Das solltest du über die Narkose wissen

Narkosemittel stören elektrische Signale im Gehirn: Wir verlieren unser Bewusstsein. Der Eingriff birgt Risiken, schwere Komplikationen sind jedoch extrem selten. Bild: Javier Matheu/unsplash

Anästhesieverfahren

Das solltest du über die Narkose wissen

Narkosemittel stören elektrische Signale im Gehirn: Wir verlieren unser Bewusstsein. Der Eingriff birgt Risiken, schwere Komplikationen sind jedoch extrem selten.

25. September 2020

Was ist eine Narkose?

Das Wort Narkose lässt sich aufs Griechische zurückführen: „narkōtikós“ und „nárkē“, was so viel heißt wie „betäuben“ oder „Schläfrigkeit“. Dabei ist Narkose der umgangssprachliche Begriff für Anästhesie. Die medizinische Fachbezeichnung Anästhesie kommt ebenfalls aus dem Griechischen und bedeutet „ohne Empfindung“ oder „ohne Wahrnehmung“. Bei einer Anästhesie werden einzelne Körperpartien oder der gesamte Körper durch Medikamente für eine bestimmte Dauer in einen Zustand der Empfindungslosigkeit versetzt. Das Schmerz-, aber auch das Druckempfinden wird ausgesetzt, manchmal auch die Bewegungsfähigkeit oder das komplette Bewusstsein (Vollnarkose).

Einzelne Körperteile unter Betäubung

Wenn nur einzelne Körperpartien betäubt werden, spricht man von einer Regionalanästhesie. Dafür werden Lokalanästhetika verabreicht, welche die Nerven in der betroffenen Region betäuben und so den Schmerz ausschalten. Der Ursprung dieser örtlichen Betäubungsmittel geht auf das Kokain zurück. 1884 führte der Wiener Ophthalmologe Carl Koller erstmals eine schmerzfreie Augenoperation mit der heute illegalen Droge durch. Viele moderne Wirkstoffe haben immer noch eine ähnliche chemische Struktur wie Kokain, aber keine euphorisierende oder suchterzeugende Wirkung.

Abhängig von der Art und Zielregion des Eingriffs gibt es verschiedene Formen der Regionalanästhesie:

  • Periphere Regionalanästhesie: Mit gezielten Injektionen werden Nerven, welche die betroffene Körperregion versorgen, durch ein Lokalanästhetikum betäubt. Bei Eingriffen an Hand, Unterarm und Ellenbogen erfolgt die Betäubungsspritze beispielsweise in der Achselhöhle, da dort die empfindungsleitenden Nervenstränge sitzen. Bei Eingriffen an Oberarm oder Schulter wird oberhalb des Schlüsselbeins gespritzt.
  • Intravenöse Regionalanästhesie: Sie eignet sich besonders gut für kleinere und kurze Eingriffe an Hand und Unterarm beziehungsweise Fuß und Unterschenkel. Das betreffende Körperglied wird dafür mit einer Doppel-Blutdruckmanschette abgebunden. Dann wird in die Vene der abgebundenen Gliedmaßen das Lokalanästhetikum gespritzt, welches sich nun in dem abgebundenen Bereich ausbreiten kann und von dort in die Nervenbahnen gelan
    gt.
  • Rückenmarksnahe Regionalanästhesien
    Bei der Periduralanästhesie sowie der Spinalanästhesie wird ein örtliches Betäubungsmittel im Bereich des Rückenmarks injiziert. Mit der Spinalanästhesie wird so das Schmerzempfinden am Unterbauch, im Beckenbereich und an den Beinen ausgeschaltet (zum Beispiel beim Kaiserschnitt). Mit einer Periduralanästhesie, auch als PDA bekannt, wird der komplette Körperbereich unterhalb des Schlüsselbeins betäubt. Diese Art der Regionalanästhesie eignet sich für Operationen an Brustkorb, Bauch, Unterleib, Becken oder Beinen, wird aber auch in der Geburtshilfe eingesetzt.

Eine Regionalanästhesie wird genau wie eine Vollnarkose immer von einem Anästhesisten durchgeführt. Lediglich bei einer Lokalanästhesie, bei der nur ein sehr kleines Areal oberflächlich betäubt wird, bedarf es keines Anästhesisten. Die lokale Betäubung führt in dem Fall der operierende Arzt selbst durch, zum Beispiel der Hautarzt bei einer Muttermalentfernung.

