Deshalb können einige Sportarten deinem Gehirn dauerhaft schaden

Selbst leichte wiederholte Kopferschütterungen können das Gehirn langfristig verändern. Foto: mauritius images / Mito Images

Gehirnerschütterungen

Deshalb können einige Sportarten deinem Gehirn dauerhaft
schaden

Nicht nur beim Boxen, auch beim American Football, Hockey oder Fußball kann dein Kopf
schön was abbekommen. Jedes Schädel-Hirn-Trauma hinterlässt Spuren.

13. Juli 2020

Darum geht’s:

Bei einigen Sportarten bekommt der Kopf immer wieder heftige Stöße ab

„Wenn der Schlag gegen den Schädel zu schweren Hirnzerreißungen und Blutungen führt, kann das tödlich enden“, sagt Hans Förstl von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München. Sein Forscherteam analysierte in einer Metastudie die Folgen von Verletzungen bei Boxkämpfen. Dazu werteten die Wissenschaftler rund 300 Studien aus. Seit dem Jahr 1890 starben demnach bei Boxkämpfen pro Jahr im Durchschnitt zehn Boxer. In einigen Fällen waren Leber und Milz gerissen, doch in über 80 Prozent führten Nacken-und Kopfverletzungen zum Tod der Sportler.

American Football und Eishockey im Visier der Forschung

Wie schwerwiegend Schläge gegen den Kopf sein können, blieb lange Zeit relativ unerforscht. Erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten ermöglichten moderne Messmethoden detailliertere Einblicke ins Gehirn. „Was wirklich bei Gehirnerschütterungen passiert, wurde nicht nur an Boxern, sondern auch bei American Football und Eishockey-Spielern untersucht“, sagt Hans Förstl. Denn auch hier bekommen die Athleten regelmäßig durch das Zusammenprallen mit gegnerischen Spielern heftige Stöße gegen den Kopf. Immer wieder liegen Spieler mit einem Blackout auf dem Feld.

Nervenverbindungen leiden unter der Erschütterung

Gedächtnislücken bei Gehirnerschütterungen sind keine Seltenheit: Durch die schnelle Beschleunigungsbewegung des Kopfes wird das Gehirn gegen die Schädelknochen gepresst. Scherkräfte führen zu einer Stauchung oder Dehnung zentraler Nervenbahnen. Die Kommunikation zwischen den Nervenzellen kann kurzzeitig zusammenbrechen. „Axone, also die Verbindungen zwischen den Nervenzellen, werden beschädigt oder können ganz reißen“, erklärt Hans Förstl.

Oft werden die Sportler trotz einer Gehirnerschütterung nach einer kurzen Pause wieder auf das Feld geschickt. Das bedeutet für die Betreffenden ein zusätzliches massives Risiko: Das Second-Impact-Syndrom, also der Zweitschlag-Effekt. Dieser besagt: Gerade wenn auf eine nicht abgeklungene Erschütterung eine weitere trifft, drohen oft bleibende Schäden. Das Gehirn kann durch die inneren Verletzungen sogar so stark anschwellen, dass die Situation lebensgefährlich wird.

Hirn-Schädel-Traumata können neuronale Erkrankungen auslösen

Kaputte Verbindungen zwischen den Nervenzellen kann das Gehirn in der regenerativen Phase teilweise wieder ausbilden“, erklärt Hans Förstl. Gehirnerschütterungen können allerdings auch bleibende Schäden verursachen. Anhand von Boxern, sowie American Footballspielern zeigen Studien bereits ein klares pathologisches Bild als Folge der Schädel-Hirn-Traumata: Auch als Boxer-Syndrom bezeichnet, leiden viele von ihnen im Altern unter einer Chronischen traumatischen Enzepalopathie (CTE).

