Tierversuche | Pro und Contra

Ratten und Mäuse sind die häufigsten Labortiere. | Foto: Friso Gentsch / dpa

Für die Wissenschaft!?

Tierversuche: Pro und Contra

Sind Tierversuche unnötige Tierquälerei oder ein notwendiges Übel? Wir stellen die Pro- und Contra-Argumente gegenüber.

5. Mai 2020 | 15 Kommentare

Darum geht's:

Es gibt immer mehr Tierversuche

Seit einigen Jahren ist der Verkauf von Kosmetika, die an Tieren getestet wurden, verboten. Dennoch steigt die Zahl der Tierversuche an. Vor allem in der Grundlagenforschung arbeiten viele Wissenschaftler mit Versuchstieren. Der Grund: Medikamente MÜSSEN in Deutschland bisher an Tieren getestet werden, bevor sie in die klinische Phase gehen und an Menschen getestet werden dürfen.

Die größte Zahl der Versuchstiere sind Mäuse

Es wird aber auch an Affen und Halbaffen geforscht. Im Tierschutzgesetz ist festgelegt, dass das Wohlergehen der Tiere geschützt werden muss und Tierversuche nur dann erlaubt sind, wenn es keine Alternative gibt. Jede Versuchsreihe muss daher beantragt und von mehreren Gremien und den Behörden genehmigt werden. Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass die Zahl der Tierversuche seit dem Jahr 2000 insgesamt ansteigt.

Woran liegt das?

Ein Grund dafür ist die steigende Zahl gentechnisch veränderter Versuchstiere. Durch Methoden wie CRISPR/Cas, die einen gezielten Eingriff in das Genom der Tiere erlauben, hoffen Grundlagenforscher die Tiere menschlicher zu machen und damit gezielt bestimmte Erbkrankheiten oder Krebs besser erforschen zu können.

Auch wenn die Zahl der Versuchstiere seit 2000 tendenziell ansteigt: Im Vergleich zu den rund 750 Millionen jährlich in Deutschland geschlachteten Tieren klingen rund drei Millionen Versuchstiere nach eher wenig.

Darum müssen wir drüber sprechen:

Die Meinung über Tierversuche geht auseinander

Einerseits werden wir uns immer bewusster um Problematiken wie Tierwohl und fragen uns, wie viel Leid wir Tieren zuführen dürfen. Wissenschaftler, die Tierversuche durchführen, ernten deshalb immer wieder Kritik für ihre Arbeit, werden sogar angegriffen und bedroht.

Pro Tierversuche:

Die einen sagen, Tierversuche sind nötig. So seien viele Erkenntnisse in der biomedizinischen Forschung nur durch Versuche am Tier möglich gewesen. Dafür führen die Befürworter unterschiedliche Beispiel an: Zum Beispiel gebe es nur künstliche Herzklappen für Menschen, weil man sie vorher an Schafen getestet hat. Diabetes-Medikamente gebe es nur wegen Forschungen an Schweinen, und auch die HIV-Behandlung sei ohne Versuche an Tieren nicht möglich gewesen, betonen Befürworter. “Wir brauchen Tierversuche, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen, die sich in einem Organismus abspielen“, sagt Roman Stilling von der Initiative „Tierversuche verstehen“. Ein Beispiel sei die Hirnforschung. Vom menschlichen Gehirn hätten wir bislang nur circa fünf Prozent verstanden. “Wir können aber nur ein Modell von etwas machen, was wir verstanden haben.“

Für Impfstoffe sind Tierversuche vorgeschrieben

Ähnliches gilt für die Forschung an Impfstoffen. Die Standard-Prozedur der Entwicklung setzt Tests an Tieren voraus, etwa Mäusen oder Affen, um nachzuweisen, dass das Mittel verträglich ist. Die sogenannten prä-klinischen Studien müssen zeigen, dass vom Impfstoff keine Lebensgefahr ausgeht und gravierende Schäden unwahrscheinlich sind.

