Wie hilfreich ist Osteopathie?

Osteopathie wird häufig als Alternativmedizin genutzt, Bild: whitesession / pixabay

Heilen mit Händen

Wie hilfreich ist Osteopathie?

Osteopathen versprechen Linderung und Heilung bei einer Vielzahl von Beschwerden. Doch hält die Methode wirklich, was sie verspricht? Wir haben es geprüft.

9. März 2021

Einleitung: das Heilversprechen der Osteopathie

“Osteopathie wirkt!” – unter dieser Überschrift hat der Verband der Osteopathen Deutschland e. V. (VOD), nach eigenen Angaben die größte und älteste Interessenvertretung der Osteopathen hierzulande, ein Video auf YouTube gestellt. Wer es anklickt, erfährt, gegen was Osteopathie alles helfen soll. Die Liste ist lang und reicht von chronischen Schmerzen über Fütter-, Schlafstörungen und exzessivem Schreien bei Babys bis hin zu Problemen in der Schwangerschaft und nach der Geburt. Auch Spitzensportler schwören demnach auf die oft als sanft und medikamentenfrei angepriesene Methode. “An die Weltspitze dank Osteopathie”, heißt es in dem Video. Wer wollte das nicht?

Der Anspruch der Osteopathie ist hoch. Oft fallen in dem Video Wörter wie “Studien”, die “bemerkenswerte Ergebnisse” brachten, die Wirkung sei bei verschiedenen Anwendungsgebieten “belegt”. Weiter heißt es dort, die Evidenz, also der Beleg, dass etwas nutzt, werde “inzwischen vielfach anerkannt”. Für den Laien mag das alles zunächst beeindruckend klingen. Aber: Streng genommen stimmt das so nicht.

Das Problem: Osteopathen mögen von der Osteopathie überzeugt sein. Fragt man jedoch außerhalb der Branche nach, hört man schnell auch anderes. Von teilweise absurden und nicht nachgewiesenen Wirkmechanismen ist da die Rede, von schlechten Studien und nicht vorhandener wissenschaftlicher Evidenz.

Was ist Osteopathie? Welche Unterarten gibt es?

Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages definiert die Osteopathie als “komplementär medizinische Methode, die als Erweiterung der manuellen Medizin betrachtet wird”. Die manuelle Medizin behandelt Störungen am Bewegungsapparat und davon ausgehende Beschwerden mit den Händen. Die Osteopathie bedient sich teilweise ähnlicher Techniken wie die manuelle Medizin, ist mit dieser aber nicht gleichzusetzen.

Die Methode geht zurück auf den amerikanischen Landarzt Andrew Taylor Still. Still besuchte kein College, er erlernte den Beruf bei seinem Vater. Das war damals durchaus üblich. Ende des 19. Jahrhunderts suchte er nach alternativen Methoden, seinen Patientinnen und Patienten zu helfen. Kein schlechter Gedanke, denn die Medizin von damals war durchaus verbesserungswürdig.

Damals nutzten Ärzte Techniken wie den Aderlass oder verschrieben Opiate, Quecksilber und Arsen. Das richtete mehr Schaden an, als es nützte. Still hatte eine andere Idee: Fehlstellungen im Muskel- und Knochensystem führten seiner Ansicht nach zu Krankheiten. Wenn man diese Fehlstellungen beheben und die Beweglichkeit wieder herstellen konnte, würde es dem Körper gelingen, sich selbst zu heilen, etwa über eine verbesserte Blutversorgung. So zumindest die Vorstellung.

Mit sanftem Druck angebliche Blockaden lösen

Osteopathen versuchen daher, mit ihren Händen und sanftem Druck angebliche Blockaden in Gelenken und Gewebe zu lösen oder Organfehlstellungen zu beheben. Diese, so die Annahme, können sich auch an anderer Stelle im Körper negativ auswirken. Werden sie beseitigt, soll der Körper wieder in einen harmonischen Fluss kommen, die Selbstheilungskräfte sollen stimuliert und letztlich Krankheiten geheilt werden.

Still selbst orientierte sich dabei noch sehr an anatomischen Gegebenheiten. Er gab seiner Therapie daher auch den Namen “Osteopathie”, übersetzt “Knochenleiden”. Was er vornehmlich praktizierte, wird heute als parietale Osteopathie bezeichnet. Sie beschäftigt sich mit Muskeln, Skelett und auch dem Bindegewebe. Andere Osteopathen, darunter auch Schüler von Still, entwickelten das Konzept weiter. Heute kennt die Osteopathie neben der parietalen noch zwei weitere große Teilbereiche:

  • die viszerale Osteopathie, deren Fokus auf den inneren Organen und dem umgebenden Gewebe liegt
  • und die kraniosakrale Osteopathie, die sich mit dem Gehirn, dem Rückenmark und den Hirnhäuten beschäftigt und von der unbelegten Annahme bestimmter körpereigener Rhythmen ausgeht.

Wie nachvollziehbar und wissenschaftlich belegt sind die Unterarten?

Dass die parietale Osteopathie grundsätzlich funktionieren kann, ist nachvollziehbar. Rückenschmerzen etwa beruhen oft auf muskulären Verspannungen. Einen verkürzten Muskel mit manualtherapeutischen Verfahren zu dehnen, kann hilfreich sein.

Kaum wissenschaftliche Belege gibt es hingegen für die Wirksamkeit der viszeralen Osteopathie. “Hier soll etwa die Niere ‘verschoben’ werden, um Rückenschmerzen zu behandeln”, sagt die Ärztin Natalie Grams, die sich in ihrem Buch “Was wirklich wirkt” kritisch mit alternativen Heilmethoden auseinandersetzt. “Dabei sind weder die anatomischen Grundlagen plausibel, es gibt keinen guten Nachweis, dass es diese Zusammenhänge gibt, noch dass die Wirkung so spezifisch eintritt.”

Methode gegen Depression? – „schlichte Fantasie“

Höchst spekulativ wird es bei der kraniosakralen Methode. Diese geht davon aus, dass eine extrem feine, eigenständig pulsierende Bewegung im Körper existiert, dass also Gehirn und Rückenmark in einem regelmäßigen Rhythmus schwingen. Diesen könne der Osteopath am Schädel oder Steißbein ertasten und mit sanftem Druck harmonisieren, was etwa gegen Kopfschmerzen, aber auch bei Depressionen oder Autismus helfen soll.

“Das ist schlicht Fantasie”, sagt Grams. Der Rhythmus sei wie ein rosa Einhorn. “Es gibt ihn nicht. Bei den Schädelplatten bewegt sich bei Erwachsenen nichts Entscheidendes mehr.” Auch die Gesellschaft für Neuropädiatrie kommt in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2001 zu dem Schluss, dass die Annahmen der Kraniosakraltherapie “nicht bewiesen”, manche Vorstellungen “völlig unakzeptabel” sind. Aktuellen Studien zufolge hat sich daran bislang nichts geändert. Ein Review bezeichnet die kraniosakrale Osteopathie etwa als wissenschaftlich unhaltbar.

Wer bietet Osteopathie an?

In der Praxis bieten in Deutschland Ärzte (meist Orthopäden), Physiotherapeuten, Heilpraktiker oder Behandler, die sich osteopathisch haben ausbilden lassen, die Methode an.

Der Begriff “Osteopathie” ist hierzulande allerdings nicht geschützt, die Ausbildung nicht einheitlich gesetzlich geregelt. Das führt zu einer für Patientinnen und Patienten oft schwer durchschaubaren Situation. So gibt es nicht nur zahlreiche verschiedene Verbände. “Im Grunde kann sich jeder Osteopath nennen”, sagt Grams. Eine weitere Schwierigkeit: Begriffe wie “Osteopathie”, “osteopathische Medizin” oder “osteopathische Behandlung” sind weltweit nicht klar definiert.

Wer Osteopath werden will, kann sich in Deutschland an privaten Schulen in Vollzeit oder berufsbegleitend ausbilden lassen. Der Stundenumfang variiert dabei stark, von “weniger als 400 bis zu mehr als 1700 Unterrichtsstunden”, schreibt der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages. Manche Anbieter vermitteln Wissen gar in Crash- oder Wochenendkursen. Osteopathie lässt sich zudem an privaten Hochschulen studieren.

Streit ums Berufsgesetz

Wer sich so hat ausbilden lassen, darf streng genommen aber noch nicht eigenständig praktizieren. In einem Urteil aus dem Jahr 2015 hat das Oberlandesgericht Düsseldorf entschieden, dass die Osteopathie der Heilkunde zuzurechnen ist. Und diese ist hierzulande Ärzten oder, historisch gewachsen, auch Heilpraktikern vorbehalten – weshalb Osteopathen oder Physiotherapeuten, die osteopathisch behandeln wollen, meist noch einen Heilpraktikerschein erwerben.

Verbände wie der VOD setzen sich daher seit Jahren für ein eigenes Berufsgesetz und damit einen eigenständigen Beruf des Osteopathen ein. Osteopathische Ärztegesellschaften hingegen fordern eine eigene Facharztweiterbildung. Ein Interessengezerre, das “nicht immer etwas mit Wissenschaftlichkeit und Patientenwohl zu tun hat”, sagt Grams. “Hier geht es auch um Pfründe und ums Geld.”

Die Situation in den USA, dem Mutterland der Osteopathie

In den USA ist die Situation eine ganz andere als in Deutschland: Dort sind Osteopathen wie reguläre Ärzte ausgebildet und diesen gleichgestellt. Die Ausbildungsinhalte der sogenannten Doctors of Osteopathy (D. O.) etwa in Anatomie oder Physiologie unterscheiden sich kaum. D. O. gelten als voll anerkannte Mediziner, sie können etwa auch Chirurg werden. Osteopathische Techniken verwenden sie im Alltag oft gar nicht mehr. Und wenn, praktizieren sie fast ausschließlich die parietale Osteopathie. Die viszerale ist dort kaum verbreitet, die kraniosakrale umstritten.

Für Patienten auch wichtig zu wissen: Der VOD vergibt zwar in Deutschland die Bezeichnung “D. O.” Eine rechtliche Bedeutung, darauf weist die Bundesärztekammer hin, hat der Titel aber nicht. Mit dem US-amerikanischen Abschluss sei er nicht vergleichbar.

Wie laufen Diagnose und Therapie ab?

Osteopathen nehmen sich Zeit. Bis zu eine Stunde dauert eine Sitzung, wobei Marina Fuhrmann, Osteopathieprofessorin an der Hochschule Fresenius und Vorstandsvorsitzende im VOD, nicht von “Sitzung” sprechen will. “Es ist eine Be-Handlung im wahrsten Sinne des Wortes”, sagt sie.

Osteopathen sehen ihre Methode als ganzheitliche Medizin, die an den Ursachen der Beschwerden ansetzt. Nicht Krankheiten würden behandelt, sondern deren Auslöser. Nach einem ausführlichen Vorgespräch erfolgen Diagnose und Behandlung mit den Händen. Der Osteopath setzt seine Hände ein, um angebliche Blockaden, Bewegungseinschränkungen und Verspannungen in Knochen, Muskeln, Gewebe und Organen zu ertasten.

“Individuellen Zugang zum Körper”

Dieses Abtasten und das Erspüren des Gewebes wird als Palpation bezeichnet und ist laut VOD “die Grundlage der osteopathischen Diagnostik und Behandlung“. Daneben sei die sogenannte Perzeption wichtig, sagt Fuhrmann. Also die Wahrnehmung. Sie beginnt ihr zufolge, wenn der Behandler das Gewebe untersucht oder „den Ausdruck des Gewebes testest“. Auf Grundlage dieses Ergebnisses zu diesem Moment entscheide der Osteopath, wie er vorgehe, so Fuhrmann. „Eine ganz individualisierte, patientenzentrierte Behandlung.“

Für die Osteopathieprofessorin wäre es falsch, in der Praxis die Osteopathie in die drei Bereiche – parietal, viszeral und kraniosakral – zu unterteilen. “Das sind Hilfsmittel”, sagt sie, die Unterteilung erfolge zu didaktischen Zwecken. Wenn man so aufteile, gerate “man noch in die Falle, dass man sagt, es gibt osteopathische Techniken”. Die Kunst der Osteopathie sei es hingegen, das Gelernte in der Praxis zusammenzubinden. Mit dem Faktor Erfahrung habe der Osteopath “individuellen Zugang zum Körper”. Da könne es sein, dass “ein Patient mit dem gleichen Befund von fünf Osteopathen unterschiedlich behandelt wird”. Entscheidend sei, dass das Gewebe “eine Antwort gebe” und in der Behandlung reagiere.

Ein Mix aus nachvollziehbaren Zusammenhängen und “absurden Annahmen”

“Ganzheitlich”, “individuell”, “patientenzentriert”, “Ursachen statt Symptome”, “der Körper als Einheit” – die Schlagworte mögen gut klingen. Für Kritiker wie Edzard Ernst, emeritierter Professor für Komplementärmedizin an der University of Exeter, ist die Osteopathie vor allem eins: “verwirrt und verwirrend”. Die Definition allein sei voller haarsträubender Klischees und nichtssagender Allgemeinplätze, sagt er, der sich in seinem aktuellen Buch “Heilung oder Humbug?” und in seinem Blog ebenfalls mit Osteopathie beschäftigt.

“Jede gute Medizin ist ganzheitlich und auch ein Arzt zentriert sich auf Patienten.” Die viszerale und kraniosakrale Osteopathie sei in ihren Annahmen “völlig absurd”. Der Begriff der Blockade: nicht einheitlich definiert. Nachvollziehbar noch, wenn es sich dabei um Bewegungseinschränkungen durch muskuläre Verspannungen handelt. Alle anderen Blockaden, etwa des Energieflusses, seien “reine Fantasiegebilde”, so Ernst.

Quantenkontakt, bioenergetische Felder und kristallines Bewusstsein

Teilweise seien in der Osteopathie Vorstellungen des Körpers gängig und Konzepte, wie Krankheit entsteht, die nichts Reales mehr hätten, kritisiert auch Grams. In einem aktuellen Lehrbuch zur Osteopathie findet sich in der Tat ein Sammelsurium aus schulmedizinisch nachvollziehbaren Zusammenhängen und esoterischen Anklängen wie Quantenkontakt, bioenergetischen Feldern und kristallinem Bewusstsein.

Für die Behandlung bedeutet all das: “Vieles liegt im Ermessen der Therapeuten”, so die Ärztin. “Ein Osteopath kann frei entscheiden, ob er eher manuell therapiert und etwa am Gelenk drückt oder dehnt. Oder ob er einen vermeintlichen Energiefluss erspüren will.”

Antworten zurückgezogen

Im Rahmen der Recherche haben wir über solche Vorwürfe auch mit Kilian Dräger gesprochen. Er ist Vizepräsident des Berufsverbands deutscher osteopathischer Ärztegesellschaften e. V. (BDOÄ). Er antwortete zwar auf die Fragen, zog seine Antworten jedoch später wieder zurück und möchte in diesem Artikel nicht zitiert werden.

Tatsächlich wundert sich, wer tiefer in das Thema einsteigt, Studien recherchiert und unter die Lupe nimmt, was die Osteopathie alles heilen oder welche Beschwerden sie lindern will – und wie hingegen die Studienlage aussieht.

Gegen was soll Osteopathie helfen?

Für Osteopathieprofessorin Fuhrmann ist diese Frage falsch. “Man sollte eher fragen, wann stößt die Osteopathie an ihre Grenzen?”, sagt die Vorstandsvorsitzende des VOD. Ihr zufolge ist eine osteopathische Behandlung nicht sinnvoll, wenn es sich um eine bösartige Erkrankung handelt. Auch ein Knochenbruch müsse etwa von Akutmedizinern versorgt werden.

Bei allen anderen Erkrankungen ist für sie die Unterstützung zur Selbstregulation möglich – “vom Säugling bis zum Greisen”, sagt sie. “Das kann auf allen Gewebeebenen sein, ob im Organ- oder muskuloskelettalen Bereich. Da ist nichts ausgeschlossen, vom Arthroseschmerz bis hin zum Tinnitus.”

Omnipräsente Osteopathie

Tatsächlich ist die Osteopathie in den unterschiedlichsten Gebieten unterwegs: Bei Frühgeborenen und Babys, in der Gynäkologie, der Hals-Nasen-Ohren-Medizin, der Kardiologie, der Orthopädie oder sogar bei Sprachstörungen. Die Internetseite des BDOÄ listet um die 100 Beschwerdebilder auf – vom unerfüllten Kinderwunsch über Rheuma bis hin zu venöser Insuffizienz, Migräne und Inkontinenz.

Wie ist die Studienlage?

Auf die Nachfrage, welche Studien die Wirksamkeit belegen, reichte der VOD der Autorin dieses Artikels freundlich und überzeugt eine Liste mit an die 20 Studien weiter. Und betont, dass diese in Medline, also einer anerkannten medizinischen Datenbank, gelistet seien. Doch die genaue Durchsicht der Studien ergibt: Nahezu ausnahmslos alle schränken ihre Ergebnisse ein und weisen auf Unsicherheiten hin.

Die Behandlung sei “möglicherweise hilfreich”, ist dort etwa zu lesen, die Studienqualität sei “sehr gering”, “gering” bis “mittel”, es gebe zu wenig Studien, diese seien klein, die “Evidenz vorläufig” und “nicht ausreichend, um endgültige Schlussfolgerungen zu ziehen”. Immer wieder wird betont, dass man weitere, methodisch bessere, tragfähigere Studien brauche, die auch genauer festhalten, was in der osteopathischen Behandlung überhaupt passiert sei. Manche Autoren versuchen einen gewagten Spagat und legen Effekte nahe – wobei sie gleichzeitig auf die bislang wenig tragfähige Datenbasis hinweisen. Sogar eine Studie von Osteopathiekritikern findet sich in der Liste.

Kann man hier wirklich von Wirksamkeitsbelegen sprechen?

“Das ist ganz typisch in dem Bereich der Alternativmedizin. Da wird mit Studien geblufft und die Leute verlassen sich darauf, dass sie außer dem Titel, dem Datum und dem Zeitschriftennamen nichts weiter lesen und beeindruckt sind“, sagt Ernst.

“Ich bin nicht grundsätzlich gegen die Osteopathie”, sagt auch Cordula Braun, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Cochrane Deutschland und Ko-Sprecherin des Fachbereichs Gesundheitsberufe im Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin. Die Forschungslage finde sie allerdings “absolut ernüchternd”, es tue sich seit Jahren nichts in Sachen Qualität.

Braun beschäftigt sich regelmäßig mit dem Thema, für diesen Text hat auch sie noch einmal die gängigen Datenbanken nach neuen, qualitativ hochwertigen Studien durchforstet. Ansatzweise Evidenz gebe es für die parietale Osteopathie, sagt sie. “Da gibt es Hinweise auf positive Effekte, aber der direkte Vergleich mit anderen therapeutischen Schulen fehlt. Bei der viszeralen und kranialen Osteopathie wird es sehr dünn.”

Cochrane

Cochrane ist ein internationales, unabhängiges Netzwerk aus Wissenschaftlern, Ärzten und Gesundheitsfachberuflern, das systematische, evidenzbasierte Übersichtsarbeiten zur Bewertung von Therapien erstellt. In Freiburg befindet sich die deutsche Vertretung von Cochrane. Cochrane Deutschland unterstützt Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auch methodisch bei der Erstellung von hochwertigen systematischen Übersichtsarbeiten, etwa durch Workshops.

Die bislang besten Belege gibt es beim Rückenschmerz

Das sehen auch Mediziner wie Grams und Ernst so. Die belastbarsten Belege gibt es beim Rückenschmerz – ein Thema, mit dem sich auch der sogenannte IGeL-Monitor 2018 beschäftigt hat, der den Nutzen von Selbstzahlerangeboten bewertet. “Es sind durchaus eine Reihe an Studien zu dem Thema durchgeführt worden”, sagt die Leiterin des IGeL-Monitors, Michaela Eikermann.

Für Patientinnen und Patienten sei wichtig zu wissen: Nur wenige zeigen, dass es tatsächlich etwas bringt. Der Bericht spricht daher von ersten Hinweisen. “Möglicherweise lässt sich bei chronischen Rückenschmerzen durch Osteopathie ein Erfolg erzielen, was Schmerz und Beweglichkeit angeht”, sagt Eikermann. “Das wissen wir aber noch nicht sicher.” Andererseits: Hinweise, dass es zu schwerwiegenden Schäden kommt, gibt es laut IGeL-Monitor auch nicht. Für chronische Rückenschmerzpatienten kann es also durchaus einen Versuch wert sein.

Und darüber hinaus?

Da die Osteopathie so viele Bereiche abdecken will, sind zu einzelnen Themengebieten oft nur sehr wenige Studien vorhanden. Diese haben dann häufig noch methodische Probleme: Sie sind sehr klein, schaffen es kaum, einen Effekt zu zeigen, sie vergleichen nicht mit der Standardtherapie und haben ein hohes Verzerrungspotenzial, da sie etwa nicht verblindet sind. Behandler und Patient wissen also oft, wer was bekommt. Das kann die Ergebnisse beeinflussen.

“Bei vielen Studien kann man daher kein hohes Vertrauen in die Ergebnisse haben”, sagt Cochrane-Mitarbeiterin Braun. Problematisch auch: Mitunter ist gar nicht festgehalten, was genau in der Behandlung passiert. “Bei der Osteopathie muss man hinter viele Bereiche und Wirkversprechen noch ein riesiges Fragezeichen setzen.”

Viele Studien, bislang wenig tragfähige

Man “sehe die Effekte” in der Praxis, betont hingegen Fuhrmann. Natürlich gebe es nie genügend Evidenz, mehr sei immer möglich. Aber: “Was da ist, ist da. Da hat man sich auf allen Seiten Mühe gegeben”, sagt sie. Es sei auch klar, “dass bis heute nicht das vorhanden ist, was wir uns alle wünschen”. Aber dass man sage, “es gibt überhaupt nichts an wissenschaftlichen Publikationen oder Arbeiten, da kann ich nicht mitgehen.”

Quantität sei nicht gleich Qualität, kritisiert hingegen Braun. “Und das Vorliegen vieler wissenschaftlicher Arbeiten allein kein Wirksamkeitsbeleg.”

Auch der BDOÄ listet auf seiner Seite zahlreiche Studien auf, diese Literaturübersicht hat der Verband 2017 der Bundesärztekammer vorgelegt. Hintergrund: Der BDOÄ beantragte damals, die Zusatzweiterbildung “Osteopathische Medizin” in der neuen, seit 2018 beschlossenen Weiterbildungsordnung der Ärzte zu verankern. Die Deutsche Gesellschaft für Manuelle Medizin analysierte in dem Prozess diese Literatur, das Fazit: “Nur wenige Ergebnisse der klinischen Studien oder Metaanalysen ergeben ein positives Bild der osteopathischen Medizin, soweit sie über die manuelle Medizin hinausgeht.”

Eine Einschätzung, die wohl nicht ganz abwegig ist: Die Gremien von Bundesärztekammer und Landesärztekammern lehnten die Aufnahme der Zusatzweiterbildung „Osteopathische Medizin“ in die Weiterbildungsordnung ab. Auch der Deutsche Ärztetag habe sich dagegen entschieden, eine solche Weiterbildung zu etablieren, so ein Sprecher der Bundesärztekammer.

Methodische Unsicherheiten werden ausgeblendet

Wie sehr Osteopathen dennoch von dem überzeugt sind, was sie in der Praxis tun, lässt sich auch auf der Internetseite des VOD erkennen. Verwunderlich: Dort findet sich etwa eine Studie zur osteopathischen Behandlung bei unspezifischen Rückenschmerzen. Der Review ist in großen Teilen gut gemacht, er erwähnt auch Unsicherheiten. So heißt es etwa in der Originalarbeit: Die kleine Stichprobengröße vieler Studien, die unterschiedlichen Vergleichsinterventionen und die Heterogenität seien “ein Grund zur Vorsicht hinsichtlich der Schlussfolgerungen”.

Der VOD bietet zudem eine Fachinformation zu dieser Studie für seine Mitglieder an, eine in Teilen recht freie Übersetzung der englischen Originalstudie durch die Autoren. Diese weist zwar auch noch auf Unsicherheiten hin, der vorangehende Satz etwa fehlt aber. Zusätzlich zur Fachinformation gibt es eine Patienteninformation. Da entfällt immer mehr der Unsicherheit, der Spin ist klar. Dort ist letztlich zu lesen: “Osteopathische Behandlung hilft bei unspezifischen Rückenschmerzen”. Bei den anderen auf der Seite auffindbaren Studien-, Fach- und Patienteninformationen zu anderen Themen ist dies ähnlich.

Auf die Nachfrage, ob man hier nicht eine Irreführung und Desinformation sehe, antwortet Fuhrmann im Telefonat: “Ist es besser zu sagen, es ist eine unsichere Form (der Evidenz, Anm. der Red.)? Wir sehen zwar, dass Patienten mit Rückenschmerzen ihre Erfolge haben und es auch wirkt.” Wenn man dann auf der Internetseite schreibe, dass die Ergebnisse moderat seien: “Wem hilft das an dieser Stelle?”

Mehr und bessere Studien nötig

Per Mail ergänzt die Osteopathieprofessorin: Die Aussage, dass die Osteopathie bei Rückenschmerzen helfe, sei voll und ganz gerechtfertigt. Man könne sicher argumentieren, die Osteopathie brauche mehr Studien, um ihre Ergebnisse stabiler abzusichern, und sie müsse ihre Forschungsanstrengungen verstärken. “Ein Mangel an Studien ist jedoch kein Beleg für eine mangelnde Wirksamkeit, sondern nur ein Zeichen, dass noch Studien fehlen.”

Es sei eine gute Anregung, “auch in den Patienteninformationen darauf zu verweisen, dass zukünftige Studien unseren Kenntnisstand verändern können”. Verändern, das wird immer wieder deutlich, meint aus Sicht der Osteopathen: das Vertrauen in die Ergebnisse verstärken. Genau da liegt allerdings das Problem: Gute Studien könnten das Vertrauen in die Ergebnisse nicht nur stärken, sie können es auch schwächen – und das, was wir zur sehen glauben, vom Tisch wischen.

Warum braucht es gute Studien – auch in der Osteopathie? Und was antworten Osteopathen darauf?

Um sicherzugehen, dass es wirklich die Therapie oder Maßnahme ist, die hilft. Dass sie besser ist als das, was bislang angeboten wird. Und dass sie sicher für die Patientinnen und Patienten ist. Von der Osteopathie gute Studien zu fordern, heißt auch, sie in ihren Ansprüchen ernst zu nehmen.

Alleine mit Studien zu werben, bringt dabei wenig. Es müssen gut gemachte sein. Davon gebe es in der Osteopathie bislang aber nur wenige, sagen Experten wie Braun, Ernst, Grams oder Eikermann. Auffällig auch: Je besser die Studie gemacht ist, desto kleiner ist bislang der spezifische Therapieeffekt der Osteopathie. “Das heißt nicht, dass in der Behandlung nichts passiert”, sagt Grams. Aber es bleibe im Grunde auf dem Niveau wie eine Scheinbehandlung, wie eine Berührung, was letztlich mit Placeboeffekten zu tun habe.

“Für die starken Behauptungen ist das zu wenig”, so Grams. “Wenn man Wunder verspricht, muss man sie auch belegen. Bislang klafft da eine große Lücke.” Und die sei zu groß für die Vollmundigkeit, mit der Osteopathie vielerorts beworben werde.

Die Bundesärztekammer forderte daher schon 2009, „dass dieselben Kriterien, die für die Nutzenbewertung in der Medizin allgemein gelten, auch für die osteopathischen Verfahren eingesetzt werden“.

Was Osteopathen entgegnen

Bei den Osteopathen findet der Ruf nach besseren Studien zwar Gehör. Andererseits merkt man immer wieder an, dass etwa eine Verblindung von Behandler und Patient nicht möglich, vielleicht auch gar nicht nötig sei oder gar zu “verzerrten Ergebnissen” führe, da der Patient sich ja bewusst für die Behandlung entschieden habe – was man methodisch abbilden müsse. Und dass die osteopathische Behandlung ein “komplexer Prozess sei”, so Fuhrmann, bei dem auch “die therapeutische Beziehung und Kontextfaktoren eine wesentliche Rolle” spielen.

Fuhrmann ist überzeugt, dass Patienten ohnehin anderes interessiert: “Wer starke Zahnschmerzen hat, sucht in der Regel nach Schmerzfreiheit und grübelt nicht über die Frage nach, welcher Anteil der Verbesserung nun den technischen Anteilen der Behandlung oder anderen wie zum Beispiel dem therapeutischen Kontext zuzuordnen ist.”

Beim Zahnarzt dürfte die Wohlfühlatmosphäre allerdings eher gering sein. Und eine entzündete Zahnwurzel lässt sich kaum allein mit einem Placeboeffekt behandeln. Erste unsichere Hinweise für einen Erfolg der Osteopathie gibt es hingegen bei Störungsbildern, bei denen die psychische Komponente durchaus mit eine Rolle spielt und wo ein Placeboeffekt Linderung verschaffen kann. Andere Beschwerden, wie akute Rückenschmerzen, bessern sich oft von allein.

“Methodisch geht mehr”

Auch wenn die Verblindung bei manuellen Therapien nicht einfach ist: “Man kann sich hier etwas einfallen lassen, etwa an der falschen Stelle behandeln”, sagt Ernst. “Methodisch geht mehr”, betont auch die Gesundheitswissenschaftlerin Barbara Buchberger, die den IGeL-Report zu Osteopathie miterstellt hat. Man könne zumindest die Person verblinden, die die Daten auswertet. Und: “Ähnlich wie Chirurgen müssen Osteopathen heraus aus dem Ansatz: ‘Ich behandele aber individuell’. Es braucht Vergleichbarkeit.

Nicht zuletzt: Eine gute Studie kostet Geld. Osteopathen haben daher durchaus recht, wenn sie anmerken, dass sie – anders als in der Pharmaindustrie – keine finanzkräftigen Sponsoren hinter sich haben. “Das ist in der Tat frustrierend”, sagt Buchberger. Der Pflege oder der Physiotherapie gehe es hier ähnlich, auch da gebe es kaum eine Lobby, oft würden methodische Kenntnisse und Geld fehlen. “Das Grundproblem verstehe ich”, sagt auch Braun. “Diese Disziplinen haben es da schwerer. Aber das nützt nichts, wir müssen uns am Ende alle auf den Weg machen.”

Verschiedene Gesellschaften und Verbände haben in einer gemeinsamen Stellungnahme zur “Osteopathie bei Kindern” diesbezüglich schon 2015 den Krankenkassen den Ball zurück ins Feld gespielt – und den Kassen nahegelegt, einmal Geld für Studien in die Hand zu nehmen und zu evaluieren, was sie da überhaupt bezahlen.

Aber die Kasse zahlt doch? Ist das nicht ein Beleg für die Wirksamkeit?

Nein. Kassen zahlen die Osteopathie nicht als reguläre Leistung, sondern als sogenannte Satzungsleistung. Das sind letztlich Marketingtöpfe und damit freiwillige Leistungen, die der Staat den Kassen eingeräumt hat, damit sie Werbung betreiben können. Kassen können damit Leistungen übernehmen, die für bestimmte Kundenkreise attraktiv sind, und so junge, gesunde Kunden für sich gewinnen.

Belege für den Nutzen sind dafür nicht nötig. “Ob das gut ist, kann man hinterfragen”, sagt Grams. “Letztlich sind auch die Satzungsleistungen Geld, das die Solidargemeinschaft bezahlt.” Geld, das also im Gesamttopf fehlt. “Und das anders vielleicht sinnvoller eingesetzt werden könnte”, so die Ärztin. Etwa auch, um die Kassenbeiträge für alle zu senken.

Eine Stunde beim Osteopathen schlägt laut VOD mit 60 bis 150 Euro zu Buche, die gesetzlichen Kassen übernehmen oft anteilig.

Wie sinnvoll ist Osteopathie bei Babys?

Auch hier gilt: Die Versprechen der Osteopathie sind groß – der Wirknachweis, wie der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) schon 2012 bemängelte, hingegen “bisher nicht ausreichend erbracht”. Das, so der Verband, gelte nach wie vor.

Die Osteopathie sieht sich dennoch als alternative Therapie bei zahlreichen Leiden: Blähungen, Bauchweh, Saug- und Schluckprobleme, anhaltendes Schreien, angebliche Haltungs- oder Schädelasymmetrien, Konzentrations- oder Wachstumsstörungen bei Kindern und Jugendlichen, ADS, Allergien oder Lernschwierigkeiten – die Liste, was Osteopathen therapieren wollen, ist lang. Manches wird gar auf Komplikationen in der Schwangerschaft oder Geburtstraumata zurückgeführt.

Wirksamkeit „unbelegt“

Dabei mangelt es auch hier an guten Studien. So kommt ein hochwertiges Review, das 2013 im Fachjournal “Pediactris” erschien und das der VOD in seiner Studienliste sogar mit aufführt, zu dem klaren Schluss: Die Evidenz für die Wirksamkeit der Osteopathie bei pädiatrischen Krankheitsbilder sei “unbelegt”, die Anzahl der Studien gering, die methodische Qualität meist schwach, die Aussagen widersprüchlich. Kleine und verzerrte Studien würden die osteopathische Behandlung befürworten, größere und methodisch zuverlässigere keinen Effekt zeigen. Viele Fragen seien offen, mehr und bessere Daten nötig. Bis dahin könne die Osteopathie „nicht als effektive Therapie für Kinder betrachtet werden und Osteopathen sollten das auch nicht behaupten“, schreiben die Autoren, zu denen auch Ernst zählt. „Soweit ich das sehe, hat sich daran bislang nichts geändert“, sagt er.

Eine der “weltweit größten Studien zu osteopathischen Behandlungen von Säuglingen im ersten Lebensjahr”, die sogenannte OSTINF-Studie, die Osteopathen ins Feld führen, ist zwei Jahre nach ihrem Abschluss noch unpubliziert. Erhältlich ist lediglich eine Pressemitteilung. Was sich daraus ablesen lässt: Auch diese Studie ist wahrscheinlich anfällig für Verzerrungen und methodisch eher schwach. (Nachtrag 25.03.2021: Mittlerweile ist die Studie unter dem Titel „Osteopathic treatment of infants in their first
year of life: a prospective multicenter observational study“ veröffentlicht. An unserer Einschätzung der Studie hat sich nicht geändert, methodisch halten wir sie weiterhin für schwach.)

Vieles wächst sich aus

Und dennoch: Eltern sind oft zufrieden. Die Behandlung zeigt vermeintlich Erfolge. Erfolge, die manchen Eltern wie ein kleines Wunder vorkommen mögen. Wie lässt sich das erklären?

“Was hier behandelt wird, sind ganz normale Prozesse in der Entwicklung, die sich auswachsen und irgendwann von selbst erledigen”, sagt Grams. Beispiel: Dreimonatskoliken. “Das ist keine Diagnose”, so die Ärztin. “Sondern eine normale, furchtbar anstrengende kindliche Entwicklungsphase”. Hier werde ein ganz gewöhnliches Baby-Dasein therapiert. Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung betont: Heftige Schreiattacken bei einem ansonsten gesunden Baby sind zwar belastend, aber harmlos – und verschwinden meist von selbst. Auf Darmprobleme werden sie heute nicht mehr zurückgeführt. Was oft hilft: Struktur, wenig Reize, Körperkontakt, Ruhe.

Ein anderes Beispiel: vermeintliche Fehlhaltungen. „Den angeborenen Schiefhals, in der Fachsprache Torticollis, gibt es zwar“, sagt Grams. „Das muss ein Arzt sorgfältig diagnostizieren.“ Aber: Er ist selten und hat mit Geburtstraumata nichts zu tun. Alle anderen angeblichen Fehlhaltungen oder Asymmetrien, die Eltern in der Tat beunruhigen können, wachsen sich aus und sind oft leicht zu beheben, etwa indem man dem Baby mal ein Spielzeug auf die andere Seite der Krabbeldecke legt – schon dreht es sich in die Richtung oder greift mit der anderen Hand. „Das KISS-Syndrom, eine angebliche kopfgelenkinduzierte Symmetriestörung, kennt die Medizin so nicht“, sagt Grams. „Aus meiner Sicht ist es schlicht erfunden.“ Laut Fuhrmann spielt das Syndrom unter Osteopathen keine hervorgehobene Rolle – auf zahlreichen Internetseiten von Osteopathen findet es sich allerdings.

Was Eltern wissen sollten

Die gemeinsame Therapiekommission der Gesellschaft für Neuropädiatrie, der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin, des BVKJ und der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin warnt daher vor einer “Medikalisierung von pädagogischen Problemen und Befindlichkeitsstörungen”.

Was also sollten Eltern beachten? Ärztlich abklären lassen, ob es sich wirklich um einen behandlungsbedürftigen Zustand handelt, sagt Grams. Gerade wenn es das erste Kind ist, kann hier der ein oder andere Tipp vielleicht schon helfen. Wer dennoch etwas tun will, statt abzuwarten, könne eine osteopathische Behandlung natürlich auch in Anspruch nehmen. “Nach allem, was wir bislang wissen, hat sie zumindest kein großes Schadenspotenzial”, so die Ärztin.

Kann Osteopathie schaden?

Zwar ist der Nutzen der Osteopathie in den allermeisten Bereichen bislang wissenschaftlich unbelegt. Das Schadenspotenzial aber wohl meist auch gering. Allerdings gilt auch hier: Nebenwirkungen werden bislang in Studien oft nicht erfasst.

Generell ist Vorsicht angebracht, wenn mit einem ruckartigen Impuls an der Wirbelsäule – vor allem der Halswirbelsäule – gerissen, gedrückt oder gezerrt werden soll oder Gelenke über ihr normales Maß gestreckt werden. “Von solchen manipulierenden Verfahren würde ich unbedingt abraten”, sagt Grams. Gehirnversorgende Blutgefäße können so einreißen, was zu Schlaganfällen und sogar Todesfällen führen kann. Zwar sind es in der Regel eher andere Disziplinen wie Chiropraktiker, die derart behandeln. Aber bei dem bunten Ausbildungs- und Methodenmix sind Patientinnen und Patienten zumindest nicht gefeit davor, an einen Osteopathen zu geraten, der diese Techniken einsetzt.

Warnung der Bundesärztekammer

Die Bundesärztekammer warnte daher schon 2009 vor solchen Risiken, stuft diese allerdings ebenfalls als eher selten ein. Um Komplikationen zu vermeiden, sei es nötig, vorab ärztlich abklären zu lassen, ob Gewebe, Knochen und Gefäße vorgeschädigt sind. Manche Osteopathen röntgen Babys daher vor der Behandlung – auch das: eine – wenn auch geringe – Strahlenbelastung.

Sollen vermeintliche kraniosakrale Rhythmen beeinflusst werden, besteht laut Ärztekammer die Gefahr, dass die richtige Diagnose verzögert wird, etwa bei psychischen Problemen.

Wie findet man einen seriösen Osteopathen?

Der VOD verweist darauf, dass auf der Seite gelistete Osteopathen eine mindestens vierjährige Ausbildung abgeschlossen haben. Auch Verbände wie der BDOÄ setzen sich für Mindeststandards ein. Allerdings: Staatlich vorgeschrieben ist bei den Lehrinhalten bislang nichts. “Ich würde immer jemanden aufsuchen, der bereits eine Ausbildung in einem Gesundheitsberuf hat, etwa einen Arzt oder Physiotherapeuten”, sagt Braun.

Ein seriöser Osteopath sei zudem, wer nicht so tue, als gebe es bereits robuste wissenschaftliche Belege.” Ein Punkt, der auch Ernst wichtig ist. Ethisch sei ein Behandler in der Medizin nur, wenn er seinen Patientinnen und Patienten wahrhaftig über die Möglichkeiten und Grenzen seiner Behandlung informiere. “Da hapert es oft bei der Osteopathie.” Viele Behandler seien zutiefst, fast religiös von ihrer Methode überzeugt. Und von ihrem Anspruch, für nahezu alle Krankheiten mit der Osteopathie ein Allheilmittel in den Händen zu haben.

Gilt nicht: Wer heilt, hat recht?

Zu sagen, die Erfahrung sei wichtiger als der wissenschaftliche Nachweis – für Ernst ist das “ein ganz gefährlicher Rückschritt und das dümmste Argument in der Medizin”. Sein Vergleich: Eine pharmazeutische Firma, die ein neues Mittel auf den Markt bringt und einfach sagt: „Einigen hat es geholfen. Wer heilt, hat recht, also ist das legitim.“ Wie käme das wohl an? Anders gesagt: Patienten steht beides zu – eine Therapie, die verlässlich nachgewiesen ursächlich wirkt und ein guter Behandler, der den Placeboeffekt, der durchaus auch neurochemische Veränderungen hervorrufen kann, als Heilkunst mit einsetzt.

“Wer ursächlich heilt, hat recht”, betont auch Grams. Wer also zuverlässig sagen kann, dass es seine Methode ist, die den Unterschied macht. Bei der Osteopathie, schreibt sie in ihrem aktuellen Buch, könnte man sagen, dass sie sich “ohne valide Belege langsam in die therapeutische Praxis hineingeschmuggelt hat und heute aus dieser Position medizinfachliche Anerkennung anstrebt”.

Was die Allgemeinmedizin von der Osteopathie lernen kann

Dennoch: Viele Patientinnen und Patienten verbinden etwas Positives mit der Osteopathie. Warum?

Zum einen, so Grams, fühlen Patienten sich in der Schulmedizin oft nicht gut behandelt. “Beim Orthopäden kann man ja oft froh sein, wenn er einem überhaupt anfasst und nicht gleich zum Röntgen schickt”, sagt sie. Osteopathen hingegen können sich Zeit nehmen. Sie fragen nach, sie hören zu, sie berühren. All das alleine ist schon wirkmächtig. Man fühlt sich gesehen und ernst genommen. Eine wärmende Hand, Berührungen, empathisches Einfühlen – das kann den Körper entspannen, die Zuwendung in einer entspannten Atmosphäre die Erwartung des Patienten positiv beeinflussen. Zudem schwinge das Versprechen eines „Mehr“ mit. “Sanft” und “ganzheitlich”, das klinge ansprechend, genauso wie die Selbstheilungskräfte, die aktiviert werden sollen. Oft sind Osteopathen auch charismatische Therapeuten, die vermeintliche Zusammenhänge aufzeigen und Dinge ansprechen, die zuvor noch niemand gesagt hat. “Das mag beeindrucken, auch das kann wirken”, sagt Braun.

All das sind allerdings Kontextfaktoren, unspezifische Therapieeffekte. Was die spezifischen Therapieeffekte angeht, ist hingegen bislang wenig belegt. “An vielen Stellen scheitert die Osteopathie schon daran, ein plausibles Modell vorzulegen, wie sie überhaupt wirken soll”, sagt Grams. Am nachvollziehbarsten noch: die parietale Osteopathie, die sich überwiegend manueller Techniken bedient. “Aber braucht man dafür die Osteopathie – oder reicht eine gute manuelle Therapie, etwa beim Physiotherapeuten?”.

Bei Rückenschmerzen oft wichtiger: Wieder in Bewegung kommen

Wer zum Osteopathen geht, sollte sich daher fragen: Ist es wirklich das, was ich möchte, wenn ich weiß, worum es sich handelt? “Dann kann man immer noch sagen, es tut mir gut, das ist vollkommen okay”, sagt die Ärztin. Die Frage sei allerdings, ob man es als Krankenkassenleistung und Medizin verkaufen muss oder ob es – Stand jetzt –
nicht größtenteils eher in den Bereich der Wellness falle. Die Kraniosakraltherapie etwa stufte die Gesellschaft für Neuropädiatrie 2001 als eine “besondere Art der Körpermassage” ein.

Auch Buchberger sagt: “Ich würde es ausprobieren, mich aber nicht dafür aussprechen, dass es von der Solidargemeinschaft bezahlt werden muss.” Gerade bei Rückenschmerzen sei es meist wichtiger, den sitzenden Lebensstil zu verändern und wieder in Bewegung zu kommen.

Man könne die Behandlung genießen, auch sagen, dass sie einem geholfen habe, so Grams. Was man nicht machen dürfe: Sagen, dass allein das schon ein Beweis ist, dass die Osteopathie ursächlich wirkt. “Das ist zu viel.”

Autorin: Lea Wolz

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4 Kommentare;

  1. Wenn die Skeptiker von ausgewogen schreiben und als Experten Ernst und Grams genannt werden, dann ist es mit Sicherheit eins nicht: Ausgewogen

  2. Frau Grams als fachliche Kompetenz zum Thema Osteopathie zu befragen ist fast so, als würde man Donald Trump eine Einschätzung zu Journalisten geben lassen. Bei allem Respekt für berechtigte Kritik zu unserem Beruf, bitte mal andere Quellen suchen als immer wieder diese frustrierte Frau und ihre Gefolgschaft. Das spricht jetzt wirklich nicht für qualifizierten Journalismus. Und übrigens: uns Osteopathen ständig als blöde Geldmacher zu bezeichnen (btw: Frau Grams versucht gerade Geld mit einem Buch über Selbstheilungskräfte zu verdienen- evidenzbasiert???) ist auch so oberflächlich und polemisch, dass auch ein Großteil von Patienten gerne abwinkt. Und die werden übrigens ständig als unmündige Opfer dargestellt. Warum? Ich erlebe Patienten eher als sehr aufgeklärt und mit einem Anspruch auf eine Besserung von Beschwerden. Wenn nichts passiert- dann ist die Behandlung beendet. Aber ganz verrückt: zum Glück passiert sehr häufig sehr viel. Und daher – neben enttäuschten Patienten- ist für viele Menschen der Weg zum Osteopathen ein positive Erfahrung. Ob das Frau Grams und Co passt oder nicht.. sorry. Vielleicht sollte sie sich um eine Arbeit kümmern, die sie ausfüllt, dann muss ihr Lebensinhalt nicht aus dem Schlechtmachen anderer Menschen bestehen. Und dass ihr das schwer fällt ist ja hinlänglich bekannt… 🤷‍♀️

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