Vollnarkose knipst das Bewusstsein aus

Bei der Vollnarkose, auch Allgemeinanästhesie genannt, wird der Patient oder die Patientin in einen schlafähnlichen Zustand versetzt: Das zentrale Nervensystem wird beeinflusst und somit das Bewusstsein und Schmerzempfinden im ganzen Körper ausgeschaltet. Um diesen Zustand kontrolliert herbeizuführen, werden verschiedene Medikamente eingesetzt. Bereits vor dem Eingriff erhält der Patient oft ein Beruhigungsmittel. Die Narkose selbst wird schließlich durch eine Kombination aus Schlafmittel (Hypnotikum), Schmerzmittel (Analgetikum) und teils auch Präparaten zur Erschlaffung der Muskulatur (Relaxanzien) und zur Hemmung des vegetativen Nervensystems eingeleitet. Diese Medikamente werden entweder in die Vene eingespritzt oder bei Kindern auch oft der Atemluft beigemischt. Der Patient schläft bereits nach einer halben bis einer Minute ein und hört auch auf, selbstständig zu atmen. Bei längeren Eingriffen führt man deshalb über die Luftröhre einen Beatmungsschlauch ein und beatmet den Patienten künstlich. Bei sehr kurzen Eingriffen kann die Beatmung über eine Gesichtsmaske erfolgen. Sobald die Narkose beendet werden soll, wird der Zufluss der Narkosemittel gestoppt. Nach wenigen Minuten wacht der Patient wieder auf.

Was passiert im Körper?

Schmerzen werden vom Nervensystem durch elektrische Impulse in den Nervenbahnen weitergegeben. Lokalanästhetika stören genau diese elektrischen Impulse und verhindern so, dass das Schmerzgefühl einer bestimmten Körperstelle zum Gehirn gelangt. Dazu docken die Wirkstoffe an bestimmten Stellen von Nervenzellen an: den Natriumkanälen. Diese Kanäle lassen normalerweise Natriumionen, also positiv geladene Teilchen, zum Ladungsaustausch in die Zelle. Lokalanästhetika blockieren jedoch die Natriumkanäle: Der Fluss der elektrischen Impulse wird so gestört und damit die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen. In höheren Konzentrationen von Anästhetika werden zusätzlich Kaliumkanäle blockiert und dadurch positiv geladene Kaliumionen gehindert, aus dem Zellinneren auszuströmen.

Das Schmerzempfinden wird als Erstes ausgeschaltet

Um ihre Wirkung zu entfalten, müssen sich die Lokalanästhetika erst in die Membran, also die Umhüllung der Nervenzellen, einlagern beziehungsweise durch diese „hindurchlösen“. Lokalanästhetika blockieren deshalb besonders schnell die Erregungsleitung von dünnen Nerven (schmerzsensible Nerven). Dickere Nervenfasern (motorische Nervenfasern) werden erst bei hohen Wirkstoffkonzentrationen gehemmt. Aus diesem Grund werden bei einer örtlichen Betäubung erst nacheinander folgende Empfindungen in der betreffenden Körperregion ausgeschaltet: Schmerz > Temperatur > Berührung > Druck > Motorik. Wenn die betäubende Wirkung verschwindet, kehren die Empfindungen in der umgekehrten Reihenfolge zurück. Demzufolge bleibt die Schmerzempfindung am längsten ausgeschaltet.

Eine Vollnarkose wirkt im Gehirn

Für die Vollnarkose werden Mittel verwendet, die nicht nur einzelne Nervenstränge, sondern das ganze Nervensystem beeinflussen – somit auch das Gehirn. Auf diese Weise führen sie einen Zustand der Bewusstlosigkeit herbei. In der westlichen Medizin war schon im 19. Jahrhundert Äther (Diethylether) das am häufigsten gebräuchliche inhalierte Narkosemittel. Äther war zunächst bekannt als Partydroge, bis Ärzte herausfanden, dass Menschen unter dessen Einfluss keine Verletzungen bemerkten. Lachgas wurde in den folgenden Jahrzehnten beliebter, wird aber heute kaum noch eingesetzt. Standardmäßig werden andere flüchtige Anästhetika, wie Sevofluran oder Isofluran verwendet. Ein gängiges intravenöses Narkosemittel ist Propofol, das ebenfalls Ohnmacht hervorruft.

