Das passiert in deinem Kopf, wenn du Migräne hast

Die Krankheit ist komplex – und die Symptome vielfältig. | Bild: Anh Nguyen on Unsplash

Kopfschmerz

Das passiert in deinem Kopf, wenn du Migräne hast

Unerträgliche Kopfschmerzen, Sehstörungen – bei einer Migräne hilft nur Stille und Dunkelheit. Aber was passiert dabei in unserem Gehirn?

16. August 2019

Was unterscheidet Migräne von normalem Kopfschmerz?

Typischerweise dauert ein Migräneanfall zwischen vier und 72 Stunden. Andere Kopfschmerzarten wie solche, die durch Muskelverspannungen entstehen, können bedeutend länger anhalten. Während viele diesen Spannungskopfschmerz als drückend oder dumpf wahrnehmen, ist der Schmerz bei Migräne oft einseitig und pochend oder pulsierend. Und: Bei manchen Patienten wandert der Migränekopfschmerz.

Die Migräneschmerzen strecken uns in der Regel vollkommen nieder: Reize wie Licht, Gerüche, Berührungen und Geräusche sind fast nicht auszuhalten. Der gute Rat, bei Kopfschmerzen an die frische Luft zu gehen, hilft Migränepatienten nicht: Jede Art von Bewegung verschlimmert die Schmerzen noch. Charakteristischerweise haben Migränekranke neben den Schmerzen weitere Symptome: Sie haben keinen Appetit und ihnen ist schwindelig oder übel, oft übergeben sie sich.

Ein weiteres Merkmal der Migräne ist die Wiederholung: Die Patienten erleben mehr oder weniger regelmäßige Schübe. Auch charakteristisch ist für einen Teil der Migränepatienten vor dem eigentlichen Kopfschmerz eine sogenannte Aura: Sie halluzinieren, haben Sehstörungen, Sprachprobleme oder motorische Ausfälle.

Wie verbreitet ist Migräne?

Migräne ist eine Volkskrankheit: Weltweit leiden etwa zehn Prozent der Erwachsenen daran. Dabei trifft es eher Frauen: Zwölf bis 14 Prozent aller Frauen und sechs bis acht Prozent der Männer haben Migräne. In Deutschland sind das etwa 3,7 Millionen Frauen und zwei Millionen Männer.

Kann man Migräne erben?

Migräne ist eine sehr komplexe Krankheit, noch sind längst nicht alle Mechanismen und Ursachen aufgeklärt. Allerdings spielen die Gene auf jeden Fall eine Rolle: In mehreren Studien mit eineiigen und zweieiigen Zwillingen zeigten die eineiigen – also die genetisch identischen – Zwillinge eine signifikant höhere Übereinstimmung beim Auftreten von Migräne als die zweieiigen Geschwister.

Die Vererbbarkeit von Migräne wird auf 50 Prozent geschätzt, heißt: Etwa die Hälfte der Migränepatienten hat einen Verwandten ersten Grades, der auch unter Migräne leidet. Hat man einen nahen Verwandten mit Migräne, sind die Chancen, selber zu erkranken, um den Faktor zwei bis vier erhöht.

Es gibt aber eine besondere, wenn auch seltene Form der Migräne, bei der eine Mutation in einem einzigen Gen ausreicht, um sie auszulösen: Die familiäre hemiplegische Migräne (FHM). Kinder, bei denen ein Elternteil diese Gene hat, erkranken zu 50 Prozent an dieser Migräne-Form.

Was kann einen Migräneschub auslösen?

Wer eine Veranlagung für Migräne hat, bei dem können sogenannte Trigger einen Schub auslösen. Etwa:
  • schwankender Hormonhaushalt
  • Stress
    Oft tritt der Schub allerdings nicht dann auf, wenn wir akut gestresst sind, sondern erst, wenn wir uns danach entspannen – die sogenannte Wochenendmigräne.
  • wenig oder gestörter Schlaf
  • Alkohol
  • Nikotin
  • bestimmte Nahrungsmittel

Die Trigger sind für jeden Betroffenen sehr individuell und teilweise schwer zu identifizieren.

