Lara Schwenner
Wissenschaftsjournalistin für audiovisuelle Medien, v.a. digital. Verliert sich gerne in Zahlen und langen Recherchen. Themenbereiche u.a.: Wie geht es Umwelt und Klima? Funktioniert Landwirtschaft auch anders? Warum denken und handeln wir so, wie wir es tun?

Unsere Quellen

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55 Kommentare;

  1. „was gendern bringt und was nicht“ verspricht der Titel. Und damit ein ausgewogenen, sprich neutralen Artikel.
    Gehalten wird das nicht, denn in dem angedacht ausbalancierendem Abschnitt wird mit einem „KANN“ begonnen. „Gendern KANN Nachteile bringen“. Damit geht das ausbalancierende Element im Text verloren (bzw wird Richtung Befürworten verschoben durch das implizieren von „MUSS ABER NICHT“).
    Der Leser erwartet mMn. hier ein „Gendern bringt Nachteile“ und danach eine Liste der selbigen.

    Abschnittt „Männliche Bilder im Kopf“
    Natürlich erwarte ich beim generischen Maskulinum (Männlich) mehr männliches.
    Genauso, wie ich beim generischen Femininum mehr weibliches erwarte.
    DAFÜR wurden sie in unserer Sprache ja geschaffen.

    Gibt es für die Frage zum Verhältnis zwischen Musikerinnen zu Musiker:*_innen die gleichen Studien (und Ergebnisse)?
    Ich befürchte nicht.

    Das Messen von Reaktionszeiten hört sich sehr wissenschaftlich an, blendet aber völlig mehrere Dinge aus. Wichtigster Punkt dabei: Die Aussagefähigkeit. Im Vergleich zu physikalischen Messungen (die ich sehr aussagekräftig finde in Bezug auf Wiederholbarkeit, Messschärfe, Fehlertoleranz usw.) hat man erst ansatzweise verstanden, wie unsere Gehirn funktioniert. Bei Einzelnen und individuell (anders). Die Aussagefähigkeit von INDIREKTEN Ergebnissen ist wesentlich niedriger als von DIREKTEN. Deswegen ist die Strecke von von hier bis zum Fenster einfacher zu Messen als von hier bis zum Mond, obwohl ich für beide Strecken zeitlich limitierte und dennoch exakte Ergebnisse bekomme.

    Gegenargument zum Effekt1: Frauen werden sichtbarer, wenn ich spezifiziere: Kann man, macht man mit „Liebe Doktorinnen und Doktoren“
    Dafür braucht es kein „Liebe Doktor:*_innen“. Oder „Liebe Doktorierende“

    Gegenargument zum Effekt2: Hier vergleichen Sie Äpfel mit Birnen. Denn „würden sich mehr Frauen auf DIESEN Job bewerben“ ist etwas völlig anderes als „würden DIESEN Job BEKOMMEN“
    Das erste ist eine Aktion und das zweite ist die Reaktion. Zum besseren Verständniss möchte ich die Stellung der Frau im DDR-Arbeitsleben anführen. (..ooOO …. oha .. der böse Kommunismus naht!) Fakt ist aber: Den Mädels wurde in der Schule gesagt, ihr habt die gleichen Rechte. Also ergriffen sie auch die gleichen Berufe wie Jungs.
    Weil die zu leistende Arbeitskraft nämlich gebraucht wurde. Das ist heute a) nicht immer der Fall (Stichwort Rationalisierung,Computerisierung usw.) und b)von manchen Bevölkerungsgruppen nicht mehr gewünscht bzw. gewollt (und zwar aus beiden vertraglichen Richtungen).
    Ich würde jetzt aus diesen Dingen eine Ablehnung des Kapitalismuses ableiten.
    (UND GENAU DAS ist es, was oben angesprochen Studien tun. Etwas völlig haarsträubendes ableiten, was mit dem eigentlichen Theman NICHTS zu tun hat unter Auslassen wichtiger Bestandteile.)

    Gegenargument zum Effekt3: eigentlich keines. Aber Fragen: Warum stufen Kinder die Berufe als weniger wichtig ein? Wie entsteht das „Bezahlen“ in den Köpfen der Kinder?
    Die Antworten darauf wird den Gender-Befürwortern leider nicht gefallen.

    Einer der Gründe, warum Gendern von der Mehrheit abgelehnt wird, ist das von den Studien ignorierte Umfeld. Beginnen wir bei der aufgeführten Formen:
    Feminisierung: Hier kommt das TRENNENDE zum Tragen. Ich spezifiziere naturgemäss nur dort, wo es notwendig ist. Einzahl „der Lehrer“ oder „die Lehrerin“, Mehrzahl „die Lehrer“
    (vergl. V.Pisper: „Das Trennende mag der Deutsche gar nicht.Der Deutsche mag Stabilität.“)

    Korrekt wäre in meinen Augen bei der Neutralisierung der Vergleich „Der Politiker (MEHRZAHL) wird zu „Die Menschen in der Politikt“ vs. „Die Politiker:*_innen“ wird zu „Die Mensch:*_innen in der Politik“

    Zum Glottisschlag:
    ver-eisen (ein Fläche soweit abkühlen, das Wasser den Aggregatszustand ändert) … vs. ver-rei-sen (Standort wechseln) … vs. ver-reis-sen (zum Bsp diesen Artikel …)

  2. Rat der Deutschen Rechtschreibung * sind keine Satzzeichen
    Gendern ist Nicht Duden konform noch entspricht es der Rechtschreibung !
    Gendern diskriminirt Legasteniker und erschwärt Blinden und sehbehinderten das Lesen (Breilzeile)
    über 70 % lehnen den gender wansin beim lesen ab.
    Wenn du dein geschlecht nicht kennst geh zum Arzt !
    Nur weil ich mich wie ein pensionist fühle werd ich nicht Pensionirt !
    DER Salzstreuer DIE Pfeffermühle
    Na hoffen wir es kommt bei beiden das Richtige raus !

    PS : Sonst darf sich jeder in seinen 4 Wänden fühlen wie er mag ob Schnecke oder Seepferd aber geht der mehrheit 70 +% net am senkel mit dem Mist weill 136 Gleichberechtigungs beauftragte um ihren Job Fürchten -setzt lieber gehälter hoch und gleich das hilft 10 mal mehr !

    1. Naja, dein Beitrag ist auch nicht wirklich „Duden“-konform, noch entspricht es der korrekten deutschen Rechtschreibung. Da wäre es bei dir vielleicht wirklich schlauer, zuerst die basics zu lernen, bevor es dann an die „schwere“ Sprache wie das Gendern geht. Zwinkersmiley.

  3. Ich bin weiblich, 52 Jahre alt und habe einen “ typischen Männerberuf“ (Bauingenieur). In der DDR, wo ich groß geworden bin, gab es sehr viele Frauen in typischen Männerberufen. Es waren insgesamt auch sehr viele Frauen berufstätig. Und das alles ohne gegenderte Sprache ! Daran kann es also nicht liegen, wenn Frauen in technischen Berufen weniger zu finden sind.
    Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, mich nicht gemeint zu fühlen, wenn von Schülern oder Studenten die Rede war. Auch heute fühle ich mich mit der einfachen Formulierung „Liebe Kollegen“ angesprochen und brauche nicht noch die „Extrawurst“ im Sinne von „Kolleginnen“.
    Ich sehe heute das Problem, dass durch Gendern ständig auf das Geschlecht hingewiesen wird, auch in Fällen, wo es überhaupt nichts zur Sache tut. Es spaltet mehr, als das es hilft.
    Die ständige Doppelnennung von Bürgerinnen und Bürger, Zuschauer und Zuschauerinnen, Wähler und Wählerinnen etc. finde ich sowohl beim Lesen als auch Hören anstrengend. Ganz zu schweigen von den I-Formen/*-Formen oder Partizip-Ableitungen. Ich reagiere darauf schon aversiv, ich glaube, ich bin einer typischer Fall für „Reaktanz“.
    Letztlich grenzt man mit dieser Gender-Sprache bestimmte Gruppen auch aus:
    – Blinde, deren Vorlesesoftware alle Sonderzeichen mit vorliest, so dass man den Texten kaum folgen kann
    – Menschen mit Lese-Rechtschreibschwäche oder sonstigen Lernbehinderungen: alle Sonderzeichen, Doppelnennungen etc. machen für sie die Texte noch schwieriger
    – Menschen, die die deutsche Sprache lernen
    Für echte Gleichberechtigung sollte man gesellschaftliche Rahmenbedingungen ändern statt der Sprache. Natürlich ändert sich Sprache, der übliche Weg ist aber von unten nach oben und nicht durch Vorschriften in Medien und Behörden.
    Ein Beispiel, was aus einem künstlich geschaffenen Wort wird, ist der/die Auszubildende. In dieser Form erst einmal geschlechtsneutral. Der beschriebene „Trampelpfad“ macht dann daraus die Abkürzung „der Azubi“(generisch Maskulinum) und in der Mehrzahl die Azubis. Sind jetzt Frauen nicht mehr unter den Auszubildenden / Azubis?
    Umgangssprachlich geht es noch weiter: die Azubine…