Allgemeinanästhetika wirken ganz ähnlich wie örtliche Betäubungsmittel, indem sie die Signalübertragung zwischen den Nerven stören. Wie diese elektrischen Signale sich im Gehirn genau während einer Narkose verändern, zeigt eine Studie unter Leitung des Neurobiologen Gernot Supp am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: Im Wachzustand schwirren die Signale chaotisch durch unser Gehirn und ermöglichen so eine Kommunikation zwischen den verschiedenen Hirnregionen. Sobald der Patient jedoch unter Vollnarkose ist, werden die elektrischen Signale ruhiger – und vor allem organisierter: Diese extrem synchrone Aktivität der Signale verhindert schließlich den Austausch von Informationen zwischen den einzelnen Hirnarealen. Die Großhirnrinde – der Sitz des Bewusstseins – reagiert demnach zwar noch auf Reize der Außenwelt, kann diese aber nicht weitergeben. „Das ist vergleichbar mit einer Nachricht, die zwar in der Mailbox ankommt, dort aber feststeckt und nicht weitergeleitet werden kann“, sagt Gernot Supp. Das führt schließlich zum Zustand der Bewusstlosigkeit.

Der genaue Mechanismus ist noch ungeklärt

Wie genau Propofol und andere Allgemeinanästhetika die Kommunikation zwischen den Nervenzellen auf molekularer Ebene stören, ist noch nicht abschließend geklärt. Mehrere Studien weisen jedoch darauf hin, dass genau wie bei lokalen Betäubungsmitteln die Aktivität der Ionenkanäle der Nervenzellen gestört wird. Es ist wahrscheinlich, dass dies durch verschiedene Mechanismen geschieht, da die Narkosemittel teils eine ganz unterschiedliche chemische Struktur aufweisen. Eine im Fachmagazin PNAS veröffentlichte Studie mit Versuchen an Fruchtfliegen zeigt, dass Wirkstoffe von Inhalationsanästhetika allerdings nicht direkt am Rezeptor des Ionenkanals binden. Vielmehr stören sie die Bildung von Protein-Clustern, die den Ionenkanal steuern. Dadurch werden die betreffenden Ionenkanäle übermäßig aktiviert und schließlich die Signalübertragung zwischen den Zellen gestört.

Kann es sein, dass ich nicht mehr aufwache?

Vollnarkosemittel stören nicht nur die Nervenfunktionen im Gehirn, sondern auch im Herz, der Lunge oder der Niere. „Andere Organe reagieren nicht so empfindlich wie das Gehirn, doch bei einer Überdosis kann es zu schwerwiegenden Nebeneffekten bis hin zu einem lebensbedrohlichen Kreislaufstillstand kommen“, sagt Michael Bauer, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Jena.

Um solche Risiken zu reduzieren, wird heute eine Kombination aus Hypnotika, Schmerzmitteln und teils auch Mitteln zur Muskelentspannung gegeben. „Durch die zusätzliche Gabe von Schmerzmitteln reicht ein leichterer Schlaf meist aus – und damit auch eine geringere Dosis an Hypnotika“, erklärt Michael Bauer. So könnten die Nebenwirkungen gering gehalten werden.

Schwere Komplikationen sind extrem selten

„Mit modernen Anästhetika und der Verbesserung der Gerätetechnik ist die Narkose sehr sicher geworden“, sagt Klinikdirektor Michael Bauer. Bei gesunden Patienten seien ernst zu nehmende Komplikationen durch Vollnarkosen heute äußerst selten. Laut einer im deutschen Ärzteblatt veröffentlichten Übersichtsstudie starben in den 1940ern pro Million operative Eingriffe über 640 Patienten durch die Komplikationen bei einer Vollnarkose. Heute sind es nur noch vier Todesfälle pro einer Million Eingriffe, die bei sonst gesunden Personen auf die Narkose zurückzuführen sind. Ursachen sind häufig Überdosen oder Nebenwirkungen durch Anästhetika. Auch eine Maligne Hyperthermie (auch unter Narkose-Hyperthermie-Syndrom bekannt) und Komplikationen bei der Beatmung können bei einer Narkose lebensbedrohlich sein.

Diese extrem niedrige Sterberate gilt für Patienten, die keine speziellen Risikofaktoren durch Vorerkrankungen wie Herzschwächen oder chronische Lungen- oder Nierenerkrankungen aufweisen. Bei Risikogruppen mit schweren Vorerkrankungen ist sie um etwa ein Hundertfaches höher, mit leicht steigender Tendenz. Die Studienautorinnen und -autoren erklären die Zunahme jedoch nicht mit einem erhöhten Risiko durch die Narkose selbst. Vielmehr würden heute generell mehr ältere Patienten mit schweren Vorerkrankungen operiert. Zudem hätten hochinvasive und damit auch risikoreichere Operationen zugenommen, die früher noch undenkbar gewesen wären.

Wieso ist die Lunge besonders gefährdet?

„Für Anästhesisten sind die wesentlichen Risiken Probleme mit dem Atemweg, wenn es zur Störung der Atmung oder Lungenfunktion kommt“, sagt Michael Bauer. Bei der Einführung des Beatmungsschlauches können technische Schwierigkeiten auftreten. Aber auch der Druck, den das Beatmungsgerät auf die Lunge ausübt, spielt eine entscheidende Rolle, wie eine im Fachmagazin Lancet veröffentlichte Studie zeigt.

Das Problem: Die sensiblen Strukturen der Lunge können durch die mechanische Beatmung in Mitleidenschaft gezogen werden. Es kann zu Wassereinlagerungen kommen. Die Muskeln, welche die kleinen Atemwege umspannen, können zudem verkrampfen. Bei manchen Patienten verkleinert sich dadurch das Lungenvolumen. Auch eine Pneumonitis, also eine Entzündung des Lungengewebes, kann auftreten und zu Atemnot führen.

Atemwegsinfektionen erhöhen Risiko

Ein kanadisches Forschungsteam hat mehrere Studien ausgewertet, die Komplikationen durch die Beatmung bei einer Vollnarkose untersuchten, und kommt zu dem Ergebnis: Bei 2 bis 19 Prozent der Patienten treten nach einem operativen Eingriff (der nicht direkt den Brustraum betrifft) leichte bis schwere Schäden an der Lunge auf.

Allerdings ist dieses Risiko nicht bei allen Patienten gleich hoch. Es ist beispielsweise erhöht, wenn der Patient im Monat vor der Operation eine Atemwegsinfektion hatte. Auch eine Anämie, also ein Mangel an roten Blutkörperchen, das Alter (Kinder und ältere Menschen), die Dauer des Eingriffs und Notfalloperationen können das Risiko erhöhen. „In den meisten Fällen sind dies jedoch reversible Schäden an der Lunge, langfristige Schäden sind rar“, sagt Michael Bauer.

Kann mein Gehirn Schaden nehmen?

Eine relativ häufige Folgeerscheinung nach einer Operation mit Vollnarkose ist das Delir. Der Begriff „Delir“ stammt aus dem lateinischen „de lira“, was so viel bedeutet wie „aus der Spur“. Diese kognitive Funktionsstörung wurde lange Zeit auch als Durchgangssyndrom bezeichnet. Weil jedoch nicht nur kurzzeitige, sondern auch bleibende Schäden auftreten können, gilt letzterer Begriff als veraltet.

Patienten sind nach schweren OPs oft verwirrt

Studien zeigen: Je nach Schwere des Eingriffs und Gesundheitszustand des Betroffenen leiden 5 bis 50 Prozent der Patienten nach Operationen an einem Delir: Sie sind durcheinander und desorientiert, sehen Zerrbilder, auch Wahnvorstellungen und Halluzinationen sind möglich. Manch einer hat Probleme, die richtigen Worte zu finden und sich Dinge zu merken. Andere werden aufbrausend und wollen sich die Kanülen entfernen. Dabei kommen solche extremen Stimmungsänderungen meist in Wellen. Zwischendurch kann der Patient wieder relativ normal sein. Generell wirken die Betroffenen apathisch oder depressiv.

Diese Verwirrtheitszustände können direkt nach dem Erwachen aus der Narkose auftreten, aber auch erst einige Tage nach der Operation. In den meisten Fällen handelt es sich um eine vorübergehende Störung ohne Spätfolgen. Rund 25 Prozent der Patienten mit einem Delir behalten jedoch bleibende kognitive Funktionsstörungen zurück, beispielsweise verschlechtert sich ihr Erinnerungsvermögen.