Alle Patienten dieser neurodegenerativen Erkrankung haben eines gemein: Ein bestimmtes Protein namens Tau lagert sich im Gehirn dauerhaft an den falschen Stellen ein. Dabei dient Tau eigentlich als Stützskelett für Axone. Reißen diese Nervenleitungen durch eine Stauchung oder Dehnung des Gehirns, wird das Protein an diesen Stellen vermehrt freigesetzt. In ungebundener Form verkleben die feinen Mikrostrukturen zu Klumpen und können nicht mehr abtransportiert werden. Diese Verklumpungen verhindern die Kommunikation zwischen Nervenzellen, Zellen sterben ab: Die weiße Hirnsubstanz schrumpft. „Außerdem gehen wir davon aus, dass es durch die immer wiederkehrenden Verletzungen und Reparaturprozesse zu einer chronischen entzündlichen Reaktion des Gehirns kommt, die auch eine schädliche Wirkung haben kann“, sagt Inga Koerte.

Gehirnerschütterungen erhöhen das Demenz-Risiko

Die Folgen von Veränderungen der Gehirnstruktur durch Schädel-Hirn-Trauma können vielfältig sein. Viele Boxer entwickeln bereits während ihrer aktiven Zeit zumindest leichte kognitive Störungen. „Vor allem das Neugedächtnis verschlechtert sich, also was vor Stunden oder Tagen passiert ist. Denn genau diese Hirnstrukturen sind besonders empfindlich und liegen tief im Hippocampus“, erklärt Hans Förstl. Zehn bis 20 Prozent der Profiboxer leiden schließlich ihr Leben lang unter anhaltenden neuropsychiatrischen Erkrankungen. Ihre motorischen Fähigkeiten lassen nach und sie haben ein erhöhtes Risiko am Parkinson-Syndrom sowie an Alzheimer zu erkranken. Depressionen und eine gesteigerte Aggressivität sind weitere Folgeerscheinungen.

Bei American Footballspielern wurde dieser Zusammenhang ebenfalls nachgewiesen. Forscher der University of Boston scannten dafür die Gehirne von 202 bereits verstorbenen Footballspielern. Das Ergebnis: 87 Prozent der Athleten litten unter Chronischer traumatischer Enzepalopathie – rund die Hälfte von ihnen zeigte neben Stimmungsschwankungen und Verhaltensauffälligkeiten noch zu Lebzeiten klare Anzeichen einer Demenz.

Darum sollten wir drüber sprechen:

Selbst Kopfbälle könnten dem Gehirn langfristig schaden

Es muss nicht einmal zu Gehirnerschütterungen kommen, damit das Gehirn Schaden nimmt. Eine Studie der University of Stirling in Schottland zeigt, dass Boxer schon nach Routine-Trainings an Gedächtnisstörungen leiden. Auch ihre motorischen Fähigkeiten waren bis zu 24 Stunden nach dem Training eingeschränkt. Gleiches beobachtete das schottische Forscherteam sogar bei Fußballspielern – nach einem Kopfballtraining mit 20 Kopfbällen.

„Prallt der Ball gegen den Kopf, müssen nicht gleich Nervenverbindungen reißen, doch es kommt vermutlich zu einer Dehnung des Gehirns und damit zu einer vorrübergehenden Funktionseinschränkung“, erklärt Inga Koerte von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Neurowissenschaftlerin beobachtete in einer Studie mit 16 Jugendlichen, dass auch die Lernfähigkeit der 15- und 16-jährigen Probanden direkt nach dem Kopfball-Training im Vergleich zur Kontrollgruppe eingeschränkt war.