Niemand kann garantieren, dass der Transfer von Zellkulturen in einen lebenden Organismus gelingt. Was bei einzelnen Zellen funktionierte, kann sich im Körper anders verhalten. Das sollen diese Tests möglichst ausschließen.

Erst danach folgen Studien an menschlichen Probanden

Für die Forschung am Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 gilt das ebenfalls. Auf dem Prüfstand stehen diverse innovative Impfstoffe auf mRNA-Basis. Bislang wurden solche Impfstoffe noch nie zugelassen, ihre Wirkung und Verträglichkeit wurden bis heute nur begrenzt untersucht. Bei RNA-Impfstoffen verabreicht man lediglich den Bauplan für Bestandteile des Virus, die die Krankheit alleine aber nicht auslösen können. Der Körper stellt den wirklichen Impfstoff dann selbst her, etwa Oberflächenproteine, die dann das Immunsystem trainieren.

Bestenfalls können Forscher im Tiermodell bereits eine Schutzwirkung erkennen, indem sie Antikörper nachweisen.

Ohne solche Tierversuche können Impfstoffe bislang nicht zugelassen werden. Würde man diese auslassen, würde man das Leben der freiwilligen gesunden Probanden aus den ersten klinischen Studienphasen riskieren.

Schon jetzt müssen bei Tierversuchen Regeln eingehalten werden

Die so genannten drei Rs heißen: Replacement, Reduction and Refinement. Die Versuche sollen also möglichst ersetzt, reduziert und so verbessert werden, dass die Tiere möglichst wenig leiden.

Tierversuche seien zudem nötig, um menschliche Probanden einem möglichst geringen Risiko auszusetzen. Und auch bei Versuchen, die nicht zum erwünschten Erfolg führen – also wenn beim Tier ein bestimmter Wirkstoff keinen oder einen unerwünschten Effekt hat – geht es um einen Erkenntnisgewinn: „Dann können wir lernen, WARUM etwas nicht funktioniert hat“, so Stilling.

Wissenschaftler betonen zudem, dass es den Tieren in den Versuchslaboren den Umständen entsprechend gut gehe. Das sei auch im Sinne der Forscher, denn Tiere unter Stress verfälschen Ergebnisse – und damit die Validität der Forschung.

Contra Tierversuche:

Gegner sehen ein Problem mit der Übertragbarkeit der Ergebnisse vom Tier auf den Menschen: „Die Übertragbarkeit liegt laut verschiedenen Studien bei unter einem Prozent“, betont Gaby Neumann, Tierärztin und Sprecherin der Organisation „Ärzte gegen Tierversuche“. Tiere bekämen zudem viele Krankheiten, an denen Menschen leiden, gar nicht. Daher seien Tiere auch nicht als Versuchsobjekt geeignet. Bei vielen Krankheiten der Menschen spielen Umwelteinflüsse eine Rolle, diese ließen sich im Tierversuch nicht darstellen. Auch bei psychiatrischen Erkrankungen könne man das Verhalten von Tieren und Menschen nicht vergleichen.

Andererseits: Wenn sich ein Wirkstoff im Tierversuch als nicht wirksam erweist, heiße das nicht, dass er beim Menschen ebenfalls nicht wirkt. Daher könnte es sein, dass Therapeutika nicht auf den Markt kommen und Patienten neue Behandlungen nicht bekommen, die helfen könnten, sagt Neumann.

Generell lasse sich das Leiden der Tiere nicht mit unserer Verantwortung für fühlende Lebewesen vereinbaren.

Tierversuchsgegner betonen zudem, dass es inzwischen viele Alternativen gebe: bildgebende Verfahren wie MRT und Computertomographie, außerdem genaue molekularbiologische Methoden, die mithilfe von Computerprogrammen Krankheiten analysieren. Große Hoffnung setzen sie in sogenannte Multi-Organ-Chips, also Zellkulturen, die Organe nachbilden.

Und jetzt?

Es gibt technische Ansätze, Tierversuche zu minimieren

Multi-Organ-Chips (MOCs) sind Miniatur-Organmodelle, die miteinander verbunden werden können. Damit wird der menschliche Organismus auf einem Chip imitiert. „Die Systeme ermöglichen eine zuverlässige Vorhersage über die Wirkung einer Substanz im Menschen. So können etwa die Effekte der Substanzaufnahme im Körper, deren Verteilung und auch Einflüsse der Metabolisierung studiert werden“, erklärt Uwe Marx, Mediziner und Biotechnologe. Jedes Organ auf dem Chip ist dabei wenige Millimeter groß.

Chips mit bis zu vier Organen sind bereits auf dem Markt und werden von großen Pharmafirmen verwendet.

Doch die MOCs haben Grenzen: „Experimente, die die komplexe Architektur und Interaktion großer Gehirnareale voraussetzen, können wir nicht ersetzen“, betont Marx. Außerdem gebe es Medizinprodukte, die an Organen in ihrer natürlichen Größe getestet werden müssen: „Zum Beispiel Bioimplantate für Knochenbrüche oder Heilverfahren, die auf die volle Pumpkapazität eines menschlichen Herzens abzielen“. Auch dort eignen sich MOCs nicht.

Inzwischen arbeiten die Wissenschaftler am „Human on a Chip“ – also einem miniaturisierten menschlichen Organismus – der allerdings kein Bewusstsein und dann auch kein Empathieempfinden hat.

Autoren: Annika Franck, Mathias Tertilt

15 Kommentare;

  1. Ich arbeite selber an einem Organ-on-a-Chip Modell der Niere und versuche mit meiner Arbeit Tierversuche zu reduzieren und die Medikamentenforschung menschlicher zu machen. Was man aber nicht übersehen darf, auch wir arbeiten noch (indirekt) mit Tierversuchen! Alle media, Antikörper und was die Zellen in den kleinen Systemen zu wachsen brauchen wird zum großen Teil erst in Tieren hergestellt oder aus Tieren gewonnen. OoaC Modelle werden Tierversuche zwar sehr reduzueren, aber sie ist für für nahe Zukunft hauptsächlich nützlich um Medikamente auf menschlichen Zellen zu testen und somit die Medikamentenforschung sicherer und effizienter zu machen.

  2. Tierversuche gehören abgeschafft. Beendet das unnötige Leid der Tiere. Ein Mensch ist keine Maus. Die Ergebnisse der Versuche lassen sich nicht auf den Menschen übertragen. Tierschutz ist daher auch Menschenschutz. Es gibt dazu viele Infos bei Ärzte gegen Tierversuche. Bitte schaut auf deren Homepage. Danke

  3. Vielleicht klinisch notwendig vielleicht auch nicht. Ich finde das sehr einseitig recherchiert , denn ich denke da an Test wie Pflanzenschutzmittel etc. Die Behörden hier in Deutschland genehmigen alles und wägen nicht ab. Das ist das Hauptproblem. Es wird einfach alles genehmigt ,darum auch der Anstieg. Die Pharmaindustrie scheint zu mächtig um es ablehnen zu können. Siehe LPT Mienenbüttel ,dort wurde so ziemlich alles falsch gemacht und nicht kontrolliert . Genehmigungen für Tests die nicht notwendig sind, dadurch das unsere Behörden das nicht interessiert. Tieren kein oder wenig leid zugefügt, kommt dort dann ja auch nicht mehr hin. In solchen Fällen stellt sich mir die Frage: Sind diese Studien überhaupt zuverlässig? Ich denke nein, denn wenn ein Tier vorher schon Stress hat durch Tierquälerei ,dann kann da nichts mehr zuverlässig sein. Das Tierleid war also nutzlos. Wie kann sowas Jahrelang passieren? Ich denke das ist kein Einzelfall und daher ist die Zuverlässigkeit solcher Tests ohnehin nicht mehr gegeben

Schreibe einen Kommentar Antworten abbrechen

Mehr Wissen:

doeckel: