Darum ist in Ökostrom-Tarifen oft nicht nur Ökostrom drin

Windräder auf einem Feld Foto: Zbynek Burival / unsplash.com

Erneuerbare Energien

Darum ist in Ökostrom-Tarifen oft nicht nur Ökostrom drin

Wer einen Ökostrom-Tarif abschließt, denkt meist: „Mein“ Strom stammt aus erneuerbaren Energien – gut fürs Klima. Stimmt aber häufig so nicht.

29. Juli 2020

Was ist Ökostrom?

Grundsätzlich ist der Strom, der aus der Leitung kommt, überall der gleiche. In der Leitung wird nicht unterschieden, wie die Elektronen erzeugt worden sind: Ob aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Sonne, Wasser, Biomasse – oder eben aus konventionellen Energieträgern wie Kohle, Atomkraft oder Erdgas.

Der Begriff „Ökostrom“ ist auch nicht genau definiert. Das Verbrauchermagazin „Öko Test“ kritisiert, dass es – anderes als etwa bei Bio-Lebensmitteln – keine gesetzliche Regelung gibt, die den Begriff schützen oder genau erklären, was sich eigentlich dahinter verbirgt.

Trotzdem kann man bei vielen Energieversorgern Ökostromtarife abschließen

Ökostrom sollte Strom sein, der zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammt. So weit, so klar. Nur: Das heißt nicht wirklich, dass der Ökostrom-Anbieter auch Anlagen unterhält, die Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugen – wie Photovoltaikanlagen oder Windräder.

Welcher Strommix einem Tarif zugrunde liegt, steht auf jeder Stromrechnung – allerdings meist ziemlich weit hinten. Dort ist dann der Anteil der Quellen aufgelistet, aus denen der Strom stammt. Doch selbst wenn dort „nur“ etwa Wind, Sonne und Wasser als Quellen stehen, ist dies oft eine Mogelpackung. Denn der Strom aus konventionellen Quellen erhält oft einfach ein anderes Label. Ganz legal.

Wie kann aus konventionellem Strom Ökostrom werden?

Strom aus erneuerbaren Quellen muss in Europa gekennzeichnet werden. Und für jede Megawattstunde dieses Stroms erhält der Stromerzeuger einen Herkunftsnachweis, ein so genanntes Zertifikat. Diese Zertifikate werden im Rahmen des so genannten „Renewable Energy Certificate System“ (RECS) europaweit gehandelt. Das ist in Verordnungen und Gesetzen entsprechend festgelegt. Das RECS ist Teil des europäischen Handels mit Strom-Zertifikaten.

Norwegen: Dealer für Ökostrom-Zertifikate

Wenn ein Stromanbieter, der in Deutschland Kohlekraftwerke betreibt, seinen Kundinnen und Kunden auch Ökostrom anbieten will, kann er diese Herkunftsnachweise beispielsweise in Norwegen kaufen. In Norwegen stammt ein großer Teil der Energie aus Wasserkraft – also aus einer erneuerbaren Quelle.

Die Zertifikate dafür werden über das RECS gehandelt und verkauft. Der deutsche Anbieter kann mit dem Kauf der Zertifikate dann seinen Strom als Ökostrom anbieten. Die Mengen, wie viele Kilowattstunden aus einer Quelle stammen, sind entsprechend festgelegt.

Klarer Fall von Greenwashing

Der norwegische Strom aus diesem Beispiel dürfte dann in Norwegen nicht mehr als komplett grüner Strom verkauft werden. Das ist aber meist sowohl für Hersteller als auch für die Kunden in Norwegen nicht wichtig.

Diese Art der Umetikettierung ist ein Beispiel für sogenanntes Greenwashing: Ein Produkt erscheint so deutlich grüner und ökologischer als es eigentlich ist.

Was ist das Problem an dieser Um-Etikettierung?

Heißt also: Selbst wenn immer mehr von uns Ökostrom kaufen, ändert sich am Strom und auch am Strommix hier in Deutschland – gar nichts. Der Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien steigt dadurch nicht, die Energiewende wird nicht weiter vorangetrieben.

Nur auf dem dem Papier ändert sich etwas: Fließt in die Ökostrom-Tarife nur Strom aus erneuerbaren Quellen, fließt weniger davon in die Normalstrom-Tarife. Sie werden „dreckiger“ – wie gesagt, nur auf dem Papier. In diesem Modell ist es, vereinfacht gesagt, für Hersteller auch nicht attraktiv, ihr Portfolio zu ändern, also etwa von Kohle- oder Atomstrom auf erneuerbare Quellen umzusteigen.

Umwelt und Klima bringt das wenig

Eine Analyse des Umweltbundesamtes kommt zu dem Schluss, dass der Handel mit Ökostrom-Herkunftsnachweisen an sich keinen wirklichen Nutzen für Umwelt und Klima haben.

Es gibt aber auch Anbieter, die wirklich etwas für die Energiewende tun – und sich verpflichten, in den Ausbau erneuerbarer Energien zu investieren. Und so den Anteil an Strom aus erneuerbaren Quellen erhöhen. Allerdings ist strittig, wie stark die Nachfrage nach diesen „echten“ Ökostrom-Angeboten dazu führt, dass die Energiewende mit dem Ausbau erneuerbarer Energiequellen vorangetrieben wird.

Wieso gibt es trotzdem immer mehr Strom aus erneuerbaren Quellen?

In Deutschland gibt es durchaus eine Nachfrage nach Ökostrom. Aber: Obwohl der Anteil an Strom aus erneuerbaren Energien inzwischen bei rund 40 Prozent liegt, gibt es nicht so viele Herkunftszertifikate auf dem deutschen Markt. Das liegt daran, dass es in Deutschland zwei unterschiedliche Mechanismen gibt, nach denen Strom aus erneuerbaren Quellen gefördert und vergütet wird: Den europäischen Zertifikate-Handel – und das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG).

Die meisten Projekte und Anlagen, mit denen Strom aus erneuerbaren Energien entsteht, werden durch das Erneuerbare Energien Gesetz gefördert. Grüner Strom, der so mitfinanziert wurde, darf nicht noch zusätzlich mit den Zertifikaten aus dem europäischen Handel als Ökostrom verkauft werden. Das ist so geregelt, weil die Betreiber der Anlagen sonst doppelt abkassieren könnten. Und die Förderung durch das EEG ist lukrativer als die Vermarktung der Zertifikate. Für den Ausbau der erneuerbaren Energien spielt der Zertifikate-Handel laut Untersuchungen des Umweltbundesamtes eine eher geringere Rolle.

Die Förderung von grüner Energie aus dem EEG bezahlen alle Stromkunden mit, egal, welchen Tarif sie haben. Er beträgt aktuell rund 6,7 Cent pro Kilowattstunde, was in etwa 20 Prozent des Strompreises sind. Dieses Geld fließt auf jeden Fall in den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Wie erkenne ich „guten“ Ökostrom?

Es gibt Anbieter, die sich dazu verpflichten, auch in den Ausbau der erneuerbaren Energien zu investieren. Dazu gibt es entsprechende Labels, etwa das Grüner-Strom-Label und das Ok-Power-Label (beide werden von den Verbraucherzentralen empfohlen). Hinter dem Ok-Power-Label stehen vor allem die Verbraucherzentrale NRW und das Öko-Institut. Das Grüner-Strom-Label wird maßgeblich vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) und vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) unterstützt. Diese verpflichten sich, nicht auf den Zertifikate-Handel zu setzen.

Ein weiteres Erkennungsmerkmal für „echten“ grünen Strom ist auch, ob die Anbieter Aktivitäten rund um den Ausbau erneuerbarer Energien finanzieren: Bürgerenergieprojekte, Erforschung und Ausbau von Speichertechnologien, Erweiterung der E-Mobilität. Allerdings gibt es auch Anbieter, die kein Label haben – weil ihnen ein solches Label etwa zu teuer ist. Trotzdem können die beiden angegebenen Label eine Orientierung für Stromkunden sein, die „guten“ Ökostrom beziehen möchten.

Was kannst du tun?

Zunächst einmal kann man auf der Stromrechnung checken, woher genau der Anbieter seinen Strom bezieht. Vielleicht hat mein Anbieter ja sogar ein verlässliches Label. Zu einem Ökostrom-Tarif zu wechseln, ist unübersichtlich, denn bundesweit gibt es mehr als 8000 Ökostrom-Tarife. Manche Branchenexperten sagen: In mehr als 90 Prozent der Fälle ist der Strom eben gar nicht wirklich grün. Neben den oben aufgeführten Labels gibt es Listen, in denen die Anbieter von „echtem“ Ökostrom aufgelistet sind.

Am meisten tun wir für Umwelt- und Klimaschutz, wenn wir möglichst viel Energie einsparen – und gar nicht erst verbrauchen. Es gibt außerdem die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden: Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach oder Balkon, vielleicht kommt Solarthermie in Frage oder aber der Einbau einer Wärmepumpe im Haus.

Autorin: Annika Franck

4 Kommentare;

  1. „Es gibt außerdem die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden: Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach oder Balkon…“

    Der letzte Satz ist der entscheidende! In der ganzen Diskussion um Herkunftsnachweise, Labels etc. geht es ja ausschließlich darum, wem die bereits existierende (!) Ökostromproduktion vertraglich/bilanziell zugeordnet wird. Also wer das gute Gewissen hat und wer nicht.

    Würden alle heute ihren Ökostromtarif kündigen (egal welchen), würde deshalb kein einziges Windrad und keine Solaranlage ihre Produktion einstellen (der Ökostrom würde folglich allen Graustromkunden zugeordnet). D.h. Nachfrage nach Ökostrom hat so gut wie keinen Einfluss auf den Ausbau/Weiterbetrieb der EE und einzig das hat einen zusätzlichen Klimaschutzeffekt. Sehr gute Studie dazu: https://www.hamburg-institut.com/images/pdf/studien/1904_Studie_HAMBURG_INSTITUT_Oekostrommarkt_2025.pdf

    Die Refinanzierung der EE und die für langfristige Investitionen erfoderliche Planungssicherheit resultieren aktuell ausschließlich aus dem EEG (Einspeisevorrang und Einspeisevergütung/Marktprämie), nicht aus der Nachfrage nach Ökostrom. Herkunftsnachweise und auch Regionalnachweise sind bisher eine Randnotiz, nicht mehr.