Entzündungen belasten das Nervensystem

Die genauen Ursachen für die Entstehung des Delirs sind noch nicht abschließend geklärt. „Sicher ist, dass nicht allein die Narkose das Gehirn belastet“, sagt Michael Bauer. Selbst bei schwer kranken Patienten, die ohne Narkose operiert werden oder auf der Intensivstation liegen, tritt häufig ein Delir auf. Eine entscheidende Rolle spielen vermutlich die Reaktionen des Gehirns auf entzündliche Prozesse im Körper. Das Immunsystem selbst, aber auch Narkosemittel, Schmerzbotenstoffe und Stresshormone können Entzündungen fördern und die Kommunikation der Nervenzellen stören. Nervenzellen können dadurch irreversibel geschädigt werden und absterben.

„Ähnlich wie ein Alkoholexzess kann eine Operation mit Vollnarkose Spuren im Gehirn hinterlassen“, sagt Michael Bauer. Wie gut sich das Gehirn regenerieren kann, hängt dabei vom Gesundheitszustand des Patienten ab. Bei einem schwer an Demenz erkrankten Patienten und somit empfindlicheren Gehirn kann schon ein Harnwegsinfekt ausreichend sein, um ein Delir auszulösen. Generell sind zudem ältere Menschen, aber auch Kinder besonders gefährdet, da ihr Hirnstoffwechsel anfälliger ist.

Das Risiko für ein Delir kleinhalten

Es gibt verschiedene Ansatzpunkte, die Gefahr eines Delirs zu verringern: Patienten, die bereits kognitive Defizite wie eine Demenz haben, sollten möglichst vor der Operation keine Schlaf- oder Beruhigungsmittel verabreicht werden, da diese das Gehirn zusätzlich belasten. Stattdessen kann eine enge Betreuung durch eine Pflegekraft die Angst vor der Behandlung nehmen.

Eine adäquate Nachversorgung nach der Operation kann das Risiko eines Delirs sogar halbieren: Frühzeitige Bewegungs- und Gedächtnistrainings, aber auch simple Maßnahmen wie genügend Flüssigkeitszufuhr, ausreichend Schlaf und eine ruhige Atmosphäre in den Krankenzimmern sind ausschlaggebend. Hörgeräte und Brille sollten direkt nach der Operation zurückgegeben werden, damit der Patient sich direkt wieder optimal in seiner Umgebung orientieren kann.

Kann ich trotz Narkose aufwachen und sogar Schmerzen spüren?

Patientenbefragungen zeigen: Jeder Zweite hat vor einem Aufwachen während der Narkose Angst. Tatsächlich ist dieses Wachheitsphänomen allerdings relativ selten: Nur in ein bis zwei Fällen pro 1000 Narkosen erinnern sich Betroffene an Ereignisse oder Empfindungen während der Operation. „Ich kann mich in meiner Laufbahn an eine Patientin erinnern, die uns von einer Wachepisode nach einer Herz-OP berichtet hat“, sagt Michael Bauer. „Sie wusste unter anderem, dass Englisch gesprochen wurde“, erzählt der Arzt.

Meist nehmen die Patienten in einer solchen Wachphase Geräusche oder Stimmen wahr. Dabei dringen einzelne Wörter offenbar eher zum Betroffenen durch als formulierte Sätze. Laut Patientenberichten ist auch entscheidend, ob das Gesagte negative, positive oder neutrale Assoziationen bewirken. Gerade negative Begriffe wie „Schmerzen“ prägen sich im Gedächtnis ein und fördern Angstgefühle. Generell treten sehr häufig Angstgefühle bei den Wachphasen auf, der Betroffene fühlt sich hilflos und bewegungsunfähig. Fast jeder zweite spürt auch Schmerzen.

Höheres Risiko bei Kaiserschnitten

Ein Grund der Wachepisoden ist stets eine zu leichte Narkose. Gerade bei Risikopatienten mit geschwächtem Herz-Kreislauf-System werden möglichst niedrige Dosen gegeben, um dieses zu schonen und keinen Kreislaufstillstand zu riskieren. Auch Patienten mit chronischen Schmerzzuständen oder Drogenabhängigkeit erhalten eher reduzierte Schmerzmitteldosierungen. Zudem kann Übergewicht ein Risiko bedeuten, da die Wirkung der Anästhetika schwer einzuschätzen ist. Kinder zählen ebenfalls zur Risikogruppe. Bei ihnen treten acht- bis zehnmal häufiger Wachmomente auf im Vergleich zum Durchschnitt. Denn die Narkosemittel verteilen sich bei Kindern schneller im Körper. Die Wirkung auf das zentrale Nervensystem kann dadurch abgeschwächt werden. Schließlich ist das Risiko auch bei bestimmten Operationen besonders hoch, zum Beispiel bei Kaiserschnittentbindungen. Auch hier wird oft eine zu geringe Dosis gewählt – aus Angst vor einer möglichen Anästhetikabelastung und Atemdepression bei den Ungeborenen. Zudem treten bei Notoperationen und Eingriffen während der Nachtstunden überdurchschnittlich häufig Wachphasen auf.