Fußballer weisen Veränderungen im Gehirn auf

Die Münchner Forscherin und Ärztin hat zudem bereits mehrere Studien veröffentlicht, die zeigen: Selbst relativ leichte wiederholte Kopferschütterungen, wie sie bei Kopfbällen im Fußball vorkommen, können neben den akuten Beeinträchtigungen das Gehirn auch  langfristig verändern. Gemeinsam mit der Harvard Medical School untersuchte ihr Team zwölf Nachwuchsfußballer einer deutschen Mannschaft. Keiner von ihnen hatte je eine Gehirnerschütterung erlitten. Dennoch wiesen ihre Gehirne im Vergleich zur Kontrollgruppe von acht Schwimmern großflächige Veränderungen auf: Vor allem in jenen Arealen der weißen Substanz, die für Aufmerksamkeit, komplexe Denkvorgänge und das Gedächtnis zuständig sind. Auch die Myelinscheiden, welche die Nervenleitungen ummanteln, waren bei den Profifußballern dünner. Eine solche Verdünnung führt dazu, dass sich die Impulsweiterleitung in den Nervenbahnen verlangsamt.

Denkleistung der Sportler lässt im Alter nach

In einer Folgestudie, diesmal mit ehemaligen Fußballprofis im Alter von 40-65 Jahren, beobachteten Inga Koerte und ihr Team, dass auch die Hirnrinde der Ex-Fußballer dünner war im Vergleich zu einer Kontrollgruppe: Je höher die geschätzte Anzahl der Kopfbälle der jeweiligen Fußballer, desto ausgeprägter erwies sich diese Verdünnung. Gleichzeitig zeigten Fußballer mit einem hohen Kopfballaufkommen auch schlechtere Leistungen im Erinnerungsvermögen. Ähnliches beobachteten auch Wissenschaftler der New Yorker Albert-Einstein-Universität. Sie untersuchten 37 Amateurfußballer, die im vorangegangenen Jahr 32–5400 Kopfbälle getätigt hatten. Das Ergebnis: Schon ab einem Pensum von 885 Kopfbällen pro Jahr zeigten sich bei den Spielern mikrostrukturelle Schäden im Gehirn. Ab 1.800 Kopfbällen schnitten die Probanden schlechter in Gedächtnistests ab.

„Noch haben wir keine robuste Datenlage, die beweisen würde, dass auch das Kopfballspiel beim Fußball zu einer neurodegenerativen Erkrankung wie der Chronischen traumatischen Enzepalopathie führt“, sagt Inga Koerte. Obwohl in den letzten Jahren eine Reihe an wissenschaftlichen Studien veröffentlicht wurden, seien die Ergebnisse hier noch nicht eindeutig, oft seien auch nur sehr kleine Gruppengrößen untersucht worden, fügt die Münchner Ärztin an.

Und jetzt?

Kopfverletzungen müssen ernst genommen werden

Wie gut sich ein Gehirn nach inneren Läsionen wieder regenerieren kann, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. „Wir gehen davon aus, dass auch die Genetik eine Rolle dabei spielt“, sagt Inga Koerte. Dabei verringere vermutlich auch die Zeit, die wir dem Gehirn für die Regeneration geben, das Risiko für Langzeitfolgen.

Bei Gehirnerschütterungen werden im Normalfall mindestens zehn Tagen bis zwei Wochen empfohlen, in denen der Athlet keinen Sport oder anderweitige Anstrengungen betreiben sollte. Anhängig von den Symptomen, darf der Betroffene langsam die Belastung steigern. Neue Studien deuten allerdings darauf hin, dass das Gehirn sogar noch länger braucht, um sich wieder ganz zu stabilisieren – selbst wenn klinische Diagnoseverfahren für Gehirnerschütterungen bereits grünes Licht geben.

Gehirnerschütterungen bleiben oft unerkannt

Das Problem: Nicht immer wird eine Gehirnerschütterung auch als solche diagnostiziert, vor allem die leichte Form des Schädel-Hirn-Traumas bleibt oft unerkannt. „Die Gehirnerschütterung ist bislang eine klinische Diagnose, basierend auf Symptomen, die der Patient berichtet,“ sagt Inga Koerte. Diese seien jedoch unspezifisch und gäben nicht immer ein klares Bild. Selbst bei radiologischen Untersuchungen in einem Computertomografen oder im Kernspintomografen erkenne man oft nichts.

Ein Bluttest soll die Diagnose erleichtern

In Zukunft könnte es allerdings einen Bluttest als weiteres diagnostisches Instrument geben. Unter anderem spielt dabei das Protein Tau eine Rolle. Das bei den Läsionen im Gehirn freigewordene Eiweiß geht möglicherweise vor allem bei schweren Gehirnerschütterungen über die durchlässiger gewordene Blut-Hirn-Schranke auch ins Blut über. Im Idealfall soll dieser Biomarker im Blut nicht nur das Trauma an sich bestätigen. Solche Tests könnten sogar dazu beitragen, die schwere der Verletzungen im Gehirn zu bestimmen und bei der Entscheidung helfen, wann die Athleten wieder fit für den nächsten Einsatz sind.

Noch reicht die Studienlage jedoch nicht aus, um die Genauigkeit des Bluttests auf die Probe zu stellen. „Tau lässt sich im Blut zwar bestimmen, ist aber sehr unspezifisch, denn das Protein entsteht auch in Nervenzellen im gesamten Körper und nicht nur im Gehirn“, sagt Koerte. Es gäbe eine ganze Reihe an weiteren Biomarkern, die im Moment erforscht werden, aber noch sei kein verlässlicher Bluttest entwickelt worden, mit dem man eine Gehirnerschütterung diagnostizieren kann.

Kopfschutz beim Boxen?

Um die Athleten besser zu schützen, wird beim Boxen seit langem über Kopfschutz diskutiert. Im Olympischen Boxen wurde dieser mittlerweile wieder abgeschafft. Boxer hätten dadurch eine bessere Sicht und könnten schneller in Deckung gehen, so eines der Argumente. „Es besteht auch die Gefahr, dass mit Kopfschutz radikaler zugeschlagen wird“, sagt Hans Förstl. Um herauszufinden, ob die Helme die Boxer tatsächlich besser schützen, hat ein internationales Forscherteam über 59 Jahre knapp 30.000 Boxkämpfe untersucht – und kommt zu dem Ergebnis, dass bei Boxkämpfen mit Kopfschutz sogar die Anzahl von Knockouts und Abbrüchen aufgrund von Kopfverletzungen gestiegen war.

Einige Länder verbieten Kopfbälle für Kinder

Obwohl die Datenlage für Langzeitfolgen von Kopfbällen im Fußball noch nicht eindeutig ist, hat der amerikanische Fußballverband bereits andere Konsequenzen gezogen und Kopfbälle für Kinder unter elf Jahren inzwischen verboten. England, Schottland und Nordirland haben in diesem Jahr ähnliche Regeln für Kinder eingeführt. Der Deutsche Fußballverband zeigt noch keine solcher Bestrebungen, allerdings empfiehlt er bei Kindern bis zehn Jahren, diese langsam an Kopfbälle heranzuführen, zum Beispiel mit Luftballons und rät von Übungen mit harten Bällen ab. „Die Exposition durch Kopfbälle bei jungen Athleten zu vermindern, ist vermutlich eine gute Idee“, sagt Inga Koerte. Allerdings gebe es für die gewählte Altersgrenze von elf Jahren keinen wissenschaftlichen Grund. Das zeigen Koerte und ihr Forscherteam in einer Untersuchung von internationalen Fußballmatches mit Spielern und Spielerinnen im Alter von 11 bis 19 Jahren. Demnach spielen Kinder bis zum Alter von 14 Jahren ohnehin kaum Kopfbälle.

Autor/-in: Inka Reichert

Unsere Quellen

2 Kommentare;

    1. Das ist uns zunächst mal nicht bekannt. Es gibt einige Berichte mit wissenschaftlichen Bezügen dazu, wenn du mal suchst nach Schädel-Hirn-Trauma Judo.

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