    Wir haben jetzt 20 Jahre lang Ökostrom (egal welchen) als das Non-plus-ultra verkauft für alle, die unkompliziert „was fürs Klima tun möchten“, doch nach wie vor sind über 90% der Haushalte nicht an EE und damit auch nicht finanziell am Erfolg der Energiewende beteiligt (d.h. sie sind Netto-Zahler des EEG-Umlagesystems). Wirds nicht langsam Zeit, dass jede/jeder seinen Anteil am Ausbau der EE bekommt, mit eigener Anlage oder per Investition in andere EE-Projekte?

  2. Ergänzend hierzu:
    1 . Die meisten Ökostromzertifikate berücksichtigen Stromerzeugung und Verbrauch nur über die Jahresbilanz. D.h. der Strom kann im Juli oder Oktober produziert und im Januar oder April verbraucht werden. Anders gesehen wäre damit jeder Häuslesbesitzer z.B. mit einer 5 kW-PV-Anlage auf seinem Dach und ca. 4.000 kWh Verbrauch zertifizierungsfähig. Macht er natürlich nicht, da die Kosten für die Zertifizierung in keinem Verhältnis stehen.
    2. Die EEG-Vergütung wird zwar durch die EEG-Umlage finanziert, problematische ist jedoch die Ermittlung dieses Betrags, da er sich aus der Differenz der Vergütungsaufwendungen und des Börsenstrommarktes zusammensetzt und somit gleichzeitig den Strompreis an der Börse auf niedrigere, teilweise negative Werte herunterdrückt. (Viele Angebot, begrenzte Nachfrage). Dies wurde in den ersten Jahren des EEGs anders, aus meiner Sich besser, ermittelt.
    3. Die EEG-Umlage auf eigenerzeugten Strom zu erheben ist ebenso fragwürdig, wie bei der Umlage in räumlicher Nähe. Wenn Sie heute eine PV-Anlage in einem Mehrfamlienhaus bauen wollen, müssen alle Mieter auch hierauf 100% EEG-Umlage bezahlen. Diesen können Sie sich zwar über einen sog. Mieterstromzuschuss teilweise wieder zurückholen, der Aufwand ist jedoch so eine unnötige bürokratische Hürde und wird daher kaum praktiziert. Die Weitergabe nach dem unter 1. beschriebenen Prinzip ist hier derzeit in der Regel nicht zulässig.

  3. Ich bin ein echter Fan von Quarks, aber in diesem Fall muss ich leider kritisieren, dass man sich nicht ausreichend mit dem Thema befasst hat. Fakt ist, dass RECS längst durch GoOs abgelöst wurden, die nach EU-Richtlinie und nationalem Energiewirtschaftsgesetzt anerkannt werden – selbst in der Stromkennzeichnung! Fakt ist auch, dass nur dann echter Ökostrom aus der Steckdose kommt, wenn eine PV-Anlage auf dem Dach ist oder man direkt neben einer Windkraft- oder Solaranlage wohnt. Nur Wind weht nicht immer und die Sonne scheint nicht immer. Das Thema Ökostrom ist komplexer und der Vorwurf des Greenwashings gilt ebenso für alle anderen Produkte, die eine echte Ökostromlieferung suggerieren – denn diese sind am Ende des Tages auch nur bilanzielle und damit virtuelle Geschäfte. Gerne können wir uns hierzu konkreter austauschen, wenn das gewünscht ist.

    1. In deinem Text definierst du echten Ökostrom danach ob ein erneuerbares Kraftwerk (PV, Wind etc.) in deiner Nähe ist, das ist kein Fakt, dass ist deine Definition und Vorstellung von Ökosotrom. Echter Ökostrom ist nicht definiert, sondern wird über verschiede Kriterien bei verschiedenen Labeln oder Siegeln eingegrenzt und die beziehen sich nicht darauf ob neben dir eine solche Anlage steht. Man muss bei Ökostrom die Themen des physikalischen Stromflusses und dem Geldfluss trennen. Bei Ökostrom geht es nicht darum was aus deiner Steckdose herauskommt, sondern wie der Strom auf der anderen Seite ins Netz eingespeist, also erzeugt wird. Dementsprechend kannst du dir überlegen ob du dein Geld Anlagenbetreibern von Kohlekraftwerken oder Windkraftanlagen geben willst. Darüber hinaus gibt es bei Ökostrom einmal das Angebot, dass die Menge, die du verbrauchst als Ökostrom eingespeist wird aber auch, dass dies zeitgleich passiert. Das heißt es gibt verschiedene Qualitäten oder Auslegungen von Ökostrom. Weitere Kriterien findest du bei den Siegeln.
      Die Kritik an Quarks, dass sie sich nicht ausreichend mit dem Thema beschäftigt haben, kann schnell zum Boomerang werden.

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