So sinnvoll sind Grenzschließungen zur Bekämpfung einer Pandemie

Autos auf einer Autobahn Foto: Jared Murray / Unsplash.com

Covid-19

So sinnvoll sind Grenzschließungen zur Bekämpfung einer Pandemie

Grenzen dicht und fertig. So leicht funktioniert die Virusbekämpfung nicht. Viel wichtiger seien andere Maßnahmen, sagt die Wissenschaft.

20. Mai 2020

Darum geht’s:

Wie es mit unseren Grenzen weitergeht

Politiker auf der ganzen Welt erarbeiten gerade, unter welchen Voraussetzungen die Ländergrenzen geöffnet werden können und ob ein Sommerurlaub überhaupt stattfinden kann. So scheint nun etwa die weltweite Reisewarnung des Auswärtigen Amts zum 14. Juni 2020 durch Hinweise zu einzelnen Ländern ersetzt zu werden.

Aus Sicht der Wissenschaft wäre zum jetzigen Zeitpunkt der Corona-Pandemie eine Öffnung der Grenzen möglich. Allerdings nur, wenn strenge Auflagen eingehalten werden: etwa Untersuchungen auf Fieber und Lungenentzündung oder das Einholen von Daten der reisenden Personen. Auch die Einhaltung strenger Abstandsregeln während der Reise, in einer Urlaubsunterkunft oder am Pool zählt dazu.

Wie die politische Entscheidung zur Grenzöffnung auch ausfällt: Ein normaler Sommerurlaub kann also kaum möglich sein.

Darum müssen wir drüber sprechen:

Es kommt auf den Zeitpunkt an, wann Länder ihre Grenzen schließen oder öffnen sollten

Als zu Beginn der Corona-Pandemie Mitte März 2020 die Grenzen geschlossen wurden, sollte unnötiges Hin- und Herreisen gestoppt werden. So wurde auch die Wahrscheinlichkeit reduziert, dass sich Menschen in Transportmitteln auf engstem Raum begegnen – sei es im Flugzeug oder im Schnellzug. Denn solche Zusammenkünfte erhöhen das Risiko, dass sich das Coronavirus weiter ausbreitet.

Gerade zu Beginn der Pandemie hatten wir die Abstandsregeln aber auch noch nicht verinnerlicht. Das ist jetzt anders. Wären diese Regeln schon vorher eingehalten worden, hätten sich wohl nicht so viele Winterurlauber in Ischgl in Österreich infiziert.

Zu Beginn einer Pandemie verschaffen Grenzschließungen Zeit

So könnten eingeschränkter Flugverkehr und geschlossene Grenzen die Verbreitung eines Virus um wenige Wochen verzögern. Das zeigen zumindest Studien, die vergangene Grippeausbrüche und Infektionswellen mit den Viren MERS und SARS untersucht haben. Speziell zur Corona-Pandemie liegen zum Effekt geschlossener Grenzen noch keine Studien vor, die aktuelle Situation sei aber übertragbar.

Ein weiterer Punkt: Schließt man die Grenzen am Anfang einer Pandemie, so haben die Länder Zeit, um wirksame Vorsorgemaßnahmen gegen ein Virus zu etablieren. Dieser Zeitvorteil halte aber nur einige Tage, meint die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Schließung von Grenzen müsse somit immer wieder überprüft werden.

Die Ausbreitung im eigenen Land stoppen

Hat sich ein Virus bereits länderübergreifend ausgebreitet, bringen Grenzschließungen aus wissenschaftlicher Sicht wenig, um eine Pandemie einzudämmen. Das sagt nicht nur die WHO, sondern auch Epidemiologen im “International Journal of Infectious Diseases” und im medizinischen Fachmagazin “The Lancet”. Demnach seien im fortgeschrittenen Verlauf einer Pandemie andere Maßnahmen viel effektiver: Dazu zählen etwa die physische Distanz zwischen Personen, Apps zur Nachverfolgung von Kontakten und weitreichende Tests, um Neuinfektionen zu entdecken und Kontaktpersonen unter Quarantäne zu stellen.

Es ist also zielführender, die Vermehrung im Land zu stoppen, statt sich auf das Eintreten von Infektionen aus dem Ausland zu konzentrieren.

Eingeschränkter Flugverkehr hat negative Konsequenzen für ärmere Länder

Geschlossene Grenzen bedeuten auch, dass der Flugverkehr stark eingeschränkt ist.

Das kann nach WHO-Angaben weitreichende Folgen haben: Viele wichtige medizinische Güter werden nämlich üblicherweise auf normalen Linienflügen zum Beispiel nach Afrika mittransportiert, etwa Impfstoffe, Untersuchungsmaterial, Schutzkleidung oder Diagnosetests. So berichtet das Kinderhilfswerk Unicef in diesem Zusammenhang etwa, dass seit der Corona-Pandemie die Anzahl von Schutzimpfungen für Kinder in manchen Ländern um bis zu 70 Prozent zurückgegangen sei.

Und jetzt?

Abstandsregeln einhalten und Maßnahmen genau prüfen

Werden überall die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten, spielen geschlossene Grenzen eine eher untergeordnete Rolle. Bleiben Grenzen dicht, kann das aber schwerwiegende wirtschaftliche und soziale Folgen haben, so Wissenschaftler im „International Journal of Infectious Diseases“.

Welche Maßnahme in der Covid-19-Pandemie genau welchen Effekt bei der Virusbekämpfung hatte, dazu fehlt es im Augenblick noch an konkreter Evidenz. Umso wichtiger sei es, dass eine so umfassende Maßnahme wie die Schließung einer Grenze regelmäßig wissenschaftlich geprüft wird.

Autor: Andreas Sträter

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