Der Schub kündigt sich bei vielen durch Vorzeichen an. Dazu können häufiges Gähnen, Essensgelüste, Müdigkeit, Überempfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen, Muskelversteifungen oder Depressionen gehören. Wer mehrere Schübe hinter sich hat, erkennt die persönlichen Vorboten dann unter Umständen. Allerdings: Natürlich bekommt nicht jeder, der oft gähnt, im Anschluss Migräne. Die Anzeichen sind also keinesfalls generelle Warnsignale.

Was ist eine Aura – und was passiert dabei?

Etwa zehn Prozent bis ein Drittel der Migränepatienten erleben zu Beginn der Migräne eine Aura: Sie sehen Dinge, die nicht da sind, haben Seh- oder Spracheinschränkungen, Lähmungen oder Kribbeln, Körperteile werden taub oder ihnen wird schwindelig – ab etwa einer Stunde, bevor die Kopfschmerzen einsetzen.

Die optischen Effekte sind dabei am verbreitetsten: Betroffene nehmen Flimmern, Punkte, Linien oder Schlieren wahr. Manchmal sehen sie auch doppelt oder unscharf, oder das Gesichtsfeld ist eingeschränkt. Diese Behinderungen im Sehen nennt man Skotome. Manche Menschen erleben auch nur eine Aura, ohne die folgenden Kopfschmerzen. Hier ist der Weg von den Symptomen bis zur Diagnose oft ein langwieriges Rätselraten.

Wie kommt es zu dieser Aura?

Um das wirklich zu verstehen, gehen wir kurz ins Detail: Unser Gehirn besteht zum größten Teil aus Nervenzellen, den Neuronen. Ständig feuern Reize durchs Hirn, blitzschnell jagen sie als sogenannte Aktionspotentiale von Neuron zu Neuron. Der Mechanismus dafür: die Depolarisation. Für ein paar Millisekunden kehrt sich das eigentlich negative elektrische Potential der Nervenzelle um, es wird positiv. Danach kehrt das Neuron wieder in den Ruhezustand zurück, bereit für den nächsten Reiz. Normalerweise.

Zu Beginn einer Aura aber findet diese eigentlich ganz normale Depolarisation verändert statt – nämlich extrem langsam. Statt durchs Hirn zu rasen, bewegt sie sich schleichend mit einer Geschwindigkeit von nur drei bis sechs Millimetern pro Minute über die Hirnrinde.

Wie Dementoren im Gehirn

Das Besondere dabei: Die Zellen kehren nicht sofort wieder in den Ruhezustand zurück, sondern bleiben wesentlich länger in ihrem angeregten Zustand – sie können nicht reagieren und sind quasi unerreichbar für neue Signale. Diese sogenannte Streudepolarisation oder „spreading depression“ verbreitet sich über eine relativ große Fläche von einigen Zentimetern in der Hirnrinde. Und erinnert dabei etwas an die Dementoren bei Harry Potter: Kommt sie in die Nähe, legt sie alles lahm, neue Reize kommen nicht durch.

Als Folge der Depolarisation weiten sich die Blutgefäße im Gehirn, die Durchblutung wird schlechter. Es ist klar, dass ein solches Nervengewitter gefolgt von großer Stille und niedrigem Blutdruck uns Dinge sehen lässt, die es nicht gibt, oder andere Funktionen ausfallen lässt. Die Symptome unterscheiden sich, je nachdem, welche Bereiche der Hirnrinde betroffen sind.

Auch ein Faktor: Serotonin

Der Botenstoff Serotonin reguliert unsere Emotionen und wirkt hemmend auf Aggression, Angst und Traurigkeit – es hat also eine ausgleichende Wirkung. Ein zu niedriger Serotoningehalt im Gehirn führt dazu, dass die Zellen leichter und stärker erregbar sind. Das kann dazu führen, dass eine „spreading depression“ und somit eine Aura leichter entstehen kann.

Was genau verursacht die Kopfschmerzen?

