So verändert die Corona-Pandemie die Wissenschaft

Person hält Medikamente in die Kamera Foto: Kendal / Unsplash.com

Qualität in der Forschung

So verändert die Corona-Pandemie die Wissenschaft

Täglich erscheinen neue Studien zu Covid-19. Doch mit der Dringlichkeit neuer Erkenntnisse rückt die Überprüfung der Forschung in den Hintergrund. Ein Vergleich von Risiken und Chancen.

27. April 2020

Darum geht’s:

Studien zu Corona liefern meist nur vorläufige Ergebnisse

Auf der ganzen Welt forschen Wissenschaftler an Wirkstoffen und anderen Maßnahmen, um die Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 zu stoppen. Normalerweise unterliegt das wissenschaftliche Arbeiten strengen Regeln und Kontrollschleifen. Bis die Ergebnisse überprüft und veröffentlicht sind, dauert es meist Monate oder sogar Jahre. Diese Zeit haben wir derzeit aber nicht. Die Politik braucht dringend wissenschaftliche Erkenntnisse, um mit effektiven Maßnahmen auf die Corona-Pandemie reagieren zu können.

Preprint-Server ermöglichen schnelle Ergebnisse

Wissenschaftler laden ihre Studien derzeit vermehrt auf sogenannten Preprint-Servern hoch. Diese Plattformen erlauben es, vorläufige Forschungsergebnisse öffentlich zu machen, bevor diese durch andere Wissenschaftler überprüft wurden.

In der Forschung sind Preprint-Server ein gängiges Medium, um vorläufige Ergebnisse mit anderen Wissenschaftlern zu diskutieren. Preprint-Studien sind aber nicht für öffentliche Debatten geeignet. Durch die Corona-Pandemie ändert sich das. Nun werfen auch Politiker, Ärzte und Journalisten einen Blick in die ungeprüften Studien, weil es oft noch keine anderen Daten zu Covid-19 und dem Coronavirus gibt. Das kann zu falschen Schlüssen führen.

Wie die Publikation klinischer Studien normalerweise abläuft:

Bevor Studien in Fachjournalen veröffentlicht werden, müssen sie einen Qualitätscheck bestehen: das Peer Review. Dabei überprüfen unabhängige Wissenschaftler (“Peers”) Ergebnisse und Methodik der Studie – etwa, ob verzerrende Störfaktoren minimiert wurden. Nur so lassen sich kausale Zusammenhänge aufzeigen, etwa zwischen einem Medikament und seiner Wirkung. Erst, wenn alle Gutachter zufrieden sind, darf die Studie publiziert werden. Andernfalls muss sie überarbeitet und erneut zur Überprüfung eingereicht werden.

Darum müssen wir darüber sprechen:

Politiker müssen auf vorläufige Studien vertrauen, um Maßnahmen gegen Covid-19 festzulegen

Wie schnell sich vorläufige Einschätzungen verbreiten und zu wissenschaftlicher Evidenz mutieren können, veranschaulichen drei Beispiele:
  • In den USA wurden falsche Hoffnungen in die Wirksamkeit des Malaria-Medikaments Hydroxychloroquin gesteckt und kurzfristig klinische Studien gestartet.
  • Ein Interview mit einem Wissenschaftler führte zu strengeren Distanzierungsregeln beim Joggen.
  • Zwischenergebnisse aus der Forschung werden über Pressemitteilungen, in sozialen Medien oder sogar als Powerpoint-Präsentationen veröffentlicht, um möglichst schnell zu informieren.

Mit anderen Worten: Bevor Forscher die Möglichkeit haben, ihre Ergebnisse in einen Kontext zu stellen, können ihre Studien bereits als Grundlage für Entscheidungen in der Politik und in der Gesundheitsversorgung einzelner Patienten verwendet werden.

Zeitdruck gefährdet wissenschaftliche Qualität

Wissenschaftler stehen unter Druck, Impfungen und Behandlungen für Covid-19 zu entwickeln und Politiker bei akuten Entscheidungen zu beraten. Gleichzeitig sind derzeit viele Labore durch die Lockdowns geschlossen. Geplante Experimente können nicht stattfinden, die Forschungsarbeit steht stellenweise still. “Ein weiterer unerwarteter Effekt ist, dass viele Labore eine momentane Aussetzung der finanziellen Unterstützung erleben”, berichtet Dr. Bernd Pulverer, Leiter des Fachjournals EMBO. Es fehlen Mittel und Labore, um eine Publikation sauber und vollständig abzuschließen.

Dabei werden Ergebnisse gerade jetzt dringend gebraucht. Und genau diese Diskrepanz bereitet einigen Wissenschaftlern Sorge. Im Fachjournal „Science“ geben zwei Ethiker zu bedenken, dass Forscher ihre wissenschaftliche Sorgfalt vernachlässigen könnten, um schneller Ergebnisse zu präsentieren. Sie sehen die Gefahr, dass Studien aus Zeitdruck mit zu wenigen Studienteilnehmer stattfinden, Vergleichsgruppen auslassen, den Untersuchungszeitraum zu früh beenden oder mögliche Störfaktoren ignorieren.

Beschleunigte Begutachtungsprozesse für Corona-Studien

Der Publikationsdruck gefährdet auch die Arbeit von medizinischen Fachzeitschriften. Studien zu Covid-19 werden derzeit im doppelten Tempo begutachtet und bereits nach wenigen Tagen veröffentlicht, berichtet der holländische Forscher Serge Horbach. Er befürchtet, dass in dieser Zeit keine gründliche Überprüfung der wissenschaftlichen Qualität stattfinden kann. “Zeitschriften sind wahrscheinlich nicht davor gefeit, qualitativ schlechte Forschung auf ihren Seiten zu veröffentlichen”, sagt Horbach. Dies sei besonders problematisch, da Zeitschriftenartikel den Anschein haben verifiziertes Wissen zu enthalten.

Aber:

Die Forschung selbst kann von Transparenz profitieren

Für die Wissenschaftler selbst sind vorläufige Studien und Einschätzungen eher zielführend. “Es ist erfreulich, dass Forschungsdaten unverzüglich und ohne Konkurrenzdenken geteilt werden”, sagt Dr. Annette Schmidtmann von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Denn bei Wissenschaftlern bestehe nicht die Gefahr, dass sie vorläufige Ergebnisse falsch einordnen.

„Auch wenn wir notgedrungen etwas schneller schießen, gibt es doch eine ganze Menge Sicherheitsschlösser”, betont auch Prof. Dr. Thomas Hartung, Direktor des Center for Alternatives to Animal Testing an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health. Damit meint er Kontrollen, die vor und während einer Studie stattfinden: etwa die Genehmigung von Fördermitteln, die Erlaubnis der Ethikkommission und die Überwachung der durchführenden Ärzte.

Ein weiterer Vorteil der Transparenz: Wissenschaftler, die zu ähnlichen Themen forschen, können ihre Forschungsansätze miteinander abgleichen – und so unter Umständen voneinander lernen. “Covid-19 zeigt, dass dieses duale System Geschwindigkeit zulässt, ohne die Qualität zu untergraben“, sagt Dr. Bernd Pulverer, Leiter des wissenschaftlichen Fachjournals EMBO. Er begrüßt die hohe Anzahl der Preprint-Veröffentlichungen – zusätzlich zu Publikationen in Fachjournalen.

Und jetzt?

Wir müssen die Ergebnisse kritisch betrachten

Für die Forschung an sich kann die Transparenz vorläufiger Daten zu SARS-CoV-2 und Covid-19 förderlich sein. Aber: Die breite Öffentlichkeit kann vorläufige Studien-Ergebnisse zum Coronavirus falsch interpretieren – und daraus unter Umständen falsche Schlüsse ziehen. Das erhöht die Gefahr, dass Menschen das Vertrauen in die Wissenschaft verlieren, obwohl die große Mehrheit der Forscher gründlich arbeitet.

Deshalb ist es wichtig, verantwortungsvoll mit vorläufigen Forschungsergebnissen auf Preprint-Servern umzugehen. Hier ein paar Vorschläge, wie das funktionieren könnte:

  • Unsere Gesellschaft muss dafür sensibilisiert werden, dass nicht alle Studien die gleiche Aussagekraft haben.
  • Journalisten müssen deutlicher darauf hinweisen, dass Preprint-Studien noch nicht auf ihre Qualität überprüft worden sind und dass die Ergebnisse deshalb mit Vorsicht zu genießen sind.
  • Wissenschaftler müssen die Einhaltung der Qualitätskriterien noch konsequenter dokumentieren.
  • Die Betreiber von Preprint-Servern wie bioRxiv und medRxiv müssen die Qualität vorläufiger Studien verschärft kontrollieren.

Wissenschaftliche Qualität setzt sich durch …

… und schlampige Forschung bekommt die Quittung, wenn sich die Ergebnisse als unbedeutend herausstellen. Das ist am Ende die Hoffnung der Fachwelt. Das System reguliert sich also im besten Fall selbst.

Indem breiter angelegte Forschungsvorhaben bei der Förderung bevorzugt werden, könnte eine hohe wissenschaftliche Qualität in Entwicklung und Durchführung von Studien zusätzlich attraktiver werden. Und wenn die Wissenschaft aus dem Diskurs über Qualitätsstandards auch nachhaltig etwas lernen könnte, wäre das ein großer Gewinn.

Autorin: Vanessa Reske

5 Kriterien für gute wissenschaftliche Praxis klinischer Studien

  1. Relevanz
    Studien sollten Wissenslücken schließen und klinisch bedeutsame Effekte aufdecken. Um doppelte Forschung zu vermeiden, scannen Forscher alle vorhandenen und laufenden Untersuchungen. Erst dann leiten sie die vielversprechendste Forschungshypothese ab.
  2. Forschungsdesign
    Studien sollten so angelegt sein, dass sie klinisch bedeutsame Effekte von Wirkstoffen einschätzen können. Ein Indikator für gutes Studiendesign ist eine Randomisierung, also eine zufällige Aufteilung der Studienteilnehmer in zwei Gruppen, die unterschiedlich behandelt werden.
  3. Analytische Integrität
    Die Studie wird in allen Stadien protokolliert. Schon in den ersten Entwürfen des Studiendesigns spezifizieren die Autoren das Vorhaben und führen die Untersuchung dementsprechend durch.
  4. Veröffentlichung
    Studien sollen vollständig, zeitnah und konsistent mit vordefinierten Analysen berichtet werden. Forscher müssen die Qualität von Methodik und Ergebnissen in Bezug auf die Forschungsfrage kritisch einordnen. Das Peer Review ist dabei ein wichtiger Prozess, um Stärken und Schwächen der Studie herauszuarbeiten.
  5. Durchführbarkeit
    Studien müssen eine glaubwürdige Aussicht haben, ihr Forschungsziel zu erreichen und innerhalb eines Zeitrahmens abgeschlossen werden zu können. Diese Bedingung muss erfüllt werden, ohne die anderen vier Kriterien zu lockern.

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Lara Schwenner: