Darum gibt es so viele Kaiserschnitte

In Deutschland entbindet jede dritte Frau per Kaiserschnitt. Warum diese Zahl so hoch ist – und wie sie sich senken lässt. Bild: Luma Pimentel/unsplash

Geburtshilfe

Darum gibt es so viele Kaiserschnitte

In Deutschland entbindet jede dritte Frau per Kaiserschnitt. Warum diese Zahl so hoch ist – und wie sie sich senken lässt

23. Juli 2020

Darum geht’s:

Die Anzahl der Kaiserschnitte in Deutschland ist überdurchschnittlich hoch

Die Geburt sollte eigentlich ein möglichst stressfreies Erlebnis für werdende Eltern sein. Doch in Deutschland werden Entbindungen immer kürzer und technischer. Ärztinnen und Ärzte kontrollieren die Schwangeren heute meist permanent mit einem Wehen-Schreiber, leiten die Geburt häufiger ein und benutzen öfter eine Saugglocke, um das Baby auf die Welt zu bringen. Vor alle eine Kennzahl ist gestiegen: Die Summe der Kaiserschnitte.

Während 1991 noch 15 Prozent der Frauen in Deutschland ihr Kind mit einer Sectio, so heißt der Kaiserschnitt in der medizinischen Fachsprache, zur Welt brachten, waren es 2011 mehr als doppelt so viele. Seitdem hat sich der Wert auf rund ein Drittel eingependelt. „Die Sectio-Rate ist in Deutschland unnötig hoch“, sagt Dr. Patricia Van de Vondel, Chefärztin der Frauenklinik am Krankenhaus Porz am Rhein in Köln gegenüber dem Science Media Center (SMC).

Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler drängen mittlerweile dazu, die Anzahl der Kaiserschnitte zu senken. Zwar gibt es keine optimale Sectio-Quote, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt aber, eine Rate von 10 Prozent nicht zu überschreiten. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe deutet in ihrer neuen Leitlinie darauf hin, dass eine Rate über 15 Prozent „keinen günstigen Einfluss“ auf Mutter und Kind hat.

Falsche Gründe für den Kaiserschnitt

Demnach ist die Kaiserschnitt-Quote in Deutschland mindestens doppelt so hoch wie empfohlen. Doch warum führen Mediziner so viele Eingriffe durch? Das hat viele verschiedene Gründe. Zum einen gibt es Frauen, die Angst vor einer natürlichen Geburt haben und sich deswegen eine Sectio wünschen. Zum anderen gibt es mehrere Probleme und Fehlanreize in Kliniken, die Ärzte und Geburtshelfer dazu bringen, vorschnell einen Kaiserschnitt einzuleiten. Das hat eine Analyse des SMC ergeben, für die die wissenschaftsjournalistische Einrichtung Studien und Expertenaussagen ausgewertet hat.

  • Personalmangel: Eine natürliche Geburt kann sich stunden- oder sogar tagelang hinziehen. So lange müssen die werdenden Mütter betreut werden. Laut dem SMC mangelt es in Kliniken jedoch an Hebammen, die das leisten können. Ein Kaiserschnitt bindet hingegen weniger Personal.
  • Organisatorische Gründe: Kliniken können Kaiserschnitte besser planen als natürliche Geburten. Die Eingriffe finden zu einem bestimmten Zeitpunkt statt und verlaufen schneller. Das Krankenhaus kann sich so um mehr Geburten in kürzerer Zeit kümmern.
  • Finanzieller Fehlanreiz: Krankenkassen vergüten einen Kaiserschnitt höher als eine vaginale Geburt. Zwar sind Operationen grundsätzlich eher teuer für die Klinik, dafür kann sie das Personal bei dem Eingriff effizienter einsetzen. In der Summe ist eine Sectio daher profitabler für das Krankenhaus als eine natürliche Geburt.
  • Mangelnde Erfahrung der Geburtshelfer: „Ein Grund für die hohe Sectio-Rate in Deutschland ist meiner Meinung nach die mangelnde Ausbildung“, sagt Chefärztin Van de Vondel. Laut SMC ist die Angst der Geburtshelfer, Komplikationen falsch einzuschätzen und Fehler zu machen, einer der wichtigsten Gründe für einen Kaiserschnitt. Und: Je mehr Kaiserschnitte die Klinik durchführt, desto weniger natürliche Entbindungen erleben die Geburtshelfer und desto weniger Erfahrung können sie sammeln.
  • Angst vor juristischen Auseinandersetzungen: „Auch der juristische Druck ist eine Ursache für die hohe Rate“, so Van de Vondel. Im Gegensatz zu anderen Medizinbereichen gibt es in der Geburtshilfe viele verschiedene Risiken – etwa, dass es dem Baby bei der Geburt an Sauerstoff mangelt und es bleibende Schäden davonträgt. Dann kommt es vor, dass die Eltern die Ärzte und Geburtshelfer verklagen. Ist der Prozess erfolgreich, kann der Fall für die Klinik sehr teuer werden und ihren Ruf schädigen. Ein Kaiserschnitt ist im Vergleich zu anderen Operationen ein relativ sicheres Verfahren. Direkte Schäden bei Mutter und Kind sind sehr selten.

Veränderung der Kaiserschnitte auf Deutschland gesehen
Grafik: WDR

Darum sollten wir drüber sprechen:

Kaiserschnitte haben Nachteile für Mutter und Kind

Frauen können nach einem Kaiserschnitt beispielsweise leichter einen Darmverschluss bekommen. Bei der nächsten Schwangerschaft ist das Risiko höher, dass ihre Plazenta zu tief sitzt und eine erneute Sectio notwendig ist. Benötigt die Mutter im späteren Leben eine Operation im Bauchraum, etwa bei Krebs oder Darmerkrankungen, sind Komplikationen wahrscheinlicher.