  4. Ich bin sehr dafür, dass sich die deutsche Sprache weg von Geschlechtern bei Nomen bewegt. Warum ist eine Katze weiblich, ein Hund jedoch männlich, aber ein Pferd ein Ding? Im Englischen, Türkischen oder gar im Japanischen haben Nomen kein Geschlecht. Arzt ist Arzt. Kein Mann, keine Frau, kein sonstwas. Punkt.

    1. Weil eine Katze weiblich ist und ein Kater männlich, weil ein Hund als Rüde bezeichnet wird, wenn er männlich ist und als Hündin wenn es eine weibliche Art ist. Es gibt bereits Bezeichnungen für diverse Arten, diese sollten eher in den Fokus des Sprachgebrauchs gerückt werden.
      Es heißt auch (schon der Höflichkeit halber) Herr Doktor oder Frau Doktor. Das zu separieren ist eher unnötig. Was das Pferd angeht: Stute für weiblich und Hengst für männlich. Im Kontext sollte eben das Tier „beim Namen“ oder deren biologische Bezeichnung genannt werden. Unsere Sprache ist so vielfältig, man muss sich etwas Mühe geben um Sätze entsprechend zu formulieren.

      Mir ist durchaus bewusst, dass Sie mit ihrer Aussage etwas anderes meinen und möchte Sie bitten, meine Aussage nicht als persönliche Wertung aufzufassen.

    2. Und Ihrem Beispiel folgend bleibt auch in der deutschen Sprache Arzt ein Arzt. Die Arztpraxis, Die Ärzte, Der Arzt als Neutrum. Der Punkt den Sie ansprechen sind Artikel und diese sind nun einmal Bestandteil der Sprache wie in vielen anderen auch. Während Englisch eins hat „the“ und Sie haben recht, Türkisch hat es nicht und alle Turksprachen auch nicht ausser einem Indefinit. Ähnlich auch in Japanisch und Koreanisch, Chinesisch, Vietnamesisch, Indonesisch (Bahasa Indonesia), Malaysisch (Bahsa Malay), etc. Tagalog hat einen Artikel. Ferner gibt es im türkischen Wörter, die einen Bezug auf das Geschlecht haben. Ganz klar weiblich, ohne männlichen Konterpart. Das eigentliche ist hier die Gender-Sprache, die für mich, unverständlich ist. Als jemand der mehrere Sprachen spricht und als Nachkomme von Gastarbeitern, die eine völlig andere Sprache lernen mussten, der selbst die Sprache erst im Kindergarten gelernt hat, ist dieser Umschwung grauenhaft. Ich habe als Kind gelernt, „Der Partner“ „Der Bürger“ „Der Coach“ und ähnliches sich nicht auf das Geschlecht bezieht, es ist die Gesamtheit gemeint die alle umfasst.

  5. Was leider bei der ganzen Diskussion kaum in den Blick genommen wird, ist die Frage der Praktikabilität. Lässt sich die gegenderte Sprache so sprechen, dass es sich gut anhört, leicht artikulierbar ist und die geäußerten Laute distinkt – also sinnunterscheidend – sind? Eher nicht. Beispiel: Hört und versteht man den Unterschied von „Freund:innen“ und „Freundinnen“ leicht? Das Argument, dass der sog. Glottischlag auch bei anderen Wörtern vorkommt, vermag nicht völlig zu überzeugen. Denn normalerweise kommt dieser nur vor, wenn z.B. Wortbestandteile bei Komposita (Wortzusammensetzungen) zusammenstoßen. Das genannte Beispiel Spiegelei (aus „Spiegel“ und „Ei“) lässt das erkennen. Ebenso die Verbindung von Präfixen (Vorsilben) und Hauptmorphem (Beispiel ver-eisen). Bei Flexionssuffixen (also Nachsilben zur Beugung) gibt es diesen Glottischlag in der deutschen Sprache nicht.
    Manche Sprachen verfahren anders, z.B. das Polnische: „Herr“ heißt „pan“, „Frau“ oder „Dame“ heißt „pani“, „Damen und Herren“ heißt „panstwo“. Das Suffix ist das „-stwo“, wobei sein Genus im Neutrum ist. Spannend gemacht! Aber leider gibt so etwas unsere schöne deutsche Sprache nicht her. Oder man erfindet neue Worte wie im Schwedischen das genderneutrale Pronomen „hen“. Etwas Ähnliches könnte man ja auch mal im Deutschen versuchen, vielleicht so: Freund bleibt Maskulinum, Freundin bleibt Femininum, Freundon ist Geschlechtsneutral und wird im neutralen Genus dekliniert. Das könnte man aussprechen, es gäbe keine Verwechslungsgefahr und es wäre auch absolut geschlechtergerecht und frei jeder Diskriminierung.

  6. Der „Trampelpfad“ ist genau das richtige Bild. Jede(r) weiß, welcher Trampelpfad sich durchsetzt: richtig, der nächste, der einfachste.
    Und das ist das generische Maskulinum…

  7. Am Schluss dieser Verlegenheitsabsatz, dass Sprache sich von unten ändert, wo oben noch stand, dass das AGG eine Vorschrift draus macht. Das ist wie mit den Wissenschaftlern, die wissen, was der Friseur denken muss, und den Sprachklerikern vom Duden, die jetzt einfach kein generisches Maskulin mehr im Sprachgebrauch entdecken. Zuerst wirken sie drauf hin, und dann sprechen sie vom Istzustand. „Von unten“, klar.

  8. Ich finde Punkt 3 und 4 extremst problematisch. Was für ein Frauenbild wird hier den gezeigt? Das würde ja bedeuten wir Frauen sind vom Verstand her nicht fähig, zu abstrahieren. Echt jetzt. Ich bin sprachlos und auch wütend. Bin ich jetzt schon wieder ein armes Hascherl, dem man alles erklären muß, weil ich es selbst nicht verstehen würde. Da fragt es mich, wie es Frauen geschafft haben, sich für sogenannte „Männerberufe“ zu entscheiden. Schlimm. Ne da bin ich total raus, ich bin eine Frau und brauche nicht irgendjemand Studiertest, der mir hier die Welt erklärt. Ich hab mir meinen Job in der IT (Netzwerkadministrator/ MCSE) auch ohne HIlfe selbst suchen können. Vieieicht sollte man statt in seiner Blase zu leben und sich selbst zu beweihräuchern, mal den Beruf wechseln und mal einen sogenannten „Männerberuf“ ausprobieren. Außerdem ist es mit der Inklusion ja auch nicht so wirklich weit. Man denke nur an Sehbehinderte, Menschen mit Rechtschreibeschwächen (in all ihren Ausprägungen) oder Menschen, die unsere Sprache lernen wollen oder müssen. Aber he, egal man kann sich seine Inklusion auch schön reden. So genug gemault.

  9. Für eine Wissenschaftsjournalistin sind diese Ausführungen ein klitzekleines unwissenschafftlich. Das war alle nur sehr viel Meinung, verbunden mit fragwürdigen Annahmen, dazu den üblichen Unterstellungen. Nur das wesentliche hat im Text völlig gefehlt: Und zwar ein paar überprüfbare Fakten.

    Für die Annahme, das unsere Sprache falsche Bilder im Kopf erzeugt gibt es keinerlei wissenschaftliche Belege. Wie auch – im Kopf der Menschne kann man nicht nachschauen und selbst wenn man es könnte und es diese gäbe – was wären denn dann diese sogenannten „richtigen“ Bilder, die zu erzeugen so strebenswert sind.

    Die zweite Annahme, das Gendern deutliche Effekte hat ist genauso fragwürdig. Die sogenannte „Frauensichtbarkeit“, die Berufswahl, das Trauen und die Offenheit“ sind reines Wunschdenken. Wann sind Wünsche und Omnipotenphantasien, denn zu wissenschaftliche Fakten. geworden. Äußerst wirr.

    Die die dritte Annahme, das Gendern die Sprache verändert ist zwar vom wissenschaftlichen Standpunkt aus endlich auch einmal ein Fakt und sogar nachprüfbar. Jedoch da daraus die unwissenschaftliche Schlußfolgerung abgeleitet wird, es wäre positiv für die Welt, wenn sogar von der Autorin selbst offen zugegeben wird, das damit Leute verärgert werden, macht das auch wieder nicht beonders „wissenschaftlich“.

    Vorschlag: Anstatt peinlich „rumzuwissenschaftlen“, sollte sich beim Thema Gendern einfach auf die Aussage beschränkt werden – ich will Werbung für Gendern machen und habe keine Ahnung von den Effekten, welche diese Werbung mit sich bringt.

  10. Mich stört wahnsinnig wie man uns gerade probiert umzuerziehen. Ich gehöre dann wohl zu der Reaktanz Gruppe. Ich würde inzwischen sogar ein gesetzliches Genderverbot gut heissen.

  11. „Was sich im Sprachgebrauch durchsetzen wird, entscheiden am Ende allerdings wir selbst – so ist es immer schon gewesen.“
    Völlig korrekt! Und daher ist es unerträglich, wenn in Medien, Institutionen, Firmen etc. Gender-Vorschriften herausgegeben und Repressalien angedroht werden (Universitäten drohen mit Verschlechterung von Noten) für den Fall der Zuwiderhandlung. Das ist nicht sprachliche Entwicklung von unten, sondern totalitäres Agieren von oben – und daher prinzipiell anzulehnen.
    Wie jemand im privaten Umfeld spricht, soll mir egal sein, aber im öffentlichen Leben kann ich die Anwendung einer korrekten Sprache erwarten. Und damit meine ich nicht, dass anstelle von „Guten Tag liebe Zuschauer“ gesagt wird „Guten Tag liebe Zuschauerinnen und Zuschauer“ oder „Guten Tag allerseits“, sondern die Verwendung von Sternchen, Doppelpunkten, Binnen-Buchstaben etc. Eine Verunglimpfung unserer Sprache!
    Jetzt könnte wieder jemand das Argument hervorkramen, dass ich als männlicher Schreiber aus geschlechtlichen Gründen Gendern ablehne. Aber das ist nicht der Fall. Es geht mir (fast wie bei dem Prinzip von Ockhams Rasiermesser) darum, den einfachsten Weg zu gehen, d.h. die einfachste Pluralform zu finden. Wir akzeptieren doch auch „Deutsche“ genauso wie „Holländer“, „Franzosen“ etc. als die Gesamtheit der Angehörigen des jeweiligen Staates, warum also nicht auch bei anderen Begriffen? Ist doch alles nur eine Frage der sprachlichen Unterrichtung von Kindern, um die richtigen Bilder vor Augen zu haben. Wenn man bereits von Anfang an in Bilderbüchern Abbildungen zeigt, wo männliche und weibliche Ärzte (letzteres auch Ärztinnen genannt) als „Ärzte“ zusammengefasst werden, dann werden sich diese Bilder einprägen. Ich denke nicht, dass es für ein Kind erstrebenswert ist, mit begriffen wie „Ärzt:Innen“ (oder wie man das schreibt) etwas anfangen kann. (Mal abgesehen davon: Was soll „Ärzt“ denn für eine Stammform sein?).
    Und daher mag ich auch die Bezeichnung des „generischen Maskulinums“ nicht. Warum nennen wir es nicht einfach den „generischen Plural“. Vielleicht verschwindet dann bei vielen der Eindruck des Geschlechtsspezifischen. und die damit verbundenen Aversionen.
    Soooo…und zum Schluss etwas Poetisches von Robert Allen Packard, seines Zeichens Indianer (tjaha, ist so!), der auf die Frage um die ganze Diskussion um den Begriff „Indianer“ antwortete: „Der Blick in die Augen ist wichtiger als das Wort. Man kann mich nennen, wie man möchte, so lange man sich dabei mit offenen Augen in die Seele blicken kann. Wenn Worte aus gutem Herzen heraus gesprochen werden, dann gibt es nichts Böses an ihnen.“
    Vor allem der letzte Satz ist wahre Poesie!
    Wenn ich das generische Maskulinum in Hinblick auf alle Geschlechter benutze, dann gibt es daran nicht Böses. Wenn man mir aber unterstellt, ich würde Menschen ausgrenzen bzw. nicht ansprechen, dann kommt das Böse genau aus dieser Richtung.
    In diesem Sinne…immer locker bleiben! 🙂

    1. Es gibt nur zwei Geschlechter, aber 8 Milliarden Menschen. Und da sind alle verschieden, nicht einmal eineiige Zwillinge sind absolut gleich. Also kann man auch von 8 Milliarden „Geschlechter“ sprechen. Dieses „Cis“, „Non-Binär“, „Genderfluid“ macht mir angst. Anstatt dass wir das Problem mit der Abschaffung der Definition „Mann“ und „Frau“ zu lösen versuchen, werden einfach noch 3 weitere Kategorien geschaffen, in welche Menschen schubladisiert werden können.

    2. „Holländer“ ( mhmmm … sagen Sie das mal einem Niederländer) … „Deutsche“ ( gehören da Ossi’s — äääh, Össis dazu, die einen komischen Dialekt haben?)
      Sie lassen da ja richtigen Nationalismus raushängen. Sind wir nicht alle „Europäer“?

      Spass beiseite, Ernscht kumm her:
      Der Dialekt kennt kein Gendern und wird uns alle retten.

  12. Wenn schon „gegendert“ werden soll, dann bitte Feminin und Maskulin und kein Genderstern. Mit dem Letzteren ist niemand wirklich angesprochen. Also sage ich „Sehr geehrte Damen und Herren“, „Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer“, „Liebe Mädchen und Buben“, usw.

  13. Kleines Wort hierzu: Sollten wir nicht eher darüber nachdenken, warum die Männer eher gemeint sind und uns dieses Problems direkt annehmen, statt die Sprache umzuändern, damit es eher passt? Sonst laufen wir doch nur Gefahr, dass genau das gleiche noch einmal passiert, oder nicht? Ich meine, wenn ich Bauarbeiter:in höre, dann ist das ja ganz schön, aber dann denke ich doch nicht eher an eine Frau oder einen Mann? Im Gegenteil, man lässt sich weiter beeinflussen, ob jetzt vom generellen Bild, dass Bauarbeiter einnehmen oder dem „in“ am Ende, dass uns eher zur weiblichen Form zwingt. Das spaltet doch eher.

    Und zudem ist es absolut üblich, dass man sich eines der zwei Geschlechter nun einmal vorstellen MUSS. Wenn ich einen Namen höre, denke ich an eine Sache, nicht zwei. So funktioniert das menschliche Denken bei so etwas eben. Wir beheben das Problem damit ja nicht, sondern versuchen es nur zu umlaufen und machen dabei eher den gleichen Fehler gleich nochmal. Wenn jemand jetzt „Ärzt:innen“ sagt, dann denken wahrscheinlich einige eher an Frauen, aber macht das irgendetwas richtiger? Ich weiß auch so, dass in jedem Beruf auch andere Menschen als das vielleicht stereotypisch erdachte unterwegs sind, aber das orientiert doch viel mehr, weil es ja doch auch auf realen Dingen basiert. Es ist de facto so, dass es mehr Bauarbeiter gibt. Oder mehr Grundschullehrerinnen. Und dann denkt man eben zuerst an das eine Geschlecht. Entsprechend ist ein Test in diese Richtung doch auch gar nichts wert, weil man sowieso nur die ersten Emotionen einfangen kann.

    Wir machen uns dauerhaft irgendwelche Gedanken vorher und werden dann gegebenenfalls vom Gegenteil überzeugt. Das ist, wie die Welt funktioniert. Und da kann auch Gendern nichts dran ändern, weil das unsere Muster nur im Stil ändern, nicht in dem, wie sie funktionieren. Und wenn man eine Frau meint und direkt den Kopf an das erinnern will, sagt man eben „Bauarbeiterin“. Die Bezeichnung „Bauarbeiter:in“ sorgt nur für eine gänzliche Missinterpretation des ganzen Berufs, eine absolut verwirrte Wahrnehmung oder für nicht mehr als das, was wir so schon hatten.

    1. Warum MUSS ich zuerst an das Geschlecht denken und dann an die Person? Hier wird doch genau eine mentale „Vorsortierung“ als völlig normal implizierrt, die es zu überwinden gilt. Dass man erst genauer darauf hinweisen muss, dass das Gegenüber oder die Person, auf die Bezug genommen wird, kein Mann ist, sondern eine Frau – das spricht doch Bände. Zudem gibt es kein Entweder-Oder. entweder Mann oder Frau. Geschlecht ist ein Kontinuum.
      Was hier als „normal“ postuliert wird, ist eben nicht so. Wenn jemand mir erzählt, dass das Paar ein Kind bekommen habe – denkt man daran, dass es ein Junge oder ein Mädchen ist? Oder denkt man zuerst an „kleiner Mensch“?
      Sprache prägt meine Wahrnehmung. Wenn ich keine Worte für die Farben Blau, Grün, und Türkis habe, existieren die Farben nicht als unterscheidbares Merkmal. Ich nehme sie auch nicht als Blau oder Grün oder Türkis wahr, sondern als die Eigenschaft, für die ich Wörter und damit Begriffe habe.

  14. Ich wollte mich mal kurz für diesen Artikel bedanken! Ich schreibe grade eine Hausarbeit über genau dieses Thema und hatte Probleme vernünftige Quellen oder Studien zu finden. Ihr habt mir hier grade sehr viel Arbeit abgenommen 😀
    Aber davon mal abgesehen ist es echt ein guter Artikel, ich bin froh, dass ich ihn so gefunden und gelesen habe!

  15. Ich halte den Artikel für gut halte jedoch einige der positiv angeführten Beispiele für Trugschlüsse bzw. einseitig.

    – Wenn ich nach Musikern gefragt werde antworte ich ganz klar und eindeutig sofort mit einem Haufen von Männern (Mozart, Bach, Vivaldi, …). Das liegt einfach daran, dass ich besonders gerne klassische Musik höre und daher sofort an diese Musiker denke. Würde ich auf Girl-Bands stehen würde ich wahrscheinlich sehr viele Frauen Namen nennen. Mein persönliches Empfinden mag täuschen, aber aus meiner Sicht gibt es auch Verhältnismäßig viel mehr berühmte Männer als Frauen bei den Musikern. Als ich in die Pflichtschule absolvierte haben wir im Musikunterricht, abgesehen von der österreichischen Hymne, keine Stücke und Lieder von Frauen durchgenommen. Ich vermute, dass es eher am Wissen über berühmte Frauen mangelt, als dass es die Schuld des generischen Maskulinums wäre.

    Die Frage nach der Fortführung des Satzes über die Sozialarbeiter hätte ich sogar verneint. Es mag eine zulässige jedoch keine sinnvolle Weiterführung sein. Das liegt aber nicht daran, dass ich bei Sozialarbeitern nur an Männer denke sondern, dass ich gelernt habe, dass bei einer rein weiblichen Personengruppe die weibliche Form zu verwenden ist. Da im 1. Satz nicht von Sozialarbeiterinnen die Rede ist gehe ich von einer gemischten bzw. rein männlichen Gruppe aus. Der 2. Satz in dem nur Frauen erwähnt werden die keine Jacke tragen würde mich verwirren, weil ich mich sofort Fragen würde weshalb es jetzt wichtig ist, dass keine Jacken getragen werden, warum es wichtig ist, dass es die Frauen und nicht die Sozialarbeiter sind, … Das geschilderte Szenario und die Intention der Aussagen würde mich ganz einfach verwirren.

    Effekt 1:

    – Das Beispiel der Studie mit „der Spezialist“ sollte grammatikalisch gesehen eigentlich niemals eine Frau sein. Ein Spezialist, Spezialisten, die Spezialistin (wenn alle angesprochenen Personen weiblich sind wird die weibliche Form gewählt) sind Frauen. Der Spezialist ist jedoch ein Mann. Ich hege die Vermutung, dass die Probleme eher daran liegen, dass viele Leute nicht mehr die deutsche Grammatik beherrschen.

    – Ich gehe eher davon aus, dass durch die Diskussion über das Gendern Frauen in den Fokus gerückt werden und nicht das Gendern selbst diesen Positiven Effekt hat.

    Effekt 2 und 3:

    – Auch hier zeigt sich ganz deutlich, dass Frauen und Frauenberufe als weniger Wert angesehen werden. Ich glaube jedoch nicht, dass dies daran liegt, dass im generischen Maskulinum gesprochen und geschrieben wird sondern, dass man in Frauenberufen weniger verdient und somit sogar „bewiesen“ wird, dass diese Berufe weniger Wert sind. Die Geringschätzung von Frauen könnte genau so daher rühren dass man in der Schule aufgrund der Geschichte (nahezu sämtliche wichtige Personen vor 1900 sind Männer gewesen) fast nur von bedeutenden Männern hört.

    Effekt 4:

    – Schön, dass Finnisch als Beispiel für den positiven Effekt der Geschlechtsneutralität einer Sprache gewählt wurde, aber so gibt es auch noch Türkisch, Vietnamesisch, Indonesisch, Ungarisch, … als ebenfalls geschlechtsneutrale Sprachen. Das die Situation bezüglich der Gleichberechtigung in jenen Staaten in denen diese Sprachen hauptsächlich gesprochen werden alles andere als positiv ist beweist, dass nicht der Genus eine Sprache sondern die Werte der Einwohner entscheidend sind.

  16. Gendern will gelernt sein. So habe ich eine Leipziger Oberbürger:innenmeister:innenamtskandidat:in der Linken in einer Wahlkampfveranstaltung von Krankenschwestern und Krankenschwesterinnen sprechen hören.

  17. Man merkt auch an diesem Artikel immer noch einen klaren Bias. Es ist kein Populismus zu sagen, dass die Genderforschung zu einem Großen Teil aus Aktivismus besteht. Politik und Forschung verlaufen nicht getrennt, das ist leider ein Fakt. Das endet dann aber eben darin, dass die Politik durch Emotionen beeinflußt wird und weniger durch Fakten. Es ist der Aktivismus, der die Sprache im öffentlichen Raum der Verwaltung und Unternehmen, darunter auch der Medienunternehmen bestimmt.

    Nur ein Beispiel anhand der Pause. Die weibliche Mehrzahl von Bewerberin ist Bewerberinnen. Wenn ich die Pause spreche, ist das nicht wie bei Spiegelei, wo das Ei betont wird, weil das Gericht aus Ei besteht. Ich betone das I, wie Innen, das Gegenteil von Außen. Vorher benutzte man geschlechtergerecht „Bewerber/innen“. Das / forderte den Leser auf „Bewerberinnen und Bewerber“ zu sagen (oder umgedreht, wie es beliebt). Die vermeintlich geschlechtergerechte Sprache drückt also ganz betont eben NICHT mehr aus, dass man Bewerberinnen sagt. Das ist eher misogyn als alles andere.
    Durch die ganze Behauptung, schon den Begriff „geschlechtergerecht“ entsteht der Eindruck, das was man hier betreibt sei moralisch korrekt aber das ist es eben nicht. Es ist framing.

    Der Artikel ist keineswegs schlecht, gerade so Elemente wie „woran denkt man bei dem generischen Maskulin“ sind völlig richtig. Nur ist ja die Frage, warum *, _, – oder : notwendig sein sollen und ob sie tatsächlich einen Unterschied machen. Und gerade am Beispie anderer Nationen mit „neutraler Sprache“ zeigt sich ja eben doch, dass Sprache ein irrelevanter Faktor in der Gleichung der gesellschaftlichen Stellung von Mann und Frau ist.
    Und klar führt die Sprache zu Reaktanz, das sieht man in Browsertools wie Binnen-I begone oder quasi jeder Kommentarbereich irgendwo, wo diese Sprache nicht nur thematisiert, sondern genutzt wird.

    Ich sehe es an mir selbst, ich schalte Radiosendungen ab oder entfolge Plattformen, einfach weil das Aufschwingen auf ein moralisches Ross über die Verwendung einer Alternativsprache ein bedenklicher Prozess ist, ganz besonders dann, wenn offensichtlich diese Sprache zutiefst misogyn ist und eben nicht „von unten“ kommt, sondern von oben über Moralismus und manipulative, rhetorische Tricks (wie die Verwendung des Begriffs geschlechtergerecht) aufoktroyiert wird.

  18. Doch ein wenig absurd, dass die Gegenstimmen in dieser Diskussion vornehmlich (dem Namen nach) männlicher Natur sind. Zeigt wiedermal wer die Debatte am lautesten bestimmt ohne tatsächlich von ihr negativ betoffen zu sein, abgesehen von individuellen ästhetischen Einwänden. Auch ich identifiziere mich als Mann und will mich hier daher nicht urteilend über andere Menschen stellen ohne je selbst die Ungerechtigkeit der Sprache gespürt zu haben.
    Danke für den Beitrag!

    1. Das Geschlecht von Diskussionsteilnehmern zu thematisieren ist diskriminierend. Ich finde es beeindruckend, dass ein Quark Mitarbeiter sich dafür bedankt, anstatt dergleichen zu kritisieren. Darüber hinaus ist Betroffenheit kein Wert. Egal ob positiv oder negativ. Ein fundamentales Prinzip unserer Gesellschaft ist es, dass alle partizipieren dürfen. Es als negativ hinzustellen, dass Personen sich äußern, obwohl sie nicht negativ betroffen sein sollen, ist bedenklich.

      Darüber hinaus ist es in diesem Fall auch noch falsch. Die vermeintlich geschlechtergerechte Sprache soll von allen gesprochen werden, sie betrifft alle und das negativ. Beispiel Kolleg:innen. Man sagt weder Kollegen, noch Kolleginnen. Weder Männer, noch Frauen werden direkt angesprochen. Beide werden „mitgemeint“ also genau das, was man dem generischen Maskulin anprangert. Es ist nicht gerecht, man verweigert beiden Geschlechtern die Ansprache.

  19. Was für eine einseitige und unwissenschaftliche Zusammenstoppelung von kolportiertem Unfug!
    Sprache determiniert nicht das Denken, sonst würden Diktatoren nicht auf Rhetorik setzen, sondern auf Sprachreformen. Keine Sprache ist sexistisch, nur Äußerungen sind es und Menschen. Ungarisch und Türkisch kennen kein Genus. Gendersprech ist eine neue Sprachvarietät (wie ein Dialekt), keine Reform der Sprache. Ein Journalist, der so spricht, kann sich auch gleich ein Partei-Abzeichen aufkleben. Er bestätigt die AfD, dass der ÖRR parteiisch ist. Die ständig kolportierten „Studien“ sind Assoziationstests, die Sätze aus dem Kontext reißen, dabei ist Kontext wichtiger als die Wörter, die verstehen wir nämlich auch, wenn sie falsch verwendet oder ausgesprochen werden. Die Desambiguierung des Maskulinums bei fehlendem Kontext braucht natürlich ein paar Millisekunden länger. Na und? Außerdem belegen die prozentual unterschiedlichen Ergebnisse pro Personenbezeichnung, dass Vorurteile und Erfahrungen das Denken bestimmen, nicht das generische Maskulinum. Die Paarform ist nur ein Hinweis auf die Lösung der Aufgabe. „Fun-Fact“ nebenbei: Die Dekonstruktion, die hier als Quelle angegeben wird, ist übrigens die Erfindung französischer Pädophilie-Aktivisten (Foucault, Derrida), die den Unterschied Kind – Erwachsener dekonstruierten und Kindesmissbrauch sogar bei den Grünen hoffähig machten. Auch Trump dekonstruiert: Statt Wahrheit und Lüge gibt es nur alternative Fakten. Auch „Gender“ ist ein politischer Kampfbegriff, keine Wissenschaft. Ich könnte das unendlich fortsetzen …

  20. Liebes Quarks Team.

    Danke, für euren Beitrag. Durchaus fairer als manch andere Beiträge aber in eurem Framing, dass die Beweise wissenschaftlich seien und die Gegenstimmen emotional, leider immer noch schwierig. Aber dank eurer Quellen habe ich mir die empirischen Studien als Wissenschaftler aus einem anderen Forschungsgebiet mal genauer angeschaut.

    Was mich an der ganzen Debatte stört ist diese Behauptung von dem einen generischen Maskulinum, was männlich gebiased wäre und das zieht sich durch alle Studien. Wichtig: Meine Argumentation bezieht sich auf die Bewertung des Generischen Maskulinums als nicht genderneutral und nicht, dass es nicht gendergerecht sei (was alle, die dann nicht so reden als Ungerechte brandmarkt. Unglücklich). Auch finde ich es gut, Jobs zu gendern bei Stellenausschreibungen. Was aber den Hauptreibungspunkt in unserer täglichen Kommunikation ausmacht ist die Verwendung der Sprache über Gruppen z.B. wenn im Radio von Bürgern und Bürgerinnen oder aber von Experten und Expertinnen die Rede ist oder gleich Expert:inn:en.

    Hier einfach kurz drei Beispielsätze:

    1. Jeder, der schon mal geimpft wurde, weiß, dass man sich danach nicht so gut fühlt.
    2. Die Wissenschaftler befragten die Lehrer über die Schüler.
    3. Die am schwersten Betroffenen sowie bereits in der Klinik liegende Patienten bekamen von den Ärzten als erstes den Impfstoff.

    Alles drei sind Beispiele für das generische Maskulinum. Aber fällt euch da nicht auch ein Unterschied in der Neutralität auf?
    Das erste ist ersichtlich noch nicht mal mehr generisch, da „jeder“ einfach männlich ist. Das sollten wir im Sinne der Neutralität minimieren. Hier könnte stattdessen „Alle die“ usw. helfen. Auch ergibt im Singular die Nennung beider Geschlechter absolut Sinn. z.B. „Welches ist ihr Lieblingssporter oder ihre Lieblingssportlerin“ weil nur Sportler halt echt männlich.

    Der zweite Satz oben benutzt Wörter mit Endung „er“ als Pluralindikator und der dritte Wörter mit „en“ Endung. Diese beiden Formen verwenden wir in den Medien im Plural am häufigsten wenn es um Personenbezeichungen geht. Es fällt auf, dass die „en“ Form geringer männlich klingt als „er“ und vielmehr einfach nur neutral „viele“ indiziert. Wir verwenden es in allen möglichen Wörtern wie Menschen, Personen, Frauen oder für substantivierte Partizipien wie die Geimpften, die Betroffenen usw. aber eben auch Patienten, Experten, Journalisten.

    Glaubt ihr, dass im Beispielsatz die Betroffenen als neutral verstanden werden aber Patienten und Ärzte später als männlich, weil nicht Patientinnen und Ärztinnen dazu gesagt wurde? Das würde ja implizieren, dass man für jedes Wort erstmal in den Singular zurückgeht, schnell überprüft, ob es da die weibliche Form gibt (bei substantivierten Partizipien ja gerade nicht, der/die Betroffene, ergo keine Betroffinnen) und dann die Paarform nimmt oder nicht. So denken wir bei Sprache doch nicht, oder? Dazu passt auch, dass Blake und Klimmt 2008 in ihrer Studie zu Nachrichtentexten gerade keinen signifikanten Unterschied (Alpha < 0,05!) in Hinblick auf die Vorstellung des Frauenanteils zwischen "Ärzte und Ärztinnen" vs nur "Ärzte" feststellen konnten (ich zähle "e" mit zu "en" zumal es im Akkusativ eh dazu wird).

    Anders sieht es bei "er" Wörtern aus. Lehrer, Politiker, Erzieher "stinken" männlich. Mir geht es so, dass ich sogar den englischen teacher obwohl geschlechtslos erstmal für einen Mann halte. Hier kann eine Paarform tatsächlich die Lösung sein. Z.B. Hörer und Hörerinnen ist da einfach besser. Intuitive Erklärung: Singular und Plural sind in der "er" Form identisch. Ohne Adjektiv davor kann ich nicht sagen ob es jetzt der generische Plural sein soll oder nur eben nur die männliche Einzahl. Gleichzeitig haben wir hier beim Lesen automatisch den Rückbezug zum Singular und damit die ungewollte männliche Geschlechtszuschreibung, auch wenn die Erzieher ja gesellschaftlich bzw. sozial fast nur Frauen sein sollen. Da muss man immer einen Umweg im Denken gehen.

    Und jetzt kommt der Spaß: Alle wissenschaftlichen Studien, die ihr angehangen habt (und dank Uni Account kann ich mir die auch anschauen) von Stahlberg bis Gygax haben fast ausschließlich mit -er Personenbezeichnungen gearbeitet und differenzieren hier null, sprich heterogene Variablen werden einfach in eine Gruppe gezwungen. Stahlberg schreibt sogar in ihrer Einleitung, dass Studenten männlich seien, obwohl sie das gar nicht getestet hat sondern fast nur das generische Maskulinum mit Wörtern wie Politiker, Sportler oder Sänger. Ja, einmal kommt auch Kandidaten in Bezug auf Bundeskanzler, aber das war im Singular formuliert. Sprich, das ist kein male bias, das ist einfach nur männlich und fällt in mein erstes Beispiel oben. Dann kam auch noch mal Moderatoren und Autoren, allerdings wurde letztendlich nur mit einer ANOVA überprüft und keine Individualergebnisse veröffentlicht. Beim F Test einer Gruppe reicht ein stark signifikantes Einzelitem aus (sprich z.B. Politiker) um alle anderen Items dieser Gruppe mitzuziehen. Das ist wissenschaftlich nicht sehr schön und transparent gemacht, wie so viele dieser Studien!

    Bei Gygax et al (2008) kann man die komplette Liste der Personengruppen sehen mit der sie die "Sozialarbeiter Studie" durchgeführt haben. An 30 Studenten wohlgemerkt (Repräsentativ ist da gar nichts). Fast alle Wörter dieser Liste sind mit "er" und wenn nicht, dann sozialmännlich aufgeladen, z.B. Physikstudenten statt nur Studenten. Keine Ahnung warum sie ausgerechnet das häufig benutze Wort "Studenten" weggelassen haben. Die wenigen rein weiblichen Jobs wurden zudem noch durch die männliche Form ersetzt. Krankenpfleger mögen ja weiblich sein. Allerdings sagen wir im Volksmund fast immer Krankenschwester, was Krankenpfleger sogar männlicher macht in der Erstbetrachtung. Auch Kosmetiker wird doch so gar nicht verwendet. Ich gehe zum Kosmetiker meint nicht die Frau sondern den Laden. Das ist tricky. Es bleibt aber die "er" Problematik, dass Sozialarbeiter und Kosmetiker halt männlich klingen. Aber man stelle sich den Satz mit den Sozialarbeitern und den sich die Jacken ausziehenden Frauen einfach mal mit Kollegen vor oder Experten. Aber solche Wörter wurde nicht getestet und auch grundlegend wurden hier auch nur die ANOVA Daten veröffentlicht, die eine Einzelauswertung der Wörter nicht zulassen (Polizisten hätte mich z.B. sehr interessiert, weil sozial männlich konnotiert). Final gibt es noch ein ganz anderes Problem in der Studie, was die längere Zeit zur Bearbeitung erklären kann:

    “Die Sozialarbeiter liefen durch den Bahnhof.”
    “Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere der Frauen keine Jacke.”

    Wir nutzen im Deutschen für eine Gruppe von ausschließlich Frauen exklusiv die -Innen Form. Wenn ich sagen möchte, dass es explizit Männer sind, muss ich männliche Sozialarbeiter sagen, weil sprachlogisch Sozialarbeiter ohne "männliche" erstmal unbestimmt ist. Sozialarbeiterinnen dagegen sind ausschließlich Frauen. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn es darum geht, den Satz oben auf Richtigkeit zu bewerten. Der Satz wäre also nach deutscher Sprachlogik genau dann nicht ganz richtig, wenn die Gruppe nur aus Frauen bestünde. Diese konkrete Information fehlt aber. "mehrere der Frauen" kann ja die komplette Sozialarbeitergruppe sein und nur ein Teil. Das ist hier unklar. Falls nun ersteres gilt, würden wir intuitiv Sozialarbeiterinnen sagen, wobei Sozialarbeiter immer noch möglich wäre, aber eben diesen "er" male Bias hat. D.h. die Probanden der Studie mussten immer noch implizit annehmen, dass die Gruppe aus Männern besteht, die nicht genannt werden um den Satz als richtig oder falsch zu bewerten. Das kostet Zeit und kann, wenn man da wissenschaftlich offen rangehen würde, als Erklärung dienen. Man könnte sogar fordern, dass es im Sinne der Neutralität besser wäre, sprachlich die _innen Form komplett zu streichen, weil erst sie das Problem im Plural überhaupt aufmacht, dass Frauen sich nicht mit genannt fühlen könnten. Allerdings bleibt der reale "er" Bias.

    Dann kam zum Abschluss noch die Kinderstudie von Vervecken und Hannover um wissenschaftlich zu beweisen, dass Sprachänderung wirkt. Uff, da blutete mir als Statistiker schon das Herz und ich muss hier technisch werden in der Annahme, dass das Quark Team das logischerweise versteht als Wissenschaftsjournalisten. Abgesehen von bösartig verzerrten Grafiken in Experiment 1 zur Verdienstwahrnehmung der Kinder, um etwas viel größer darzustellen als es ist, ist die Studie ein gutes Beispiel, dass Sprachforschende mehr und kritische Statistik üben sollten! Ich muss das so klar sagen. Wer bei 600 Teilnehmern feiert, dass er oder sie einen signifikanten Effekt hat, gehört zurück auf die Schulbank. Bei den Größen ist alles signifikant (wobei hier sogar 0,1 als Grenze genommen wird. Ultraschwach. Physik arbeitet mit 0,00001). Viel wichtiger ist die Effektstärke. Und Experiment 1 erzielt da Effektstärken in der zweiten Stelle nach dem Komma auf einer Skala von 1 bis 5. Das ist nichts! Das zweite und von Quarks zitierte Experiment erreicht zwar Effekte von bis zu 0,3 was eine Veränderung von knapp 7% impliziert, aber auch das ist super wenig und laut Daten noch innerhalb der halben Standardabweichung der zwei Klassen (ca. 0,7). Sprich die Daten, ob Generisches Maskulinum oder Paarform schwankten standardmäßig sowieso um 15% Ob es also Kinder wirklich mehr motiviert ist alles andere als eindeutig und wenn dann minimal. Was viel krasser ist, dass sich bei den Kindern weibliche Jobs sprach- und geschlechtsunabhängig als viel einfacher und viel verdienstärmer vorgestellt werden. Von Kindern! Und dass, sobald Frauen in Paarform mitgenannt wurden, die Jungs den Job noch einfacher fanden. Daran müssen wir arbeiten. Was mich wundert, wie so etwas durch die kritische Peer Reviews kommt. Da kann einen schon das Gefühl überkommen, dass hier mehr Wunsch als Wissenschaft in der Sprachwissenschaftscommunity vorherrscht.

    Fazit: Es fehlt den wissenschaftlichen Studien an einer klaren Unterscheidung der Formen des generischen Maskulinums. Manche haben zudem vermeidbare und tendenziöse statistische Schwächen, was ärgerlich ist, weil damit dann Politik betrieben wird. Es gibt allerdings Sprachformen, an denen sollten wir in Hinblick auf Neutralität arbeiten, z.B. "er" Wörter. Ob "en" Wörter auch männlich gebiased sind, zeigen die Studien nicht, aber erste Indikatoren sagen eher weniger. Das muss aber nichts schlechtes sein, weil dann Medien eben einfacher kommunizieren könnten eben von Künstlerinnen und Künstlern reden aber auch nur kurz von Kollegen oder Journalisten ohne dabei eben Gefahr zu laufen Frauen nicht mitzudenken, was besonders bei Beiträgen mit vielen Personenbezeichnungen hilfreich sein kann um nicht zu viel "Rauschen" in die eigentliche Information zu bringen.

    Beste Grüße

    1. Liebe Sebastiane, für Ihre ausführlichen und sehr aufschlussreichen Erläuterungen bedanke ich mich ganz herzlich!

      Schön wäre, wenn die Wissenschaftsjournalisten von Quarks ihre Arbeit mit vergleichbarer Sorgfalt und vor allem mit erkennbarem Bemühen um größtmögliche Objektivität der Darstellung erledigen würden. Die Bezeichnung „Wissenschaft“ ist kein Qualitätssiegel, sondern ein Qualitätsanspruch, der auch verfehlt werden kann, und Studien können Mängel haben, die sie unbrauchbar machen.
      In Fällen, in denen Studienergebnisse quer zu den eigenen Überzeugungen lägen, würde man im Quarks-Team deren Zustandekommen doch zweifellos gründlich hinterfragen. Entsprechend genau sollte man aber auch und gerade da hinschauen, wo eigene Vorannahmen scheinbar bestätigt werden. Bloßer Glaube ist in der Wissenschaft fehl am Platz, und so sollte es auch im Wissenschaftsjournalismus sein.

        1. Mit Verlaub: Nein, das tun Sie nicht (nämlich die angegebenen Quellen kritisch betrachten und offensichtliche Mängel benennen).

          Was Sie tun (verwendete Quellen offenlegen) war wiederum gar nicht Gegenstand meiner Kritik. Die Offenlegung Ihrer Quellen zu den Artikeln ist richtig und wichtig, ich hatte sie auch nicht in Zweifel gezogen.

          Bezweifelt habe ich den notwendigen kritisch-distanzierten Umgang mit den von Ihnen verwendeten Quellen, den wiederum Sebastiane Hupfer in ihrem Kommentar recht ausführlich leistet.

          Denn wie bereits geschrieben: „Studien können Mängel haben, die sie unbrauchbar machen“ oder die doch mindestens erhebliche Zweifel an der Belastbarkeit ihrer Aussagen rechtfertigen.

          Nichtsdestotrotz
          ein schönes Wochenende!

  21. Ich verstehe nicht, wieso das generische Maskulinum disqualifiziert wird. Es gibt genügend sprachliche Zusammenhänge, in denen der genaue Ausweis des Geschlechts vollkommen unerheblich ist. Im Stadion sitzen Zuschauer – der Geschlechtsausweis ist vollkommen unerheblich -, eine Ärztin übt den Arzt-Beruf aus und bleibt als Individuum Ärztin. Warum sollte beim Arzt-Beruf gegendert werden? Es kommt immer auch auf den Kontext an und letztlich auf die Bereitschaft und Fähigkeit des einzelnen, Grammatik und Stil richtig zu verstehen. Ich bin davon überzeugt, dass dies den meisten Vertretern (gen. Mask.) des Genderns bewusst ist.
    Gendern schafft keinen gesellschaftlichen Mehrwert, sondern spaltet die Gesellschaft. Außerdem entwickelt sich Sprache von selbst. Begriffe disqualifizieren sich oder verschwinden. Oder sie erhalten eine neue Bedeutung. Und das gilt auch für die Betrachtung des generischen Maskulinums. Es steht für alle und ich bin davon überzeugt, dass es die große Mehrheit der Sprachgemeinschaft auch so sieht. Die Herausforderungen an die Gesellschaften liegen im Praktizieren von Gerechtigkeit wie Equal Pay, Wahrung von Freiheitsrechten etc. Gendern empfinde ich als ideologisch, unfrei und exklusiv gegenüber denjenigen, die gute Gründe haben, nicht zu gendern, Grammatik und Rechtschreibung folgen und (trotzdem) für eine weltoffene, freie Gesellschaft eintreten. Die gibt es.

  22. Bei der geschlechtsbetonenden Sprache ist in meinen Augen vieles noch ungeklärt, was für eine Evaluierung notwendig wäre.
    Woher beziehen die Sprachveränderer ihr Mandat?
    Welches Problem soll damit gelöst werden?
    Für wen?
    Wie groß ist dieses Problem, was sind die Folgen des Problems?
    Ist das Werkzeug ‚Sprachmanipulation‘ geeignet das Problem zu lösen?
    Ist es angemessen?
    In welchem Verhältnis stehen Aufwand und Nutzen?
    Sind die, die den Aufwand haben, auch die Nutznießer, oder findet ein Transfer statt?
    Gibt es welche, die von Gendersprech benachteiligt werden?
    [ Ich hab jetzt so einige Sprachreformen miterlebt, und mir tat es jedesmal um die Kinder leid, die gerade Lesen und schreiben lernen, also richtig arbeiten, und dann heißt es ‚ätsch, alles anders ab jetzt‘
    Aber kinder wehren sich ja nicht, und Migranten auch nicht
    ]
    Gibt es Gefahren?
    Gibt es einen demokratischen Auftrag?
    Oder, wie legitimiert sich so eine folgenschwere Aktion?
    Hat Gendersprech bisher irgendwo etwas verbessert?
    Besteht nicht die Gefahr, dass Gendersprech spaltend wirkt?
    Immerhin muss man sich ja irgendwie positionieren.
    Wieso ist diese Positionierung moralisch so aufgeladen?
    Was und wem nützt solch ein Bekenntniszwang?
    Wird hier eine Infrastruktur geschaffen, die auch anderweitig benutzt oder missbraucht werden kann?
    Verschwendet man nicht viel zu viel Energie auf reine Symbolik?
    usw…

  23. Was mich bei dem Artikel ein wenig stört, ist, dass leider auch hier ganz verschiedene Formen unter dem wertenden Begriff „geschlechtergerechte Sprache“ zusammengefasst wurden, obwohl für einen Teil dieser Formen eben noch gar nicht feststeht, dass sie tatsächlich „geschlechtergerecht“ sind. Eine der Studien zum Binnen-I (https://econtent.hogrefe.com/doi/10.1026/0044-3409.212.1.40) kommt beispielsweise zu dem Schluss, dass diese Form zu einem „asymmetrischen Denken mit Übergewicht der Frauenreferenz“ führte, also mithin einer Umkehr der Effekte des generischen Maskulinums. Wenn weitere Forschungen ergeben sollten, dass dies auch auf Sternchen/Doppelpunkt und Glottisschlag zutrifft, wäre die Bezeichnung „geschlechtergerecht“ unzutreffend und an dieser Stelle voreilig verwendet worden.

    Als großes Anhängy des Entgenderns nach Phettberg hoffe ich natürlich, dass auch euer Fazit zu den komplett neuen Formen im letzten Absatz zu voreilig war 😉

  24. Wenn es nur das generische Maskulinum gäbe (ohne das Suffix „-in“), würde das Problem der Verständlichkeit und der erzeugten Bilder im Kopf immer noch bestehen ? Und können solche Studien wirklich repräsentativ sein? Im Kontext einer wissenschaftlichen Studie gehen die Leute mMn. eher vom Maskulinum aus, da in der Wissenschaft möglichst exakt formuliert wird.

  25. Ich meine, dass man erzeugte Bilder am besten über die Realität ändern kann. Und heute hab ich wieder eine Stellenanzeige für „Arzthelferin“ gesehen. Falsche Bilder gehen in beide Richtungen, die andere Richtung fehlt hier weitgehend, daher finde ich das nicht so ausgewogen.
    Und welches Bild wird korrigiert, oder was ist der Hintergrund, wenn man schreibt „Lisa Müller, Vorständin bei Firma X“. Soll das verhindern, dass jemand Lisa Müller für einen Mann hält? Genauso beim WDR: „Studiogästin Lisa Müller“.

  26. Ich vermisse ein Pro und Contra des eigentliches Themas, ob gendern andere Frauenbilder befördert. Hier gäbe es doch sicherlich auch entsprechende Studiem und Vertreter.

  27. Unter Einwand 1 steht:

    .. Linguistik und ist zu finden in Wörtern wie “Spiegelei”, “überall” oder “vereisen”.

    Warum sich über “vereisen” niemand aufregt: Der Glottisschlag darf tatsächlich formal betrachtet nicht hinter einer Wortendung stehen, erklärt Henning Lobin vom Institut für deutsche Sprache in Mannheim. Das wäre bei Lehrer*innen aber der Fall..

    Was ist denn mit dem selbst erwähnten Beispiel *Spiegelei *? Ist doch auch hinter einer Wortendung!

    1. Spiegel-Ei wird getrennt gesprochen, weil es ein Kompositum aus Spiegel und Ei ist. Spiegelei verwendet dagegen eine Endung. Journalist*innen ist auch ein Kompositum aus Journalist und innen. Nur der Kontext klärt, dass das nicht gemeint ist. Zuletzt wurde von „Berliner Innenverwaltung“ gesprochen, das ist nicht die Berlinerinnen-Verwaltung, klingt aber wie Berliner*innen-Verwaltung.

  28. Ein guter und wichtiger Beitrag zum Thema „Gendern“, der Argumente kompakt zusammenfasst!

    Ich habe aber eine kleine Anmerkung zu „Einwand 1“.
    Dort ist etwas unklar und meines Erachtens formal nicht ganz korrekt formuliert: „Der Glottisschlag darf tatsächlich formal betrachtet nicht hinter (?) einer Wortendung stehen (…)“, d.h., „Lehrer*innen“ mit Glottisschlag gesprochen verstoße daher „gegen die strukturelle Position der Sprache“ ( „strukturelle Position der Sprache“ – was soll das genau sein?).
    (Hier würde mich auch der genaue Beleg für den ersten Teil der Aussage, der Henning Lobin zugeordnet wird, interessieren.)

    Was wirklich gemeint ist, ist wohl Folgendes: Zwischen Wortstamm und Endung (Suffix) könne eigentlich kein Glottisschlag ([ʔ], Knacklaut) stehen. (Die meisten Suffixe, die mit einem Vokal beginnen, werden in der Tat ohne Glottisschlag direkt an den vorangehenden Wortbestandteil angebunden, z.B. -ig, -ung usw.)
    Aber stimmt das so ausnahmslos?
    Nein! Auch für Suffixe MIT Glottisschlag gibt es schon Beispiele in der deutschen Grammatik!
    So ist „-artig“ ein Suffix, das mit [ʔ] angefügt wird:
    Für „Lehrer*innen“ mit Glottisschlag lässt sich also als sprachstrukturelles Vorbild „lehrerartig“ nennen – und ist demzufolge auch nicht „schwieriger“ zu sprechen!
    (Zum Status von „-artig“ als Suffix vgl. einschlägige Wörterbücher, z.B. auf Duden-online: https://www.duden.de/rechtschreibung/_artig.)

  29. Hallo liebes Quarks-Team,
    den Artikel fand ich super. Eine Frage zur Grammatik habe ich noch:
    Gendersternchen funktionieren wunderbar mit Berufen, die mit -er enden (bspw. Bäcker*innen), da Bäcker und Bäckerinnen im Wort enthalten sind. Aber wie sieht das mit anderen Wörten aus?
    Sind Wörter wie Kolleg*innen, Expert*innen o.ä. grammatikalisch richtig? Es gibt ja keine „Kolleg“ oder „Expert“, die männliche Form ist dann im Wort nicht enthalten.

  30. Kann es sein, dass die positiven Effekte beim Neutralisieren oder bei der Benennung beider Formen auftreten und die negativen Effekte nur bei den Gender-Zeichen? Sprich hat man mit den ersten beiden Arten nicht schon ein ausreichendes Arsenal, die Ziele der Gleichberechtigung zu erreichen, ohne Reaktanz zu riskieren?

  31. Ich finde es super, dass der Artikel versucht möglichst neutral das Thema zu beschreiben. Schade allerdings, dass es so gut wie gar keine Studien für die Gegenargumente gibt. Das lässt das Ganze dann natürlich weniger neutral erscheinen.
    Gerade im Bezug auf die Polarisierung, die Feminisierung oder Gender-Zeichen auslösen könnte…
    Ein weiterer Punkt ist, dass sich Sprache bereits automatisch in vielen Berufen verändert hat, in denen sowohl Frauen als auch Männer arbeiten. So ist im Filmbereich im Abspann häufig die Rede von „Regie“, „Kamera“, „Licht“ anstatt des generischen Maskulins. Auch ist immer öfter von „Polizei“ anstatt „Polizisten“ die Rede. Der Wandel passiert also automatisch, sobald sich die Rollenverteilung in der Gesellschaft ändert.

  32. Nicht ausgewogen!
    Die männliche Form wird beim Gendern nicht mitgenannt. Das Argument, Kinder und Erwachsene würden keine Frauen assoziieren, gilt beim Gendern ebenso für Männer.

    Es ist definitiv eine einseitige Übervorteilung von Frauen.
    Diese werden bereits bei Nennung beider Geschlechter fast immer zuerst genannt.

    Wenn schon gerecht, dann beide Geschlechter ausgewogen sprachlich berücksichtigen.
    Das Attribut gerecht ist beim Gendern absolut fehl am Platz!

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Lara Schwenner: Wissenschaftsjournalistin für audiovisuelle Medien, v.a. digital. Verliert sich gerne in Zahlen und langen Recherchen. Themenbereiche u.a.: Wie geht es Umwelt und Klima? Funktioniert Landwirtschaft auch anders? Warum denken und handeln wir so, wie wir es tun?