Wachphänomene können für die Betroffenen folgenlos bleiben, aber im schlimmsten Fall auch posttraumatische Belastungsstörung mit Angstzuständen, Schlaflosigkeit oder Depressionen hervorrufen. Wenn diese Störung jedoch professionell in den ersten vier Wochen therapiert wird, haben Patienten gute Chancen auf eine Genesung.

Kopfhörer bei OP empfohlen

Bei nicht vollständiger Bewusstseinsausschaltung werden vor allem akustische Signale vom Gehirn noch verarbeitet. Diese unangenehmen Wachereignisse können durch einfache Maßnahmen verhindert werden: Im Operationssaal sollten laute Geräusche vermieden werden. Aber auch Schallschutzkopfhörer oder Kopfhörer mit Musik können helfen. Die operierenden Ärzte sollten ihrerseits auf ihre Wortwahl achten und negativ belastete Begriffe wie „Schmerz, Krebs, inoperabel, zwecklos“ in der Kommunikation im OP-Saal vermeiden.

Auf was sollte ich vor und nach einer Narkose achten?

„Anästhesisten macht vor allem Angst, wenn Patienten vor der Narkoseeinleitung gegessen haben“, sagt Michael Bauer. Denn durch die Anästhetika werden die Schutzreflexe ausgeschaltet, und somit auch der Schluck- und Hustenreflex. Es besteht daher die Gefahr, dass Mageninhalt während der Narkose in den Rachen gelangt, eingeatmet wird und eine Lungenentzündung hervorruft.

In der Regel gelten deshalb folgende Empfehlungen, die der Anästhesist dem Patienten in einem Vorgespräch vor der Operation stets noch mal genau erläutert: Mindestens sechs Stunden vor der Narkoseeinleitung sollte der Patient keine Nahrung mehr zu sich nehmen. Klare Flüssigkeiten wie Wasser, fruchtfleischlose Säfte, Tee oder Kaffee ohne Milch können in kleinen Mengen bis zu zwei Stunden vor Narkoseeinleitung getrunken werden. Weitere Details, auch wenn Medikamente eingenommen werden, müssen mit dem Anästhesisten zuvor genau abgesprochen werden.

Make-up verdeckt Störungen der Körperfunktionen

Am Tag der Operation darf nicht mehr geraucht werden. Der Patient sollte zudem auf Gesichts- und Körpercreme, Make-up, Nagellack und Schmuck verzichten. Der Grund: Eine unverfälschte Sicht auf das Gesicht, Finger und die Zehen dienen der allgemeinen Krankenbeobachtung. Der Arzt sieht bereits an der Farbe der Fingerspitzen oder an der Durchblutung der Haut, ob der Patient Störungen hinsichtlich der Sauerstoffversorgung entwickelt. Auch Kontaktlinsen sind untersagt, Brillen nur bei starker Fehlsichtigkeit erlaubt. Über einen herausnehmbaren Zahnersatz sollte der Anästhesist informiert sein.

Direkt nach der Operation wird der Patient in den Aufwachraum gebracht. Dort wird er überwacht, bis er wieder vollständig wach ist und sich orientieren kann. Sollte der Patient nicht zur weiteren Beobachtung im Krankenhaus bleiben, kann er sich von einem Taxi oder einer Begleitperson nach Hause fahren lassen. Er sollte stets telefonisch erreichbar sein und in der häuslichen Umgebung von einer erwachsenen Person betreut werden. Essen und Trinken ist bei Appetit kein Problem, nur Alkohol sollte in den ersten 24 Stunden nach der Narkose vermieden werden.

Autorin: Inka Reichert

Unsere Quellen

Verwandte Themen

Schreibe einen Kommentar Antworten abbrechen

Mehr Wissen:

Myriel Desgranges: