Darum unterscheiden sich die Zahlen

Zahlen über die weltweiten Corona-Infektionen Foto: Clay Banks/unsplash.com

Coronavirus

Darum unterscheiden sich die Zahlen in den Medien

Internet, Radio, Fernsehen: Überall gibt es unterschiedliche Zahlen zur Verbreitung des Coronavirus (Covid-19) – so kommen sie zustande.

15. Mai 2020

Darum geht’s:

Je nachdem, wen man fragt, bekommt man eine andere Zahl der Infektionen

Wie viele Menschen in Deutschland mit dem Coronavirus infiziert sind, scheint nicht klar, denn in den Medien werden oft unterschiedliche Zahlen genannt. Der Grund für die Abweichung sind die unterschiedlichen Quellen: Einige beziehen sich auf das Robert-Koch-Institut (RKI), andere auf die Johns-Hopkins-Universität (JHU). Das RKI ist die Behörde in Deutschland, an die solche meldepflichtigen Krankheiten übermittelt werden müssen. Gleichzeitig berät die Forschungseinrichtung das Bundesgesundheitsministerium. Die JHU ist eine der renommiertesten Universitäten der Vereinigten Staaten, ebenso wie die der medizinischen Fakultät angeschlossene Klinik.

Die Unterschiede sind groß: Nur auf Deutschland bezogen zählt die Johns-Hopkins-Universität beispielsweise am 28. März 9113 Infektionen mehr als das Robert-Koch-Institut. Die Differenz der ausgewiesenen Fallzahlen scheint sogar immer weiter zu steigen – je höher die Fallzahlen, umso größer ist auch der Unterschied zwischen RKI und JHU.

Noch deutlicher ist der Unterschied im weltweiten Vergleich: Die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegen deutlich unter denen der JHU.


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Darum müssen wir drüber sprechen:

Genaue Zahlen sind wichtig

Das RKI und auch andere Forscherinnen und Forscher können anhand der Fallzahlen ablesen, wo und wie schnell sich die Coronavirus-Pandemie ausbreitet. Der Präsident des RKI Lothar Wieler bezieht sich in seinen Lageeinschätzungen auch auf diese Zahlen, so wie beispielsweise am 23. März 2020, als er in einer Pressekonferenz sagte: “Wir sehen den Trend, dass die exponentielle Wachstumskurve sich etwas abflacht”.

In der gleichen Pressekonferenz schränkte er diese Aussage allerdings selbst ein, denn nicht alle Bundesländer hätten am vorangegangenen Wochenende Fallzahlen an das RKI übermittelt. Tatsächlich zeigte sich im folgenden Wochenverlauf, dass es keine nennenswerte Verlangsamung bei der Ausbreitung des Coronavirus gab.

RKI-Daten hinken hinterher

Verspätet eingegangene Daten aus den Bundesländern sind keine Seltenheit, doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb die vom RKI genannten Fallzahlen hinter denen der JHU liegen. Beim RKI werden die Daten nur einmal täglich aktualisiert und die Meldekette innerhalb Deutschlands ist lang.

Ein positiver Test wird zuerst von den lokalen Gesundheitsämtern bis zum nächsten Tag an die jeweilige Landesregierung weitergeleitet, von dort gelangen die Daten an das RKI. Bis der Test in den bundesweiten Fallzahlen auftaucht, können also fast zwei Tage vergehen. Auf diese mögliche Verzögerung weist das RKI allerdings hin.

Meldekette wird durchbrochen

Die Bundesländer und teilweise auch die lokalen Gesundheitsämter weisen allerdings ebenfalls die aktuellen Fallzahlen auf ihren Seiten aus, um die Bevölkerung über die aktuelle Situation zu informieren.

Einige journalistische Angebote greifen diese Daten in der Darstellung der aktuellen Fallzahlen auf und scheinen damit deutlich schneller den aktuellen Verlauf darstellen zu können. Dabei wird teilweise auch die Zahl der genesenen Patienten genannt; Berlin weist diese Daten beispielsweise zusätzlich aus – vorgeschrieben ist das allerdings nicht.

Die JHU hat oft ähnliche Werte wie journalistische Angebote, auch weist sie für ganz Deutschland die Anzahl der Genesenen aus. Diese Daten werden täglich mehrmals aktualisiert.

Aber:

Entscheidend ist auch die Methodik

Woher die JHU ihre Daten bezieht, ist allerdings nicht ganz ersichtlich. Auf der Internetseite, auf der auch die Infektionszahlen dargestellt werden, tauchen verschiedene Organisationen auf, auch die WHO.

Die JHU nennt auch lokale Medienberichte als Quelle, welche das sind, ist aber nicht klar. Allerdings nennt die JHU auch die niederländische Nachrichtenagentur “BNO”, die selbst ebenfalls Fallzahlen ausweist, auch für Deutschland. Diese Daten tauchen auch auf der Seite der JHU auf und sie sind immer sehr nah an den Zahlen deutscher Journalistinnen und Journalisten, unter anderem denen der Berliner Morgenpost.

Wird richtig getestet?

Ganz unabhängig davon, wie schnell Testergebnisse veröffentlicht werden, wie zuverlässig diese Werte sind, hängt vor allem davon ab, wie viel getestet wird. In der Woche vom 16. bis zum 22. März wurden in Deutschland laut RKI 348.000 Menschen getestet. Lediglich 6,8 Prozent von ihnen wurden positiv auf das Coronavirus getestet.

Wer getestet wird, dafür benennt das RKI fortlaufend klare Kriterien. Offen bleibt allerdings, ob diese Regeln auch immer eingehalten werden. In einem internen Schreiben eines Labors an Ärztinnen und Ärzte, das der Quarks-Redaktion vorliegt, bemängelt dieses, dass wohl auch Personen ohne Symptome getestet wurden. Das Labor fordert wegen der begrenzten Kapazitäten, dass nicht “Krisenstäbe, Manager und sonstige ‚wichtige‘ Personen” getestet werden.

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Wie groß ist die Dunkelziffer?

Wegen der begrenzten Testkapazitäten können allerdings nicht alle Menschen in Deutschland fortwährend getestet werden. Das RKI plant deshalb repräsentative Stichproben der Bevölkerung, um ein realistischeres Bild der Situation zu erhalten.


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Und jetzt?

Das RKI, (zu) langsam, aber transparent

Zahlen sind immer nur so gut und aussagekräftig wie die Methode, mit der sie erhoben werden. Das RKI ist zwar nicht schnell, aber zuverlässig und transparent. Bei der JHU ist hingegen nicht absolut klar, woher die Zahlen stammen und wie sie verarbeitet werden – zumindest bei den Daten für Deutschland.

Die Meldewege in Deutschland scheinen allerdings zu lang, aktuellere Zahlen scheinen jederzeit verfügbar.

Autor: Christopher Ophoven

1 Kommentar

  1. Ihr schreibt: „Die JHU nennt auch lokale Medienberichte als Quelle, welche das sind, ist aber nicht klar. “

    Ich finde eure Darstellung an dieser Stelle unvollständig und ungenau. Für mich ist offensichtlich dass ihr diesen Abschnitt als Quelle verwendet habt:

    „Die Johns Hopkins University wiederum gibt als Quelle ihrer deutschen Zahlen die niederländische Nachrichtenagentur BNO News in Tilburg an, die sich auf Zahlen der Berliner Morgenpost bezieht. Marie-Louise Timcke, die das Interaktiv-Team der Funke Mediengruppe leitet, zu der die Morgenpost gehört, hat zwar keinen direkten Kontakt zur Uni – aber durchaus schon bemerkt: „Immer wenn wir manuell neue Zahlen eintragen, haben die irgendwann die gleichen.“ Auch die Morgenpost nutzt laut Timcke die Zahlen der Landesgesundheitsämter.“

    Der entspechende Artikel der taz fehlt auch in den Quellenangaben.

    https://taz.de/Statistiken-zur-Coronakrise/!5674174/

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