„Auch für das Kind hat der Kaiserschnitt Nachteile“, sagt Prof. Dr. Ulrich Thome, Leiter der Abteilung Neugeborenen-Medizin (Neonatologie) am Universitätsklinikum Leipzig gegenüber dem SMC. „Die Anpassung an die Luftatmung ist häufig verzögert, sodass Kinder nach dem Kaiserschnitt häufiger als vaginal geborene Kinder wegen Atemstörungen in die Kinderklinik müssen.“

Wertvolle Bakterien

Ein weiterer Punkt: Das Baby kommt bei dem Eingriff nicht mit den Bakterien im Geburtskanal der Mutter in Kontakt. „Das Mikrobiom per Kaiserschnitt geborener Kinder unterscheidet sich auch nach Jahren noch von dem vaginal geborener Kinder“, sagt Thome. Das sei mit einem höheren Risiko für Übergewicht und Allergien verbunden.

„Nicht zuletzt haben Studien ergeben, dass der Aufbau einer guten Stillbeziehung und einer guten Mutter-Kind-Bindung nach vaginaler Geburt einfacher ist“, so der Mediziner. Das Stillen gelinge nach einer natürlichen Geburt häufig besser als nach einem Kaiserschnitt.

Aber:

Einige Frauen sind auf den Eingriff angewiesen

Natürlich gibt es nicht nur unnötige Kaiserschnitte, sondern auch jene, die medizinisch notwendig sind. Ärzte wählen den Eingriff etwa, wenn sich das ungeborene Kind in einer schwierigen Geburtsposition befindet – zum Beispiel, wenn das Baby quer im Mutterleib liegt. Auch wenn der kindliche Kopf deutlich größer ist als Becken der Mutter oder sich die Plazenta vorzeitig löst, ist eine Sectio erforderlich.

Das Problem: Nicht immer lässt sich eindeutig erkennen, ob der Kaiserschnitt wirklich notwendig ist. Ein typisches Beispiel ist die sogenannte Beckenendlage. Dabei zeigt vor der Geburt nicht der Kopf, sondern das Gesäß des Kindes nach unten. Bei dieser Geburtsposition gab es bisher keine genauen Vorgaben für Ärzte. Um möglichen Gefahren zu entgehen, ziehen viele Mediziner in solchen Fällen den Kaiserschnitt vor.

Und jetzt?

Neue Leitlinie gibt Ärzten Empfehlungen zum Kaiserschnitt

Weil es Ärzten häufig an Orientierung zum Thema Kaiserschnitt fehlt, hat die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe nun eine Leitlinie für den Eingriff veröffentlicht. Die Autoren haben die aktuelle Studienlage ausgewertet und daraufhin konkrete Empfehlungen für Mediziner formuliert, wann eine Sectio tatsächlich sinnvoll ist und wann nicht. „Die neue Leitlinie ist ein wichtiger Schritt, weil sie die vorhandene – oder eben auch die fehlende – Evidenz zusammengefasst hat“, sagt Chefärztin Van de Vondel.

Liegt das Kind beispielsweise in Beckenendlage, rät die Leitlinie davon ab, sofort einen Kaiserschnitt zu veranlassen. Wenn das Baby gleichzeitig den Nacken beugt, die Plazenta gesund ist und es genügend Fruchtwasser gibt, kann die Frau natürlich entbinden. Die Schwangere sollte sich dafür an eine Klinik wenden, die Erfahrungen mit natürlichen Geburten in dieser Position hat.

Notwendige Kaiserschnitte

Zeigen Mutter oder Kind Anzeichen für eine Entzündung oder schlägt das Herz des Babys nicht im richtigen Rhythmus, ist hingegen ein Kaiserschnitt angebracht. Das Gleiche gilt für Schwangere, deren Plazenta zu tief sitzt. Die Leitlinie empfiehlt außerdem, dass Ärzte jene Frauen besser beraten, die Angst vor der natürlichen Geburt haben und sich einen Kaiserschnitt wünschen. Die Mediziner sollten verständlich erklären, wie der Eingriff abläuft und welche kurz- und langfristigen Risiken dabei entstehen.

Die Autoren schlagen zudem vor, bei Kaiserschnitten den sogenannten Robson-Score zu verwenden. Dabei teilen Mediziner die Frauen in zehn Gruppen ein – je nachdem, ob sie beispielsweise bereits einen Kaiserschnitt hatten, Mehrlinge erwarten und in welcher Geburtsposition sich das Kind befindet. Bei einigen Gruppen ist eine Sectio medizinisch notwendig, bei anderen eher nicht. So lassen sich die Eingriffe in den Kliniken einfacher vergleichen und überwachen.

Leitlinie hat noch Lücken

Einige Fachleute kritisieren jedoch einzelne Punkte der neuen Leitlinie. „An manchen Stellen ist davon die Rede, dass sich die Frau in einer ‚geeigneten‘ Geburtsklinik vorstellen sollte. An anderen Stellen spricht die Leitlinie von ‚entsprechender technischen Ausstattung‘ und ‚Fachpersonal‘“, sagt Neugeborenen-Mediziner Thome. „Leider wird nicht genauer erklärt, was damit gemeint ist.“ Auch Chefärztin Van de Vondel sieht noch Lücken: „Ich vermisse die Forderung nach besserer Ausbildung und besserer Organisation der geburtshilflichen Abteilungen“.

Trotzdem gibt die neue Leitlinie Ärzten eine bessere Orientierung – und könnte so dabei helfen, die Kaiserschnitt-Rate langfristig zu senken.

Autorin: Katrin Ewert

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