So ist die Situation auf den deutschen Intensivstationen

Person neben Beatmungsgerät Foto: Hush Naidoo / Unsplash.com

Coronavirus

So ist die Situation auf den deutschen Intensivstationen

Wie viele Deutsche sind mit Covid-19 infiziert? Dazu gibt es keine genaue Zahl. Viel entscheidender: die Auslastung der Intensivstationen.

29. April 2020

Seit Wochen ist das öffentliche Leben wegen des Coronavirus stark eingeschränkt, denn möglichst wenig Menschen sollen krank werden. Die Befürchtung: Sollten sich viele infizieren, könnte das Gesundheitssystem überlastet werden.

Was die Daten zu Corona aussagen und was nicht


Es gibt viele Zahlen, mit denen Wissenschaftler und Medien zu erklären versuchen, wie die Situation in Deutschland ist. Genannt wird die Zahl der positiv getesteten Personen, die Verdopplungsrate oder auch die Basisreproduktionsrate, also wie viele Menschen eine infizierte Person im Schnitt ansteckt. Diese Zahlen sind allerdings alle nur ein Marker und können nicht die tatsächliche Situation widerspiegeln. Denn klar ist: Es gibt eine Dunkelziffer. Wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich mit dem Coronavirus infiziert sind, weiß niemand.

Das Intensivregister füllt eine wichtige Datenlücke

Die bestehenden Daten geben also nur sehr begrenzt darüber Aufschluss, wie ernst die Lage derzeit ist. Eine andere Zahl ist jedoch dafür sehr verlässlich: die Zahl der Covid-19-Patientinnen und -Patienten auf den Intensivstationen. Das neu geschaffene Intensivbettenregister gibt darüber jetzt Auskunft.

Jetzt kann jeder nachschauen, wie stark die Intensivstationen in seiner Nähe ausgelastet sind.

Selbst wenn es regional eine teilweise stärkere Auslastung gibt, können andere Krankenhäuser in der Umgebung weitere Patienten aufnehmen. Vor diesem Hintergrund hat Anfang April die Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin dazu aufgerufen, beatmete Patienten mit Covid-19 aus den Nachbarstaaten in Deutschland zu versorgen, solange es freie Kapazitäten gibt.

Die Daten zeigen sehr deutlich, dass die Intensivstationen noch sehr viele Kapazitäten haben, die derzeit nicht ausgeschöpft sind. Und der Großteil der versorgten Patienten auf Intensivstation liegt dort nicht wegen einer Covid-19-Erkrankung. Das Gesundheitssystem ist aktuell also nicht überfordert. Gleichzeitig bestätigt sich die Annahme früherer Erhebungen, dass Deutschland gut ausgebaute Intensivkapazitäten hat. Vor der Pandemie soll die Zahl der Intensivbetten bei ungefähr 28.000 gelegen haben, Ende April nennt die Deutsche Krankenhausgesellschaft eine Zahl von 40.000 Intensivbetten – deutlich mehr als das neue Intensivregister ausweist, das die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) aufgebaut hat.

Aber:

Nicht alle machen mit

Auf der Karte gibt es allerdings noch einige Kreise, für die keine Daten vorliegen, zum Beispiel gibt es keine Daten aus dem Landkreis Tirschenreuth – ein Gebiet, in dem vergleichsweise viele Menschen positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Dabei ist jedes einzelne Krankenhaus mit Intensivstation dazu verpflichtet, täglich eine Meldung abzugeben.

Noch hakt es an einigen Stellen aber etwas. Die Kliniken Nordoberpfalz AG geben auf Nachfrage an, dass die Daten standortübergreifend gemeldet werden: “Wir befolgen hier klare Anforderungen des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege, das uns das bisherige Vorgehen so vorgegeben hat.“ Die Antwort des bayerischen Gesundheitsministeriums auf Quarks-Anfrage widerspricht allerdings dieser Darstellung: “Wir haben den Krankenhausträger bereits gebeten, eine Meldung getrennt nach den Krankenhausstandorten abzugeben.“

Zahlen sind trotzdem zuverlässig

Die fehlenden Meldungen einzelner Krankenhäuser haben wohl aber nur wenig Einfluss auf die Gesamtdaten, auch wenn dort möglicherweise viele Covid-19-Patienten intensivmedizinisch betreut werden. Denn mittlerweile kann für mehr als 95 Prozent aller Kreise nachverfolgt werden, wie stark die Intensivstationen ausgelastet sind und welchen Anteil daran Covid-19-Patienten haben.

Allerdings werden öffentlich keine genauen Daten für einzelne Krankenhäuser ausgewiesen, das sei aus Datenschutzgründen nicht möglich, heißt es von der DIVI (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin), die das Register aufgebaut hat.

Und jetzt?

Endlich verlässliche Daten

Schon lange haben Mediziner und Medizinerinnen darauf hingewiesen, dass ein solches Register notwendig sei, um die bestehenden Kapazitäten bestmöglich zu nutzen. Das Register wurde nicht geschaffen, um die Öffentlichkeit darüber zu informieren, wie voll die Krankenhäuser sind – es ging darum, dass es im Ernstfall (zu) lange dauerte, bis ein Krankenhaus gefunden wurde, das ein freies Bett auf einer Intensivstation hat. Die Corona-Pandemie hat nun dazu geführt, dass diese Lücke geschlossen wurde.

Eine wichtige Zahl von vielen

Die Zahl der freien Intensivbetten in Deutschland lässt allerdings nur rückwirkend Rückschlüsse auf die Verbreitung des Coronavirus zu. Bis eine positiv getestete Person tatsächlich ins Krankenhaus kommt, vergehen oft mehrere Tage, denn die Symptome zeigen sich im Schnitt erst nach fünf bis sechs Tagen.
Bis der Patient, bei einem sehr schweren Verlauf, auf einer Intensivstation landet, vergehen mehrere Tage und weitere Tage, bis er diese wieder verlassen hat. Der Erfolg der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus zeigt sich also nur mit Verzögerung anhand der Zahlen auf den Intensivstationen.

Autor: Christopher Ophoven

4 Kommentare;

  1. Guter Artikel, aber leider vergisst er meines Erachtens einen ganz wichtigen Aspekt: Das Personal, das zum Betrieb eines Intensivbettes notwendig ist. Bereits seit Jahren beklagen die Krankenhäuser bundesweit einen Personalmangel beim Intensivpflegepersonal. Dies wird leider bei der Beurteilung unserer Intensivkapazitäten vollkommen außer acht gelassen.

    Studie dazu (2017): https://www.dkgev.de/fileadmin/default/Mediapool/1_DKG/1.7_Presse/1.7.1_Pressemitteilungen/2017/2017-07-15_PM_Anlage_Langfassung_DKI-Gutachten_Personalsituation_Intensivpflege_und_Intensivmedizin.pdf
    Artikel Deutschlandfunk (2019): https://www.deutschlandfunk.de/pflegekraefte-verzweifelt-gesucht-versorgungsqualitaet-auf.709.de.html?dram:article_id=451657
    Aktueller Artikel in Bezug auf Covid-19 (2020): https://www.focus.de/gesundheit/news/wird-nicht-zu-lange-beatmet-anaesthesist-berichtet-ueber-die-lage-auf-deutschen-intensivstationen_id_11917952.html?fbc=fb-shares

    1. Hm, ich hab die Studie jetzt nur überflogen. Wenn ich das richtig verstehe, sagt die Studie doch aus, dass die Intensivpflege verhältnismäßig gut aufgestellt ist. Zumindest schließe ich das aus dem Satz: “Legt man die pflegerischen Strukturvorgaben der untersuchten G-BA-Richtlinien oder die Empfehlungen der DIVI als einer maßgeblichen Fachgesellschaft zugrunde, so erreichen viele Krankenhäuser diese Kriterien vollständig oder zumindest näherungsweise.”
      Die anderen beiden Artikel ignoriere ich jetzt einfach mal, da sie subjektiv dargestellt sind.

      Dennoch stimme ich vollkommen zu, dass die Anzahl der Betten alleine nicht viel aussagt.

    2. Bei der DIVI werden auch qualitative Daten für jede Betten Kategorie mit angegeben (Verfügbar, Begrenzt, Ausgelastet) für diese Bewertung sollen die Ärzte bei der täglichen Angabe auch Dinge wie Personalsituation berücksichtigen.

      Auf unserer Karte stellen wir das pro Krankenhaus dar: https://coronavis.dbvis.de

      Wie zuverlässig dies von den Krankenhäusern berücksichtigt wird können wir aber nicht beurteilen.

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