Quallen: Sehen wir eine Invasion des Glibbers?

Leuchtend blaue Quallen vor schwarzem Hintergrund.

Quallenblüten

Quallen: Sehen wir eine Invasion des Glibbers?

An vielen Küsten werden immer mehr Quallen und andere gelatinöse Arten beobachtet. Was der Mensch damit zu tun hat? Das.

18. November 2020

Gibt es wirklich mehr gelatinöse Tiere im Meer – oder ist das nur ein Phänomen der Medien?

Medien berichten von „Glibber-Alarm“, „Invasion der Quallen“ oder der „großen Quallenplage“ – und der eine oder andere Urlauber wird den Eindruck bestätigen können, die Zahl der glibberigen, gelatinösen Tiere im Meer sei in den letzten Jahren stark gestiegen. In der Wissenschaft aber ist diese Frage noch nicht abschließend geklärt.

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Gelatinöses Zooplankton

Quallen gehören zum sogenannten gelatinösen Zooplankton. Das Zooplankton bilden Tierarten, die sich nicht aus eigener Kraft gegen eine Meeresströmung fortbewegen können, sondern mit ihr treiben. Und gelatinös, weil sie einen hohen Anteil an Wasser im Körper haben.

Manche Forschende glauben, dass sich – auch durch solche Medienberichte getriggert – nur mehr Menschen für Quallen und  Co. interessieren. Deshalb würden auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Quallenblüten mehr Aufmerksamkeit schenken, die immer wieder auftreten.

Tatsächlich ist es in einigen Fällen schwer, direkte Vergleiche zu ziehen, da historische Daten fehlen. Auch ist es gar nicht so einfach, genau zu bestimmen, wie viele gelatinöse Tiere eigentlich wirklich durchs Meer gleiten, weil die Quallenblüten zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten stattfinden und die wässrigen Tiere sich nach dem Fang so schnell zersetzen – was das Zählen und Wiegen erschwert.

Klar ist aber: Forschende haben gerade in vielen Küstenbereichen in den letzten Jahren regelrechte Invasionen mancher Tiere beobachtet – und das auch in höherer Frequenz als vorher. „Jellyfication“ wird das Phänomen auch genannt, in Anlehnung an die englische Bezeichnung für Quallen: jellyfish.

Glibber ist nicht gleich Glibber

„Will man die Frage beantworten, ob es immer mehr gelatinöses Plankton gibt, muss man zwischen Arten, Lebensstadien und Meeresgebiet differenzieren,“ sagt die Quallenforscherin Prof. Jamileh Javidpour von der Süddänischen Universität in Odense.

Denn nicht nur Quallen, sondern auch Rippenquallen und Salpen zählen zum gelatinösen Zooplankton. Diese drei Gruppen unterscheiden sich stark voneinander. Sie gehören zu völlig unterschiedlichen Tierstämmen und haben sich unabhängig voneinander entwickelt. Quallen fangen beispielsweise ihre Beute mit giftigen Nesselkapseln in den Tentakeln, während Rippenquallen und Salpen gar keine Nesseln haben. Rippenquallen fangen ihre Beute mit Klebzellen, Salpen filtern ihre Nahrung aus dem Wasser. Und auch innerhalb der Gruppen gibt es von Art zu Art und zwischen Lebensstadien große Unterschiede.

Besonders bei vielen Quallen: der Lebenszyklus

Nach der Befruchtung des Eis bildet sich eine Larve aus, die sich auf harten Strukturen am Meeresboden festsetzt. Daraus wächst, fest am Boden, der sogenannte Polyp. Dieser wiederum kann sich immer wieder einschnüren. Dadurch lösen sich, besonders im Frühsommer zur Quallenblüte, die sogenannten Medusen ab. Medusen kennen wir als die eigentlichen Quallen, die majestätisch durchs Wasser gleiten und dann wiederum selbst Eier und Spermien produzieren können. Rippenquallen und Salpen bilden dagegen keine Polypen.

Gerade Arten, die Polypenstadien haben, sind toleranter gegenüber zukünftigen Umweltveränderungen. Genauso auch solche Tiere, die mehr an gemäßigte Klimazonen angepasst sind. Deshalb ist zu erwarten, dass sich insbesondere Quallen, aber auch bestimmte Rippenquallen- und Salpenarten aus mittleren Breitengraden in Zukunft weiter verbreiten werden.

Wie sieht es in Nord- und Ostsee aus?

Die Quallenblüten in unserer heimischen Nord- und Ostsee verändern sich. Zeitserien im Wattenmeer der Nordsee zeigen, dass diese hier für viele Arten immer früher im Jahr auftreten. Während etwa die Ohrenqualle Aurelia aurita in den 1930er-Jahren Mitte Mai auftrat, wurden die ersten Exemplare 2010 schon einen ganzen Monat früher gesichtet. Bei manchen Arten lassen sich auch noch wesentlich später im Jahr Medusen im Wasser finden als früher.

Auch in der Ostsee lassen sich schon Veränderungen beobachten. Obwohl es hier wegen des geringeren Salzgehalts überhaupt nur sehr wenige gelatinöse Arten gibt, scheinen die sich dafür immer mehr auszubreiten. Zwar gebe es einzelne Jahre, in denen kaum Quallen vorkämen, sagt Quallenforscherin Javidpour. „Aber in den Jahren, wo viele Quallen zu finden sind, gibt es viel mehr als in den 80er- oder 90er-Jahren.“

Auch invasive Arten etablieren sich

In den letzten Jahren haben es auch invasive Arten geschafft, sich zu etablieren: Die Meerwalnuss Mnemiopsis leidyi etwa, eine Rippenqualle, die ursprünglich aus dem subtropischen Atlantik vor Nord- und Südamerika stammt und 2006 von Javidpour erstmals in der Ostsee beschrieben wurde – oder die Schwarzmeerqualle Blackfordia virginica. Beide Arten sind vermutlich durch Ballastwasser von Schiffen in die Ostsee gelangt; Wasser, das die Schiffe stabil im Ozean hält.

Einige Arten scheinen sich hier so wohlzufühlen, dass sie sich immer weiter ausbreiten und so zu der steigenden Zahl an gelatinösen Tieren beitragen, die dann zum Beispiel mit Fischen um dieselbe Nahrung konkurrieren. „Nichtheimische Quallen und Rippenquallen stellen ein ernst zu nehmendes Problem dar und ihre Bedeutung nimmt derzeit drastisch zu,“ sagt Dr. Cornelia Jaspers, Leiterin des Zentrums für Evolution & Ökologie von gelatinösem Plankton an der Technischen Universität von Dänemark, die die Schwarzmeerqualle 2018 das erste Mal in der Ostsee beschrieben hat.

Ist der Mensch daran schuld?

Tatsächlich scheint der Mensch einen starken Einfluss auf die Menge an gelatinösem Zooplankton im Wasser zu haben. Das liegt aber nicht nur an einer einzigen, sondern gleich an vielen Veränderungen, die wir dem Meer zumuten.

Allem voran wird meist, Überraschung, der Klimawandel dafür verantwortlich gemacht. Durch die steigenden Temperaturen können die Polypen leichter überwintern und früher im Jahr und mehr Medusen bilden. Auch scheinen viele gelatinöse Arten weniger empfindlich gegenüber Temperaturschwankungen zu sein als andere Arten – und mit Veränderungen im Salzgehalt oder saurerem Wasser, die durch den Klimawandel zu erwarten sind, gut umgehen zu können.

Auch ein Grund für die vielen Quallen: Überdüngung

Denn trotz einiger Bemühungen in den letzten Jahrzehnten gelangen durch Landwirtschaft oder Abwässer noch immer zu viele Nährstoffe ins Meer – vor allem in Küstenbereichen. Eine Folge: Mehr mikroskopisch kleine Algen blühen.

Nun fressen insbesondere manche Rippenquallen große Mengen an winzigen Krebsen, die sich sonst von diesen Algen ernähren. Sterben die Mikroalgen ab, werden sie von Bakterien zersetzt, die dafür viel Sauerstoff im Wasser verbrauchen. Für viele Arten ein Problem. Aber: „Quallen und Rippenquallen haben eine große Toleranz und kein Problem mit niedrigen Sauerstoffkonzentrationen, Fische hingegen schon. Ein weiterer Grund, warum Quallen einen Vorteil unter schwierigen Umweltbedingungen haben können“, sagt Jaspers.

Quallen lieben Plastikmüll

Ein anderer Grund dafür sind wohl auch die festen Konstruktionen, die der Mensch in den Küstenbereichen vermehrt ins Meer schafft, etwa Offshore-Windanlagen, Hafenkonstruktionen oder auch größere Plastikteile aus dem Müll, auf denen Polypen besonders gerne zu siedeln scheinen. Sie bilden die wortwörtliche Grundlage, auf der sich Polypen niederlassen und dann vermehren können.

Und: Durch die Überfischung der Meere gibt es nicht nur weniger natürliche Feinde von Quallen, Rippenquallen und Salpen. Auch kommen dadurch weniger Konkurrenten vor, die den glibberigen Arten das Futter streitig machen können.

Ist das ein Problem fürs Ökosystem Meer?

Je nach Meeresgebiet und Art fallen die Auswirkungen der vielen schwabbeligen Tiere unterschiedlich aus. Das gelatinöse Zooplankton ernährt sich von Larven und zum Teil sogar von jungen Fischen. Es konkurriert daher mit einigen Fischarten direkt um Nahrung – und kann sogar die Jungstadien seiner Feinde so dezimieren, dass sie gar nicht erst groß werden.

In der Ostsee, in der es insgesamt wenige Arten gibt, kann ein starker Quallensommer so einen großen Einfluss auf das ganze Ökosystem haben. Sind die durchschnittlichen Temperaturen sowohl im Winter als auch im Sommer besonders hoch, wie in dem letzten Jahr, lässt sich kaum noch anderes Zooplankton finden als die Quallen und Rippenquallen selbst.

Auch ein Problem für den Menschen

Aber natürlich kann auch der Mensch direkt von den wabbeligen Massen betroffen sein. Nehmen gerade auch die für uns durch ihr Nesselgift gefährlichen Arten im Wasser zu, macht das die Gebiete zum Schwimmen unattraktiv. Dadurch kann der Tourismus leiden.

Seit ein paar Jahren klagen Fischer in manchen Regionen nicht nur darüber, dass sie durch das gelatinöse Plankton weniger fangen. Es mehren sich auch die Berichte über durch Quallen verstopfte Netze. Und auch Kühlsysteme von Schiffen oder am Meer gelegenen Industrieanlagen können durch die Quallen verstopfen.

Daher gibt es erste Projekte, die versuchen, Quallen und andere gelatinöse Arten zu nutzen – als Dünger, für Kosmetik oder als Nahrungsmittel für Tiere oder Menschen. „Wir wissen aber noch zu wenig über die Bedeutung von Quallen in marinen Ökosystemen. Deshalb muss man diese Art von Forschung vorsichtig betreiben und nicht blind die Quallen aus dem System entfernen,“ sagt Jamileh Javidpour, die auch ein solches Projekt (GoJelly) koordiniert. So wurde zum Beispiel lange angenommen, dass gerade Quallen ein loses Ende im Nahrungsnetz darstellen. Inzwischen weiß man aber, dass sie die Nahrungsgrundlage für viele andere Arten sind, wie einige Fische, Vögel, Kraken oder Meeresschildkröten.

Yasmin Appelhans
ist promovierte Meeresbiologin und interessiert sich neben dem Meer insbesondere auch dafür, wie Wissenschaft und Gesellschaft sich gegenseitig beeinflussen.

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Yasmin Appelhans: ist promovierte Meeresbiologin und interessiert sich neben dem Meer insbesondere auch dafür, wie Wissenschaft und Gesellschaft sich gegenseitig beeinflussen.