Darum mögen Kinder keinen Rosenkohl

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Gemüse

Darum mögen Kinder keinen Rosenkohl

Pfui! Bah! Wenn Kinder etwas nicht mögen, folgen sie nur ihrem Instinkt. Im Erwachsenenalter lassen diese Aversion nach.

24. September 2021 | Aktualisiert: 28. September 2021

Kinder mögen weder Brokkoli noch Rosenkohl

Es gibt Gemüsesorten, die sind für Kinder ein Graus. An vorderster Stelle stehen Brokkoli, Blumenkohl oder Rosenkohl, der selbst für manche Erwachsene eine geschmackliche Herausforderung ist. Dabei sind Kohlsorten – Fachleute sprechen auch von Brassica-Gemüsesorten – sehr gesund: In ihnen stecken nicht nur Vitamine und Mineralstoffe, sondern auch Folsäure, Eisen oder Ballaststoffe. Zu den Brassica-Gemüsesorten zählen unter anderem Brokkoli, Blumenkohl, Rosenkohl, Grünkohl, Rotkohl, Weißkohl, Wirsing, Kohlrabi und Romanesco.

Was diese Kohlsorten gemeinsam haben: Sie schmecken bitter, vor allem für Kinder. Denn in ihnen steckt ein Substrat mit dem komplizierten Namen S-Methyl-l-Cysteinsulfoxid. Beim Kauen im Mundraum reagiert dieses Substrat mit den Bakterien, die in unserem Speichel ganz natürlich vorkommen. So entstehen schwefelartige Stoffe, die von Kindern als äußerst unangenehm empfunden werden, berichten Forschende im Journal of Agricultural and Food Chemistry.  Die Folge: Es schmeckt „bäh“. Dabei gilt: Je höher die Konzentration der Schwefelverbindungen im Speichel der Kinder, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie kein Kohlgemüse mögen.

Was bitter schmeckt, kann giftig sein

Dass Kinder bitteres Essen ablehnen, beruht auf ihrem Instinkt. Der sagt: „Was bitter schmeckt, könnte giftig sein.“ Unsere Abneigung gegenüber Bitterstoffen liegt also daran, dass unser Gehirn stellenweise noch so arbeitet wie in der Steinzeit. Bei unseren Vorfahren ging es bei der Nahrungssuche ums Überleben. Was sie beim Weg durch Feld und Steppe fanden, das wollten sie auch essen und haben ihren Geschmackssinn genutzt, um essbare von giftigen Lebensmitteln zu unterscheiden.

  • Bitter = bäh, pfui – gefährlich
  • Süß = lecker – ungefährlich

Giftige Pflanzen schmecken bitter, weil Giftstoffe von Natur aus bitter sind. Unser Gehirn signalisiert: Vorsicht! Bitte nicht essen!

Dieser Mechanismus ergab vor Jahrtausenden sehr viel Sinn. Heute nicht mehr. Trotzdem ist er in der frühen Kindheit noch in uns verankert und muss abtrainiert werden. Genauso wie unsere Vorliebe für Zucker: Kinder finden Speisen und Getränke viel weniger süß als Erwachsene, weil in der Steinzeit zuckerhaltige Nahrung die Überlebenschance erhöht hat. Für kleine Kinder eine einfache Regel. Im Laufe des Lebens kommt Erfahrung hinzu: Denn je älter wir werden, desto mehr kann sich unser Geschmacksempfinden verändern. Dass Kinder den Rosenkohl auf dem Teller liegen lassen, muss also keineswegs ihr Leben lang so bleiben.

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Geschmackssinn lässt sich trainieren

Denn der Geschmackssinn lässt sich trainieren. Der Mechanismus ist ziemlich banal: Kinder speichern ab, dass sie von Rosenkohl nicht sterben oder sich schlecht fühlen. So assoziieren sie ihn immer weniger mit Negativem und speichern ihn als ungefährlich ab. Damit sie Rosenkohl aber auch lecker finden, dafür braucht es etwas Zeit. Etwa acht bis 15 Anläufe brauchen Kinder, um sich mit dem „Grünzeug“ anzufreunden. Eltern haben hier eine wichtige Vorbildfunktion. Sie können ihrem Nachwuchs zeigen: Schau her, das schmeckt mir und ist gesund. Das darfst du auch essen!

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Geschmack verändert sich im Laufe der Jahre

Mit steigendem Alter gerät das Rosenkohl-Thema aber immer weiter in den Hintergrund. Bei Erwachsenen spielt die Konzentration der Schwefelverbindungen im Speichel beim Essen von Rosenkohl, Brokkoli oder Co. keine Rolle mehr. Heißt: Wir gewöhnen uns über die Jahre an den unangenehmen, schwefelartigen Geschmack von Gemüsekohlarten.

Andreas Sträter
... ist promovierter Journalist und arbeitet in verschiedenen Positionen für Quarks. Themenschwerpunkte u.a. Landwirtschaft, Nutztierhaltung, Umwelt, Internationales, Aktuelles.

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