Die Mechanismen der Kopfschmerzen mit oder ohne Aura sind in den letzten Jahrzehnten sehr intensiv beforscht worden, sie sind allerdings immer noch nicht komplett widerspruchsfrei aufgeklärt. Der gegenwärtige Stand der Forschung ist, dass die Kopfschmerzen hauptsächlich auf Ebene der Nerven entstehen. Und zwar so:

Als Reaktion auf einen Trigger beginnen die Blutgefäße im Gehirn, sich zu erweitern. Zusätzlich werden Entzündungsproteine in den Hirnhäuten freigesetzt. Es findet also eine „sterile“ Entzündung im Gehirn statt – eine Entzündung ohne einen externen Auslöser wie Bakterien. Die Entzündungsproteine binden an Nozizeptoren – unsere Schmerzrezeptoren – in den Hirnhäuten und lösen damit einen Schmerzreiz aus.

Jetzt startet eine Art Ping-Pong:

Der Hypothalamus – ein Teil unseres Gehirns – registriert diesen Reiz und leitet ihn ans sogenannte trigeminovaskuläre System weiter. Das ist nun aktiv, der typische Migräne-Kopfschmerz beginnt. Das aktivierte System wiederum signalisiert zurück an den Hypothalamus – dabei können weitere typische Symptome wie Übelkeit, Erbrechen und Schwindel entstehen.

Nicht ganz klar ist die weitere Rolle des Hypothalamus in diesem Mechanismus. Eine Theorie geht davon aus, dass der Hypothalamus reagiert, wenn sich etwas an unserem physiologischen oder emotionalen Zustand verändert, zum Beispiel durch Stress oder andere Trigger. Er registriert das Ungleichgewicht und löst die sterile Entzündung in den Hirnhäuten aus.

Eine andere Theorie:

Der Hypothalamus und das Stammhirn steuern, ab welchem Schwellenwert die Schmerzreize der Nozizeptoren weitergeleitet werden und Kopfschmerz auslösen. Diese Theorie könnte auch erklären, warum Trigger wie Schlafmangel nur manchmal und nur bei manchen Personen zu Migräne führen. Denn entscheidend wäre hierbei, wie das Gehirn auf Stress reagiert: Ist das Stammhirn sehr aktiv, kann es die Signale der Nozizeptoren abfangen und leitet sie nicht weiter – kein Kopfschmerz. Ist die Aktivität geringer, reicht schon ein kleiner Reiz der Schmerzrezeptoren, um die Signalkette Richtung Kopfschmerz zu starten.

Mit Aura, ohne Aura

Diese Mechanismen können auftreten, auch wenn keine Aura vorliegt. Die Entzündungsreaktion kann aber auch durch die „spreading depression“ während der Aura ausgelöst werden. Zusätzlich stört die „spreading depression“ den sogenannten glymphatischen Fluss. Dieser sorgt normalerweise im Nervensystem für einen Abtransport schädlicher Stoffe. Ist er gestört, können die Entzündungsproteine länger in den Hirnhäuten bleiben und dafür sorgen, dass der Kopfschmerz länger andauert.

Warum haben manche Menschen keine Aura?

Das ist tatsächlich noch nicht geklärt. Die Kopfschmerzen können eventuell durch unterschiedliche Mechanismen ausgelöst werden: Bei Aurapatienten wäre dann die „spreading depression“ Ursache von Aura und Kopfschmerzen, bei anderen Migränepatienten ein anderer Reiz im Hypothalamus oder im Stammhirn.

Eine weitere Theorie ist die der stillen „spreading depression“: Es wäre möglich, dass alle Migränekranken eine Streudepolarisation erleben, diese aber bei vielen ohne die typischen Aurasymptome verläuft.

Warum sind Frauen häufiger betroffen als Männer?

Schwankungen im Hormonhaushalt sind sehr häufige Trigger für Migräneschübe. Bei Frauen, die keine Hormonpräparate nehmen, besteht durch den Monatszyklus also naturgemäß eine größere Gefahr für Migräneanfälle als bei Männern. Bei etwa 14 Prozent der von Migräne betroffenen Frauen korreliert die Migräne mit ihrer Periode. Hormonbasierte Verhütungsmittel können helfen, Migräne zu behandeln, verbessern die Symptome allerdings nicht bei jeder Frau. Hierzu sind die Ergebnisse kontrovers.
Andrea Herrmann
Ökotoxikologin und freie Wissenschaftsjournalistin, vor allem für online. Lernt, entdeckt und erklärt gern Neues spannend und Spannendes neu. Besonders oft zu Themen wie Ernährung, Umwelt und Gesundheit von Mensch und Tier.

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