Warum wir über Geschlechtskrankheiten sprechen müssen

Geschlechtskrankheiten dürfen nicht tabuisiert werden. Bild: We-Vibe WOW Tech/unsplash.com

Tripper, Chlamydien, Syphilis

Warum wir über Geschlechtskrankheiten sprechen müssen

Die Grippewelle ist jedes Jahr ein riesen Thema, Geschlechtskrankheiten sind es nicht. Dabei übersteigt die jährliche Zahl der beim Sex übertragenen Infektionen die der gemeldeten Grippefälle bei weitem.

24. September 2020

Darum geht’s:

Geschlechtskrankheiten sind immer noch weit verbreitet

Weißt du, was genau sich hinter Chlamydien verbirgt? Falls nicht, bist du in guter Gesellschaft. Chlamydien-Infektionen sind zwar die häufigste sexuell übertragbare Krankheit in der EU, an der in Deutschland schätzungsweise 300.000 Menschen pro Jahr erkranken. In einer Befragung zu Geschlechtskrankheiten aus dem Jahr 2016 waren Chlamydien aber nur 14 Prozent der Teilnehmenden ein Begriff.

Auch von Feigwarzen und Genitalherpes, beides häufige Infektionen, hatten die meisten noch nie gehört. Andere in der Europäischen Union häufige Geschlechtskrankheiten sind Gonorrhoe (auch Tripper genannt), Syphilis, Hepatitis B und die Humanen Papillomviren (HPV), deren gefährlichste Vertreter diverse Krebskrankheiten auslösen können.

Nicht alle Geschlechtskrankheiten werden offiziell erfasst

Bei einigen dieser Geschlechtskrankheiten wissen wir, dass sie sich in Deutschland in den letzten zehn Jahren wieder stärker verbreitet haben – Syphilis und Hepatitis B zum Beispiel. Auch zu HIV gibt es genaue Zahlen, denn alle diese Krankheiten sind in Deutschland meldepflichtig. Bei Hepatitis wird sogar bereits beim Verdacht auf eine Erkrankung der Name und die Adresse des Betroffenen an das Gesundheitsamt gemeldet.

In unserem Dossier erfährst du alles über HIV – und warum AIDS heute längst kein Todesurteil mehr ist

Andere Geschlechtskrankheiten werden in Deutschland dagegen kaum erfasst, etwa Chlamydien und Gonorrhoe. Obwohl sie EU-weit das Ranking der Geschlechtskrankheiten anführen, sind Infektionen mit diesen Erregern bei uns nur in Sachsen meldepflichtig. Um zu erfahren, wie stark sie verbreitet sind, müssen wir uns auf die Zahlen des ECDC verlassen, einer europäischen Behörde zur Kontrolle von Infektionskrankheiten, bei der die Meldungen aus ganz Europa zusammengetragen werden. Denn anders als in Deutschland sehen die meisten anderen EU-Staaten durchaus den Nutzen einer Meldepflicht für Chlamydien und Gonorrhoe.

Geschlechtskrankheiten sind wieder auf dem Vormarsch

Demnach sind die Fallzahlen für Gonorrhoe von circa 34.000 im Jahr 2004 auf über 100.000 im Jahr 2018 angestiegen. Die Notification Rate, also die Zahl der Meldungen pro 100.000 EU-Einwohner, ist im gleichen Zeitraum von 12 auf 26 gewachsen. Für eine Chlamydieninfektion lag die Notification Rate 2018 sogar bei 146 pro 100.000.

Als noch häufiger gelten Genitalherpes und Humane Papillomviren (HPV). Hierzu gibt es auch auf EU-Ebene keine Zahlen. Es wird aber davon ausgegangen, dass 90 Prozent der Bevölkerung mit Herpesviren infiziert sind und das jeder sexuell aktive Mensch wenigstens einmal im Leben mit HPV in Kontakt kommt. In den meisten Fällen kommt unser Immunsystem mit diesen Erregern gut alleine zurecht. Einige Stämme der HP-Viren können jedoch zu Genitalwarzen oder Krebs führen – und nicht nur zur Gebärmutterhalskrebs. Die Viren verursachen auch Kehlkopf- und Analkrebs. Männer sind dabei genauso betroffen wie Frauen. Durch eine einfache medikamentöse Behandlung sind diese Krankheiten nicht in den Griff zu bekommen. Deshalb ist es wichtig, dass alle Jugendlichen vor dem ersten Sex gegen HPV geimpft sind.

Darum sollten wir drüber sprechen:

Viele Infektionen verlaufen symptomlos, können unbehandelt aber ernsthafte Folgen haben

Zwar sind Chlamydien und Gonorrhoe im Vergleich zu potentiell tödlichen Krankheiten wie AIDS oder Syphilis weniger gefährlich. Doch unbehandelt können sie auch zu ernsthaften Problemen führen: Beide Krankheiten können sowohl Männer als auch Frauen unfruchtbar machen. Denn die Bakterien, die die Krankheiten Chlamydien (Chlamydia trachomatis) und Gonorrhoe (Gonokokken) auslösen, führen zu aufsteigenden Infektionen. Das heißt: Zuerst besiedeln sie Körperstellen wie die Harnröhre, von dort wandern die Bakterien dann in den Körper hinein, unter anderem zu den Samensträngen oder den Eileitern. Wenn diese sich entzünden, kann das die Fruchtbarkeit dauerhaft schädigen. Und das passiert garnicht so selten. “Man geht davon aus, dass hinter 50 Prozent der Fälle von ungewollter Kinderlosigkeit eine Chlamydien- oder Gonokokken-Infektion steckt”, sagt Norbert Brockmeyer. Er leitet das WIR-Walk In Ruhr, Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin am Katholischen Klinikum Bochum.

Dazu kommt, dass Chlamydien und Gonorrhoe eine hohe Übertragungsrate haben. Ist eine Person infiziert und hat ungeschützt Sex, dann gibt sie die Erreger bei acht von zehn Kontakten weiter. Neben Unfruchtbarkeit erhöhen die Infektionen auch das Risiko, sich mit HIV anzustecken oder an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken. Gerade in der Anfangsphase sind die bakteriellen Erreger, die hinter Chlamydien und Gonorrhoe stecken, aber leicht zu behandeln: mit Antibiotika.

Checkliste: Diese Symptome deuten auf eine Geschlechtskrankheit hin

  • Schmerzen oder Brennen beim Urinieren und beim Sex
  • ungewöhnlicher Ausfluss aus Vagina, Penis oder After
  • Hautausschlag oder Veränderungen wie Warzen, Bläschen oder Geschwüre
  • Unangenehmer Geruch im Genitalbereich

Wichtig: Wer diese oder ähnliche Symptome bemerkt, sollte das weitere Vorgehen mit einer Ärztin oder einem Arzt des Vertrauens besprechen.

Das Problem: Eine Infektion mit Chlamydien oder Gonorrhoe verläuft in vielen Fällen völlig symptomlos oder die Symptome sind relativ unspezifisch. Das gleiche gilt übrigens auch für Syphilis und viele andere sexuell übertragbare Krankheiten. Jede Person, die schon einmal ungeschützen Sex mit realtiv fremden Menschen hatte (ja, das ist dumm, aber seien wir ehrlich, es kommt vor) und danach keinen Test gemacht hat, könnte also infiziert sein – und damit auch Überträgerin oder Überträger sein. Ohne Test weiß man es einfach nicht.

Auch in festen Beziehung kann man sich anstecken. 2017 gaben in einer repräsentativen Studie des Ärzteblattes 13 Prozent der Befragten an, während einer Partnerschaft mindestens einmal ungeschützten Sex mit anderen gehabt zu haben. 74 Prozent dieser “Fremdgänger” ließen sich danach nicht auf Geschlechtskrankheiten untersuchen und nur zwei Prozent gaben an, in ihrer Beziehung immer Kondome zu nutzen.

Selbst bei geschütztem Sex mit Kondom kann man sich anstecken. Denn Chlamydien und Gonorrhoe, genauso wie viele andere Geschlechtskrankheiten, werden durch Hautkontakt übertragen – und ein Kondom bedeckt eben nicht 100 Prozent der Kontaktfläche beim Sex. Trotzdem sind Kondome die beste Schutzmöglichkeit, die wir haben. Ohne Wissen über den eigenen Status sollten sie also auch bei Anal- und Oralsex konsequent genutzt werden!

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An welchen Symptomen du Geschlechtskrankheiten erkennst und welche Folgen es hat, wenn sie unbehandelt bleiben – wir haben es für dich zusammen gefasst. Klicke auf den jeweiligen Tab, um mehr über eine Geschlechtskrankheit zu erfahren.

Aber:

Tabuisierung und Stigmatisierung verstärken das Problem

Das Paradoxe: Kondome, die als sicherstes Verhütungsmittel gegen Geschlechtskrankheiten gelten, werden in Deutschland laut Umfragen wieder stärker genutzt. Zumindest bei vaginalem Verkehr. Trotzdem steigt die Zahl der Geschlechtskrankheiten.

“Die Frage ist aber, ob sie auch richtig benutzt werden. Gerade in heterosexuellen Kreisen werden Kondome hauptsächlich genutzt, um Schwangerschaften zu vermeiden und darum beim Oral- und Analsex oft weggelassen”, meint Norbert Brockmeyer. Die steigende Beliebtheit dieser Sexualpraktiken bei Heterosexuellen könnte also zur Verbreitung von Geschlechtskrankheiten beitragen. Dazu passt auch, dass am Zentrum für Sexuelle Gesundheit am Katholischen Klinikum Bochum nur ein Drittel der positiven Tests auf den Genitalbereich fallen: “Zwei Drittel der positiven Ergebnisse stammen von Abstrichen aus dem Anal- und Mundbereich”, sagt Norbert Brockmeyer.

Eine andere Hypothese für den Zuwachs an sexuellen Infektionen ist, dass durch Online-Dating die durchschnittliche Zahl der Sexualpartner gestiegen ist. Klingt logisch, schließlich lassen sich mit Dating-Apps mögliche Sexpartner wesentlich schneller und effektiver finden. Belastbare Daten für Deutschland gibt es dazu aber keine.

Weil viele der Krankheitsfälle – gerade bei Syphillis, Hepatitis B und Gonorrhoe – vorallem Männer betreffen, die Sex mit Männern haben, sehen manche Experten auch eine Verbindung zu den besseren Behandlungsmöglichkeiten von HIV. Durch die Einnahme bestimmter Medikamente wird eine Übertragung der HI-Viren  beim Sex praktisch unmöglich. Andere Krankheiten kann man sich aber leider trotzdem noch holen. Den Schutz vor diesen Krankheiten darf man deshalb nicht vernachlässigen.

Menschen, die eine Geschlechtskrankheit haben, werden oft pauschal verurteilt das muss aufhören!  

Geschlechtskrankheiten sind bei uns wieder stärker verbreitet dafür gibt es wahrscheinlich  nicht den einen Grund. Stattdessen geht der er Anstieg wahrscheinlich auf eine Kombination verschiedener Ursachen zurück. Eines ist aber sicher: Die Tabuisierung und die Stigmatisierung von Menschen mit Geschlechtskrankheiten vergrößern das Problem.

Eine Studie aus dem Frühling 2020 hat gezeigt, dass Medizinstudierende Patienten mit sexuellen Infektionen pauschal als dümmer und unvorsichtiger beurteilen. Vor allem, wenn die Betroffenen bi- oder homosexuell sind. Für die Studie bekamen die Studierenden die Fall-Akten von fiktiven Personen, die unter einer Halsentzündung litten. Als Erreger wurde entweder ein Grippevirus oder Gonokokken angegeben, die durch Oralsex die Schleimhaut im Mund-Rachen-Bereich befallen können.

Eine nicht repräsentative Studie aus Irland hat zudem gezeigt, dass auch Studierende Geschlechtskrankheiten als Stigma betrachten und Menschen, die erkrankt sind, als selbstverantwortlich und unmoralisch ansehen.

“Wir müssen mehr über Sex und Geschlechtskrankheiten sprechen, zum Beispiel auch im Aufklärungsunterricht in den Schulen”, findet Norbert Brockmeyer vom Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medin am Katholischen Klinikum Bochum. “Studien aus den USA haben klar gezeigt, dass Aufklärung nicht zur Sexualisierung von Kindern beiträgt, sondern dass Jugendliche danach umsichtiger mit ihrere Sexualität umgehen und weniger Geschlechtskrankheiten haben.”

Und jetzt?

Wer sicher sein will, muss sich testen!

Wer häufig die Sexualpartner wechselt, keinen Latexfetisch hat und Sex mit Gummihandschuhen eher abtörnen findet, sollte sich regelmäßig auf Geschlechtskrankheiten testen lassen. Denn keine Symptome sind NICHT gleichzusetzen mit “ich habe kein Problem”. Gerade im Anfangsstadium sind Krankheiten wie Syphilis, Gonorrhoe und Chlamydien leicht zu behandeln. Später kann es schwieriger werden und zu langfristigen Schäden kommen. Bei Frauen können diese Infektionen außerdem zu Komplikationen während der Schwangerschaft führen.

In Deutschland ist die Testkultur allerding noch verbesserungswürdig. Frauen können sich bis sie 25 Jahre alt sind einmal im Jahr kostenlos auf Chlamydien testen lassen. Wer nicht in diese Kategorie fällt oder sich vorsorglich auf andere Krankheiten untersuchen lassen möchte, muss selbst zahlen. Dazu kommt, dass vor allem junge Männer keinen ausgewiesenen Ansprechpartner für Krankheiten von sexueller Natur haben. Junge Frauen gehen in der Regel wenigstens einmal im Jahr zur Routineuntersuchung zur Frauenärztin und können sich dort informieren. “Junge Männer fallen im Teenageralter oft aus der ärztlichen Versorgung raus. Wenn sie keine Beschwerden haben, gehen sie vielleicht jahrelang nicht zum Arzt”, meint Norbert Brockmeyer.

Andere Länder sind fortschrittlicher als Deutschland

In Großbritannien und in verschiedenen skandinavischen Ländern werden Geschlechtskrankheiten standardmäßig getestet und erfasst. Dort liegen die Fallzahlen deutliche höher als im europäischen Mittel. In Dänemark zum Beispiel hatten im Jahr 2018 von 100.000 Menschen 578 eine Chlamydien-Infektion. Das liegt nicht daran, dass die Menschen dort mehr ungeschützten Sex haben, sondern daran, dass dort durch die routinemäßigen, kostenlosen Tests die Dunkelziffer wesentlich geringer ist.

Wie kann ich mich auf Geschlechtskrankheiten (STIs) testen lassen?

  • Kostenlose und anonyme Tests für HIV (und teilweise auch andere STIs) gibt es in jedem Gesundheitsamt
  • HIV-Schnelltests der AIDS-Hilfe
  • Kostenloses jährliches Chlamydien-Screening für Frauen bis 25 Jahre beim Frauenarzt
  • Blutspenden als Testmöglichkeit für HIV, Hepatitis und Syphilis

Neben Tests sind auch Impfungen eine wichtige Waffe im Kampf gegen Geschlechtskrankheiten wie Hepatits und HPV. Ein positives Beispiel ist Australien: “Hier hat man durch Impfprogramme an den Schulen eine Herdenimmunität erreicht,” sagt Norbert Brockmeyer.  ”Die Australier spekulieren mittlerweile schon, wann es soweit ist, dass Gebärmutterhalskrebs und Genitalwarzen in ihrem Land als ausgerottet gelten.” Wäre doch schön, wenn wir das in Deutschland auch bald sagen können.

Autorin: Sophia Wagner

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